Zehn Jahre Altöttinger Mieter Konvent (AMK)

„Bei uns liegen die Mieten sehr niedrig und daran wird auch die Autobahn nichts ändern!“

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Früher(links ob) und heute(rechts): ein Unterschied wie Tag und Nacht. Da staunte sogar die stv. Bundestagspräsidentin Claudia Roth(links unten) bei ihrem Besuch im AMK im Oktober 2018
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Altötting - Gerade in Wahlkämpfen ist "günstiger Wohnraum" ein Thema, das alle Parteien gerne aufgreifen. Nicht zuletzt mit Blick auf die Fertigstellung der Autobahn und die anziehenden Immobilienpreise möchte sich auch der Landkreis Altötting um die Bereitstellung von günstigen Wohnungen kümmern. Doch wie sieht es mit privaten Initiativen aus: Genossenschaften und andere Mietervereinigungen gibt es an vielen Orten. Ein einzigartiger Mieterverein feierte in Altötting kürzlich sein erstes rundes Jubiläum.

„Bei uns liegen die Mieten seit jeher sehr niedrig und daran wird auch die Autobahn nichts ändern!“, davon ist David Pietzka vom Altöttinger Mieter Konvent überzeugt. Ganz im Gegenteil, seien die Mieten im AMK seit 10 Jahren praktisch unverändert, wie das Gründungsmitglied des alternativen Mietervereins erklärt. Ermöglicht hat dies eine große Portion Enthusiasmus aller Beteiligten, wie beispielsweise Theresa Gauer, die ebenfalls von Anfang an dabei war. „Unterstützung haben wir hier erst mal überhaupt keine bekommen, eher im Gegenteil!“, erinnert sich die Politikwissenschaftlerin an die Anfangszeiten. 

Die lokalen Banken seien dem Vorhaben skeptisch gegenüber gestanden, genau, wie einige der künftigen Nachbarn des Anwesens an der Konventstraße. Dort hatte nämlich in den 1950er-Jahren die Altöttinger Firma Esterer zwölf Mitarbeiterwohnungen gebaut, deren Zukunft vor gut 10 Jahren fraglich war: Verkauf und Neubau oder eben Renovierung. In den vergangenen 10 Jahren hat sich das AMK aber entgegen aller Unkenrufe sogar zu einem kulturellen Treffpunkt entwickelt, wo gelegentlich sogar Bücherlesungen stattfinden, oder legendäre Musiker zu Gast sind. Im vergangenen Jahr gehörte das AMK mit 102 anderen Projekten in Deutschland zu den Finalisten um den "Deutschen Nachbarschaftspreis".

Altöttinger AMK feiert 2019 sein zehnjähriges Bestehen

"Da muss man schon Durchhaltewillen haben!"

Ganz ohne fremde Hilfe wäre es am Anfang dann aber doch nicht gegangen: „Da muss man schon Durchhaltewillen haben!“, erklärt Theresa Gauer. Denn bis der Verein beim Registergericht eingetragen war und man mit dem „Mietshäusersyndikat“ Unterstützer gefunden hatte, die auch praktische Hilfe geben konnten, zogen nach den ersten Überlegungen im Jahr 2007 noch fast zwei Jahre ins Land, bis der AMK 2009 schließlich die "Esterer-Häuser" sein Eigen nennen konnte. Anwohner sollen gar beim Bürgermeister ihre Befürchtungen über die Entstehung eines Späthippie-Sündenpfuhls zum Ausdruck gebracht haben, wo nur Lärm entstehen würde und vielleicht gar Illegales getrieben. 

Abgesehen davon ging es auch nicht ganz ohne Geld vonstatten, denn schließlich mussten die Häuser gekauft und auch Kredite für die drängendsten Renovierungen aufgenommen werden. „Da gibt’s genau zwei Banken in Deutschland, die sowas unterstützen!“, erklärt David Pietzka, der inzwischen die Hausverwaltung beim AMK in die Hand genommen hat. Besonders freut den Schlossermeister, der seinerzeit bei Esterer gelernt hatte, dass kürzlich eine Neubewertung der Immobilie ins Haus geflattert ist: die Gebäude sind nun mehr als doppelt so viel Wert, als sie es beim Kauf waren. Dies sei aber ein reiner Buchwert, versichert Pietzka, denn über die Beteiligung des Mietshäusersyndikats und des AMK e.V. an einer GmbH, deren Gründung für die Führung der Geschäfte nötig war, wird ein Verkauf nie zur Debatte stehen: „Es geht ja satzungsgemäß um günstige Mieten und nicht um Gewinne!“, so Pietzka.

„Es gibt immer was zu tun“, lacht der 86-Jährige

Zu Beginn der Idee standen die Wohnungen beinahe leer: nur zwei Altmieter wohnten noch dort, darunter auch der ehemalige Esterer-Mitarbeiter Walter, der im AMK noch heute gern mit Rat und Tat zur Seite steht: „Es gibt immer was zu tun“, lacht der 86-Jährige. Wie zum Beispiel die neuen Überdachungen für die Eingangsbereiche, die gerade erst fertig gemacht wurden. Die vor zehn Jahren noch recht unattraktiven Wohnungen wurden von den Vereinsmitgliedern und ihren Unterstützern nach und nach saniert: eine Wärmeisolierung und eine zentrale Niedrigenergieheizung, bestehend aus Hackschnitzelofen und Warmwasser-Solaranlage. 

