Prozess nach brutaler Attacke in Altötting

Anklage wegen versuchter Tötung: Urteil wurde gesprochen

+
Der Angeklagte und sein Verteidiger Josef Neuberger am Dienstag vor Prozessbeginn
  • schließen

Altötting/Traunstein – Nach einer Auseinandersetzung im Oktober 2018 zwischen zwei Mitbewohnern kam es auch zu einem Messerstich. Der Geschädigte musste notoperiert werden, der Angeklagte schließt es inzwischen nicht aus, auf ihn eingestochen zu haben. Jetzt hat das Landgericht Traunstein ein Urteil verkündet:

Update, 14.30 Uhr: Das Urteil

Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs verkündet das Urteil: Der Angeklagte ist schuldig der schweren Körperverletzung. Das Landgericht Traunstein verurteilt ihn dafür zu sechs Jahren Haft. 

Der Sachverhalt sei schwierig einzuschätzen gewesen, da es viele Varianten des Tathergangs gab – auch durch den Alkoholeinfluss beider Beteiligten. „Wir haben uns bei der Urteilsberatung auf die Tatsachen der ausgewerteten Videos und des Chatverlaufs des Angeklagten sowie des Gutachtens der Blutspuren gestützt. Letzteres spricht für ein dynamisches Geschehen“, so der Richter. 

Die Stimmung des Angeklagten habe sich aus verschiedenen Faktoren in eine immer aggressivere Haltung gesteigert. Der Richter geht davon aus, dass der Angeklagte den Messerstich ausgeführt hat. Allerdings wäre es vermutlich aus der Wut heraus geschehen, daher sei von keiner Tötungsabsicht auszugehen. 

Danach folgten nach Ansicht der Richter die Demütigungen, die mit dem Handy gefilmt und verschickt wurden. Trotz der großen Blutverluste hätte der Geschädigte nachweislich die Treppen heruntergehen können. „Daher kommt auch keine versuchte Tötung durch Unterlassung in Betracht“, so Fuchs. Der Angeklagte wisse, dass er unter Alkohol aggressiv werde, ebenso die Demütigung und die Folgen der Verletzung könnten keinerlei Minderung einräumen. 

Auch das Teilgeständnis würde kaum eine Minderung bewirken: „Die gesundheitlichen Folgen des Geschädigten resultieren auf den Messerstich und diesen hat der Angeklagte nicht zugegeben“, erklärt der Richter. Die Tat sei allerdings aus dem Affekt passiert. 

Des Weiteren wäre eine persönliche Entschuldigung besser gewesen und aus den zahlreichen Vorstrafen habe der Angeklagte wohl nichts gelernt. Die Voraussetzungen für eine Therapie sei gegeben, da sonst mit weiteren Taten zu rechnen ist.

Update, 13.04 Uhr: Die Plädoyers

Plädoyer Staatsanwaltschaft: Nach dem Besuch der Shisha-Bar sei der Angeklagte sehr in Rage wegen dem Verhalten seiner Mitbewohner gewesen und wollte die Montage abbrechen. Durch die ganze Vorgeschichte ist sich die Staatsanwältin sicher, dass es in der Wohnung zunächst zu einer ersten körperlichen Auseinandersetzung zwischen dem Geschädigten und dem Angeklagte kam, ehe die zerbrochene Glasscheibe des Backofens einen weiteren Streit ausgelöst hat. „Der Angeklagte hat keine schlafende Person attackiert“, so die Überzeugung der Staatsanwaltschaft.

Im weiteren Verlauf wäre der Angeklagter mit einer Bierflasche am Kopf getroffen worden, daraufhin habe sich der Streit ins Schlafzimmer verlegt, wo auch der Messerstich erfolgt sei. „Ich bin mir sicher, dass der Angeklagte ihn nicht töten wollte“, so die Staatsanwältin. 

Dennoch habe der 34-Jährige dem Geschädigten nicht geholfen und somit billigend in Kauf genommen, dass er sterben könnte. Es wäre ein blinder Stich aus Wut gewesen und keine Absicht die Kniekehlarterie zu durchtrennen.

Dennoch sind die Folgen der Verletzung gravierend. Der Geschädigte könne seinen Beruf nicht mehr ausüben und leide auch psychisch unter dieser Tat. Daher habe sich der Angeklagte wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Totschlag durch Unterlassung schuldig gemacht.

Es handelt sich dabei laut der Staatsanwältin auch um keine Notwehr, da es auch Schläge und Tritte gegeben hat, als der Geschädigte am Boden lag. Ebenso habe der Angeklagte den Tatort verlassen, obwohl ihm durch seine Botschaft in den verschickten Videos „Ich habe ihn totgehauen“ durchaus der Ernst der Lage bewusst gewesen sei.

