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Schulleiter der Wirtschaftsschule im Interview

Carlo Dirschedl: „Ich spiele gerne den Buhmann, wenn es um die Beruflichen Schulen Altötting geht“

Bleibt noch bis Februar 2023 Schulleiter der Wirtschaftsschule Altötting: Carlo Dirschedl. Im Hintergrund der Standort Burgkirchen
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Bleibt noch bis Februar 2023 Schulleiter der Wirtschaftsschule Altötting: Carlo Dirschedl. Im Hintergrund der Standort Burgkirchen.

Oberstudiendirektor (OStD) Carlo Dirschedl geht im Frühjahr 2023 in den Ruhestand. Vorher hat er noch den umstrittenen Umzug seiner Wirtschaftsschule von Burgkirchen zurück nach Altötting gemanagt. Er will seinem Nachfolger, den Schülern und Eltern optimale Bedingungen schaffen. Darüber hinaus gibt es Aufräumarbeiten nach der Pandemie und auch der Lehrermangel belastet die Ausbildungswelt. Im Gespräch mit innsalzach24.de spricht Dirschedl alle kritischen Themen an.

Altötting/Burgkirchen - Die Außenstelle Burgkirchen der Berufsschule Altötting mit einer zweistufigen Wirtschaftsschule (WS) war ein Projekt, das nun abgeschlossen wird. Das Modell war aus der Not geboren. WS-Schulleiter Carlo Dirschedl war sich dessen bewusst und nutzte die Gunst der Stunde. Im Zuge einer breit angelegten Sanierung der Gebäude der Beruflichen Schulen im Landkreis Altötting wird die WS auch wieder in Altötting angesiedelt. Der Start erfolgt schon zum Schuljahr 2022/23. Carlo Dirschedl über schwierige Entscheidungen, die Corona-Pandemie und sein berufliches Erbe.