Die Dachböden wurden großteils bereits ausgebaut und der Dachstuhl um geräumigere Gauben erweitert, genau, wie die Treppenhäuser umgestaltet wurden. All dies waren gemeinsam Projekte, die mit der Unterstützung von Architektin Ulrike Bubl großteils in Eigenarbeit erledigt werden konnten. WLAN gibt es schier selbstverständlich auf dem ganzen Gelände und momentan wird überlegt, noch eine Photovoltaik-Anlage auf den Dächern zu installieren. „So würden die Mieter dann auch noch etwas davon haben!“ erklärt Pietzka, nämlich durch die Rückvergütung des Stroms. 

Die Liste der Bewerber ist lang

Dabei sind die Kosten für die Mitglieder schon jetzt sehr überschaubar: der Mietspiegel von weniger als 6 Euro pro Quadratmeter sucht jedenfalls schon jetzt in der Kreisstadt seinesgleichen. Nur etwa 250 Euro werden monatlich für 17 durchschnittlich 50 Quadratmeter großen Wohnungen fällig – zugegebenermaßen kalt. Logischerweise ist die Liste der Bewerber lang und nur selten verlassen Mitglieder das AMK, wie Thomas Bohlmann erklärt. 

Der heutige SPD-Stadtrat hatte bis zu seiner Hochzeit respektive der Geburt seines Kindes dort seinen Lebensmittelpunkt: „Man hat da immer nette Leute um sich, die sich gegenseitig helfen!“, so Bohlmann. Aktuell leben 21 Bewohner im AMK, das zur Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks seiner Mieter, auch noch eine von drei Carsharing-Stationen in Altötting beheimatet. 

So soll die Mietqualität zusätzlich erhöht werden

Besonders häufig trafen sich die Vereinsmitglieder in der Anfangszeit, doch noch heute gibt es die monatliche Sitzung des „Konvents“, auf der dann gemeinsam überlegt wird, was man weiter verbessern könnte. Bei den Versammlungen geht es aber keineswegs nur darum, die Bausubstanz zu verbessern, sondern die Mietqualität soll sich auch anderweitig erhöhen: kulturelle Veranstaltungen oder gemeinsame Feiern, wie das jährliche Sommerfest, werden auf diese Weise organisiert. „Ein großer Schritt war die Hackschnitzelheizung und dass wir den Bunker entsprechend dimensioniert haben“, sagt David Pietzka über den Bau des Gebäudes, in das auch Gemeinschaftsräume integriert wurden. 

Dort hat der in Altötting geborene Autor Max Brym schon aus seinen Büchern gelesen, oder die Punk-Ikone T.V. Smith aus London ihre Hits zum Besten gegeben. Genau, wie dort auch schon politische Veranstaltungen stattgefunden haben, wie die Bürgerinitiative zur Verkehrsberuhigung oder der Besuch der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Claudia Roth(Grüne), die im vergangenen Jahr am Rande des Landtags-Wahlkampfs das AMK besuchte.

Das Ziel: bezahlbarer Wohnraum für aktive Mieter

Die Idee entwickelt sich so gut, dass es momentan bereits ans Expandieren geht: aus dem AMK heraus ist im vergangenen Jahr nach dem Vorbild des „Mietshäusersyndikats“ das regionale „SauRiassl-Syndikat“ entstanden – benannt nach der Region zwischen Salzach und Inn, die wegen ihrer Form seit alters her als "Sauriassl" bekannt ist. Im November 2018 erwarb man zum Beispiel einen Altbau in Niedertaufkirchen(Lkr. Mühldorf), der von der Größe her vergleichbar mit dem AMK ist. Im März 2019 kam dann noch eine Haushälfte in Wurmannsquick(Lkr. Rottal-Inn) dazu, wo vier weitere Wohnungen entstehen sollen. „Die Warteliste bei uns ist ja lang, aber wir würden gerne noch mehr Mieter unterstützen!“, erklärt Theresa Gauer. Sogar über den Kauf einer weiteren Immobilie in Altötting-Süd wird nachgedacht, deren Verkauf momentan diskutiert wird. "Die vorhandene Bausubstanz ist da fast noch besser, als hier bei uns", meint David Pietzka, der schon an den bisherigen drei Baustellen alle Hände voll zu tun hat. 

Das Ziel bleibt aber in allen Fällen das Gleiche: bezahlbarer Wohnraum für aktive Mieter, die sich auch ein wenig selbst einbringen wollen. Immerhin gibt es die Vorgabe, dass jedes Mitglied / jeder Mieter pro Jahr mindestens 24 Stunden in das gemeinsame Anwesen investieren soll. Egal ob dann Rasen gemäht, gemauert oder andere Tätigkeiten für die Gemeinschaft erledigt werden, die Bewohner sollen auf diese Weise gute Nachbarn und Freunde werden. Im AMK scheint dies funktioniert zu haben und auch die Anwohner der außergewöhnlichen Altöttinger Mietergemeinschaft haben ihre anfängliche Skepsis längst abgelegt und sind gern gesehene Gäste auf den alljährlichen Sommerfesten.

Peter Becker

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