Aufgrund der gefühlskalten Vorgehensweise und der Demütigung, aber auch einer gewissen Reue, Kooperation und des Teilgeständnisses fordert die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Haft. Eine Suchttherapie ist im Bereich des Möglichen. Den Alkoholeinfluss würde sie vernachlässigen, da der Angeklagte wisse, dass er alkoholisiert in ein aggressives Verhaltensmuster rutschen kann.

Plädoyer Nebenklägerin: Für die demütigende Handlung, die der Angeklagte bereits bei anderen Straftaten begangen hat (Anspucken, Haare abgeschnitten), habe sich der Geschädigte ein zweites Mal angegriffen gefühlt. „Da es auch keine Entschuldigung gab, die meinem Mandaten zur Verarbeitung geholfen hätte, halte ich sechs Jahre für zu mild“, so die Anwältin des Geschädigten.

Plädoyer Verteidiger: Die Schuldfrage zur Körperverletzung ist laut dem Verteidiger zu bejahen, bei der Unterlassung jedoch muss man auch die alle Punkte berücksichtigen. Der Geschädigte habe mit seinem aggressiven Verhalten zu der Auseinandersetzung beigetragen. Beide wären laut dem Blutspurgutachten aktiv beteiligt gewesen, vielleicht sei der Stich auch durch eine Abwehrbewegung zustande gekommen.

Es gebe viele Theorien ohne Beweis. Der Verteidiger beruht sich dabei auf den Leitsatz „im Zweifel für den Angeklagten“. Der Geschädigte hätte die Wohnung normal verlassen können, ebenso hätte die Blutlache am Fundort des Geschädigten erst nach dem Verlassen des Angeklagten entstehen können.

Strafmildernd sei, dass der Angeklagte sich geständig gezeigt, Tat nicht mehr ausgeschlossen und sich der Polizei gestellt habe. Ebenso sei sein Mandant unter großem Alkohol- und Drogeneinfluss gestanden. Aufgrund seiner Vita sei eine verminderte Schuldunfähigkeit gegeben. Ebenso soll eine mögliche Therapie aufgrund der Sucht zu berücksichtigt werden. 

„Daher halte ich drei Jahre für angemessen. Die Verletzung des Geschädigten ist tragisch, aber der angeklagte hat sich bereits beim Verhör immer wieder um den Gesundheitszustand informiert“, so der Verteidiger.

Das letzte Wort des Angeklagten: „Hätte mich entschuldigt und es tut mir leid. Ich wollte das alles nicht, aber durch die Lügen des Geschädigten habe ich nicht mehr daran gedacht“. 

Das Gericht zieht sich nun zur Urteilsberatung zurück.

Update, 10.57 Uhr: Psychiatrisches Gutachten des Angeklagten

Zu Beginn des dritten Prozesstages werden Auszüge aus dem Vorstrafenregister des Angeklagten vorgelesen. Dabei ist auffällig, dass der 34-Jährige viele Vorstrafen hat, die im Zusammenhang mit Körperverletzungen unter Alkoholeinfluss stehen.

Auf weitere Zeugen wird von allen Seiten verzichtet. Somit ist die angebliche Behauptung eines unauffindbaren Zeugen, der Geschädigte habe sich vielleicht selbst verletzt, vom Tisch.

Psychiatrisches Gutachten wird nun vorgetragen: Es gebe viele Auffälligkeiten, die eine solche Tat erklären könnten. Der Angeklagte ist ein Scheidungskind und hat die Gewalt vom Vater miterlebt. Daher seien Entwicklungen möglich, die oft in der Sucht enden. Nach Angaben des Angeklagten habe er bis zu 25 Gramm Marihuana in drei bis vier Tagen konsumiert. Hinzu käme der häufige Alkoholkonsum, die oft zu Aggressionen führen würden.

Es gebe laut Gutachten Hinweis auf ein impulsives Verhalten. Suchtmittelproblematik plus Persönlichkeitsauffälligkeiten seien ein Indiz für dieses Verhaltensmuster. Dem Gutachter wären aber ansonsten keine weiteren Auffälligkeiten oder Krankheiten aufgefallen.

Zum Tatzeitpunkt sei ein maximaler Promillewert von 1,9 zu nennen, ohne einen möglichem Konsum von weiterem Bier nach der Tat läge dieser Wert bei circa 1,5 Promille. Ein Polizist merkte dem Angeklagten allerdings keinen großen Alkoholeinfluss an. Er sei sogar kooperativ und am wenigsten alkoholisiert von den drei Mitbewohnern gewesen. Das würde auch seine Geste in der Shisha-Bar belegen, als er sich bei der Kellnerin für seine beiden Arbeitskollegen entschuldigt hat.