Herr Dirschedl, welche Bewandtnis hat es mit Ihrem romanisch klingenden Vornamen „Carlo“?
Das ist in der Tat eine „italienische Geschichte“. Meine Mutter stammt aus Italien. Mein Vater aus Bayern. Ich wurde selbst in Südafrika geboren und kam schließlich wieder zurück nach Bayern. Wir sind in der Familie eine richtige „Dynastie der Carlos“ - mein älterer Sohn heißt ebenfalls Carlo, im Diminutiv „Carletto“ und mein Enkel folgerichtig „Carlettino“.
Sprechen Sie denn auch Italienisch?
Leider nur rudimentär. Aber ich fahre immer schon gerne mit der Familie nach Italien in den Urlaub. Italienische Kultur und Kulinarik haben für mich einen besonderen Reiz.
Nach Ihrem Ruhestand werden Sie mehr Zeit dafür haben.
Zum Halbjahr des Schuljahres 2022/23 ist Schluss für mich im Staatsdienst. Es gab und gibt aber noch viel zu tun, um den Umzug der WS von Burgkirchen nach Altötting gut über die Bühne zu kriegen.
Burgkirchens Bürgermeister Krichenbauer war beim Kreistag am 28. März „not amused“ darüber.
Ich kann seine Enttäuschung verstehen. Denn der Neubau eines Gebäudes für die WS in Burgkirchen war im Gespräch. Für die Gemeinde wäre das eine Aufwertung gewesen. Doch der politische Wille aus Sicht des Kreistags war anders. Wir waren in Burgkirchen im Gebäude der Mittelschule untergebracht. Wir haben uns dort wohlgefühlt. Aber es war langfristig keine optimale Lösung.
Warum?
Wir wären trotz eines Neubaus immer nur der Untermieter in der großen Mittelschule Burgkirchen. So ist es nunmal. Die Wirtschaftsschule gehört strukturell zur Berufsschule in Altötting. Die ÖPNV-Verkehrsanbindung ist dort optimal aus Sicht des ganzen Landkreises. Und wir können flexibel alle Räumlichkeiten der Berufsschul-Gebäude mit nutzen. Schüler und Lehrkräfte sparen sich langfristig viele Wege. Das ist auch klimafreundlich.
Für eine zukunftsträchtige Lösung haben Sie sich unbeliebt gemacht. Vor allem in Burgkirchen.
Möglicherweise. Aber ich handle zum Besten für Schüler, Eltern und Lehrkräfte. Wenn ich etwas verbessern kann, spiele ich gerne den Buhmann. Dann kann ich mein Amt guten Gewissens übergeben.
Stichwort Corona-Pandemie: Wie geht es an den Schulen weiter nach dem „Freedom Day“?
Natürlich freuen wir uns alle, wenn die Masken und das Testen endgültig der Vergangenheit angehören werden. Die gesetzliche Grundlage für das Tragen von Masken ist weggefallen; zum 1. Mai 2022 fällt auch die Testpflicht bei uns an den Schulen weg. Aber damit ist aber nicht automatisch der verhältnismäßig hohe Krankenstand unter dem Personal und Schülern vom Tisch
Was bedeutet das für Noten und Prüfungstermine?
Für viele staatliche Abschlussprüfungen aller Schularten gibt es zeitnah Nachtermine, das gilt allerdings in der Regel nicht für so manche Kammerprüfung im dualen System. Diese liegen nicht in der Zuständigkeit der Berufsschulen. Somit riskieren Berufsschüler in Abschlussklassen unter Umständen mindestens sechs Monate Verlängerung der Ausbildungszeit. Das bedeutet auch einen großen finanziellen Verlust.
Sollte die Maskenpflicht in irgendeiner Form beibehalten werden?
Eigenverantwortung zählt jetzt. Ich selbst würde, wenn bei mir demnächst Abschlussprüfungen anstehen, vorläufig noch weiter Maske tragen. Das ist zwar keine Garantiemaßnahme gegen Covid-19, aber zumindest täte ich damit alles mir Mögliche, um reguläre Prüfungen nicht zu versäumen.
Wie soll die Schulfamilie in Zukunft mit der Pandemie umgehen?
Vielleicht bekommt die Corona-Erkrankung irgendwann den „normalen Grippe-Status“.  Sollte im Herbst eine weitere Welle mit hohen Belastungen für das Gesundheitssystem kommen, wünschen wir uns als berufliche Schulen mehr Eigenverantwortung in der Unterrichts- und Schulorganisation. Unsere Schulart unterscheidet sich von anderen Schularten. Unsere Berufsschule mit acht Abteilungen besuchen Schüler aus 23 (!) Landkreisen. In unseren Fachschulen beträgt das Durchschnittsalter der Schüler deutlich mehr als 20 Jahre.
Welche Spuren hat die Pandemie bei Schülern und Lehrern hinterlassen? 
Es gibt Licht und Schatten: Bei allen Beteiligten, Lehrenden und Lernenden, hat ein unheimlicher „Digitalisierungsschub“ eingesetzt. Unsere Chemie-Klassen, Jahrgangsstufe 10, 11 und 12, arbeiten mittlerweile außer den Prüfungen papierlos mit Tablets; sämtliche Materialien sind in Clouds eingestellt. Videos, Animationen, 3D-Darstellungen bereichern den Unterricht und schaffen neue Lernarrangements.
Wohin fällt der Schatten?
Der Breitbandausbau geht zu langsam voran, Förderprogramme sind kompliziert, die Ausschreibungs- und Vergaberegelungen treiben uns sprichwörtlich zum Wahnsinn. Digitaler Distanzunterricht kann bis auf wenige Ausnahmen nie den Präsenzunterricht ersetzen. Distanzunterricht verlangt(e) ein hohes Maß an Selbstorganisation, Disziplin und Eigenverantwortung von unseren Jugendlichen. Auch für alle Lehrenden war das Unterrichten in den vergangenen zwei Jahren enorm kräftezehrend.
Das war wohl schwer durchzuhalten.
Teilweise sehr hohe Krankenstände bei Schülern und Lehrern, das ständige Testen, Maskentragen und gleichzeitig viel sprechen, die vielen Vertretungen von Schwangeren und Risikogruppen sind nur einige Beispiele dafür. 
Welche Rolle spielt dabei der Lehrermangel? 
An den beruflichen Schulen haben wir seit Jahren eigentlich nur im kaufmännischen Bereich eine wirklich gute Versorgung. Nach meiner Wahrnehmung zieht sich der Lehrermangel durch nahezu alle Schularten. Eine breitere Akzeptanz der bayerischen Wirtschaftsschulen wäre zum Beispiel ein sinnstiftender und hilfreicher Beitrag, die eklatanten Personalprobleme insbesondere an den Mittelschulen abzufedern.
Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um Lehrkräften und Schülern in Krisenzeiten zu helfen?
Unser gesamtes Kollegium, das Beratungs-Team um den Beratungslehrer - unterstützt von einer Schulpsychologin, drei Sozialpädagoginnen, zwei Verbindungslehrern - aber auch das Team in den Sekretariaten mussten in den vergangenen zwei Jahren viel Einfühlungsvermögen aufbringen, die ständig sich verändernden Rahmenvorgaben von Bund, Freistaat Bayern, Ministerium, Regierung, Gesundheitsamt und Landratsamt umzusetzen. Das war und ist eine großartige Leistung.
Wie geht es weiter im Sommer und im Herbst?
Ich selbst als Schulleiter hatte bislang noch nie so viel „Mut zur Lücke“ aufbringen müssen wie in dieser Zeit, indem ich nahezu alles beiseite geschoben habe, was das Kollegium noch zusätzlich belastet hätte. Und nun werden wir in der großen Schulfamilie alle gemeinsam gefordert sein, die hoffentlich eintretende „Entwöhnung“ von der Corona-Pandemie zu moderieren und zu begleiten.

innsalzach24.de bedankt sich bei OStD Carlo Dirschedl für das Gespräch.

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