Im verschickten Video habe der Angeklagte sehr aggressiv gewirkt. Ursache dafür seien die Suchtmittel und die aufgeheizte Stimmung gewesen. Zwar hätte sich der Angeklagte ändern wollen, dies konnte jedoch nicht von ihm umgesetzt werden. Daraus könnte sich eine Verstärkung der Aggressivität resultieren. In der Summe kann der Gutachter nicht ausschließen, dass es zu einer vorübergehend seelischer Störung gekommen ist und dadurch erheblich verhindert war.

Bei fortgesetzten Konsum (Alkohol, Drogen) sei mit weiteren Taten zu rechnen, daher empfiehlt der Gutachter eine Therapie für eineinhalb Jahren.

Abschließend äußert sich der Angeklagte nochmal: „Ich glaube nicht, dass er sich selbst verletzt hat. Ich kann es nicht ausschließen, auf ihn eingestochen zu haben". Dennoch beteuert er, sich nicht an die Verwendung eines Messers zu erinnern.

Vorbericht

Am 20. Oktober 2018 soll nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Traunstein ein 34-jähriger Hamburger wegen einer kaputten Glasscheibe eines Backrohres auf seinen Mitbewohner in der gemeinsamen Wohnung in Altötting losgegangen und ihn mehrfach getreten und mit einem Messer in sein Bein gestochen haben. Im Anschluss soll der mutmaßliche Täter Fotos und Videos via Whatsapp vom Geschädigten verschickt haben anstatt ihm zu helfen.

Der Geschädigte habe sehr viel Blut verloren und sich aber mit letzten Kräften auf die Straße begeben können, wo er schließlich von einem Spaziergänger gefunden wurde. Währenddessen soll der mutmaßliche Täter sich selbst und die Tatwaffe sauber gemacht haben. Der Angeklagte befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.

Wer hat zugestochen?

Die Varianten des Tathergangs beider Beteiligten wichen am ersten Verhandlungstag am 25. Juni stark voneinander ab, vermutlich auch weil beide zum Tatzeitpunkt sehr alkoholisiert waren. Während der 34-Jährige einräumt, den Geschädigten geschlagen und getreten zu haben, aber beteuert, kein Messer benutzt zu haben, soll laut dem 29-Jährigen der Angeklagte ihn attackiert haben, als er im Bett geschlafen hat. Anschließend folgte der Messerstich.

Sogar die Theorie, der Geschädigte hätte sich die Stichverletzung selbst zugezogen, wurde vom Verteidiger Josef Neuberger aus Neuötting in den Raum geworfen. Dies habe der Geschädigte gegenüber einer Person in Hamburg geäußert. Bisher wurde der Zeuge allerdings noch nicht ausfindig gemacht. Zumindest aus medizinischer Sicht wäre diese Theorie nicht auszuschließen.

Vermutlich nicht im Schlaf attackiert - Tatwaffe bisher nicht identifiziert

Das Gutachten der Blutspuren vom zweiten Verhandlungstag am 27. Juni würde eher die Version des Angeklagten unterstützen. Offenbar kam es vor dem Messerstich schon im Wohnzimmer zu einer Auseinandersetzung, die sich im Anschluss in das Schlafzimmer verlagert habe. Eine Untersuchung der Schuhe des Angeklagten habe ergeben, dass der 34-Jährige auf ein "beblutetes Objekt" getreten haben muss.

Allerdings wurde kein Blut an den Messern in der Wohnung gefunden. Dennoch würden diese nicht als Tatwaffe ausgeschlossen werden können. Im Bad habe sich vermutlich der Angeklagte Blut abgewaschen, vielleicht sogar die Tatwaffe. Wann der Messerstich passiert sei, könne der Gutachter jedoch nicht beurteilen.

Die Staatsanwaltschaft Traunstein erhob Anklage gegen den 34-Jährigen wegen versuchten Totschlags mit gefährlicher Körperverletzung.

Das Gericht setzte für den Prozess vier Verhandlungstage an. Prozessauftakt war am Dienstag, 24. Juni. Die Fortsetzungen sind dann für den 2. Juli ab 9 Uhr und 9. Juli vorgesehen. Allerdings könnte bereits am 2. Juli ein Urteil verkündet werden. Wir berichten für Sie live aus dem Gerichtssaal.

jz

Zurück zur Übersicht: Stadt Altötting

Auch interessant

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT