Prozess nach brutaler Attacke in Altötting

"Maik R. ist der Ruhigere von beiden" - Geschädigter mit aggressivem Verhalten

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Der Angeklagte und sein Verteidiger Josef Neuberger am Dienstag vor Prozessbeginn.
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Altötting - Am 20. Oktober 2018 soll ein 34-jähriger Mann wegen einer kaputten Glasscheibe seinen Mitbewohner attackiert und schwer mit einem Messer verletzt haben. Der mutmaßliche Täter musste sich am Dienstag vor Gericht verantworten. Das ist beim ersten Prozesstag geschehen:

UPDATE, 16.47 Uhr - Prozesstag zu Ende

Der erste Prozesstag ist nach ein paar Gutachten beendet. Dabei bejahte der Arzt die Frage der Staatsanwältin, ob sich der Geschädigte diese Verletzung theoretisch auch selbst zugefügt haben könnte. Daher soll die Person, die von dieser These berichtet hat, zu einem der kommenden Prozesstermine vorgeladen werden.

Auch der Arbeitgeber der Gerüstbauer soll zu einem der kommenden Terminen erscheinen. Dieser soll laut Aussage des Geschädigten mit dem Angeklagten telefoniert haben, während die Glasscheibe gebrochen ist. Dies habe er dem Geschädigten vor kurzem berichtet.

Die Fortsetzungen sind dann für den 27. Juni, 2. Juli und 9. Juli vorgesehen.

UPDATE, 15.36 Uhr - Aussagen dritter Mitbewohner und Kellnerin

Der dritte Mitbewohner (21) äußert sich nun als Zeuge und berichtet über die Verhältnisse zwischen den Mitbewohnern. Der Geschädigte sei oft aggressiv gewesen und habe auf den Weg nach Altötting auch eine Fensterscheibe eines Autos eingeschlagen, nachdem sie sich verfahren hatten. Maik R. sei dagegen eigentlich ruhiger geworden und wollte nur noch Geld für seine Familie verdienen.

Er bestätigte, dass sich er und der Geschädigte nicht ordentlich in der Shisha-Bar benommen hätten und Maik sie aufgefordert hätte, damit aufzuhören. Es hätte allerdings seiner Meinung nach keinen Anlass für die spätere Tat gegeben. Nach der Shisha-Bar hätten sich die Wege getrennt. Der Zeuge habe sich noch eine Flasche Wodka kaufen wollen und die anderen beiden seien zusammen in Richtung Wohnung gegangen.

Der Geschädigte wäre jedes Mal aggressiv gewesen, wenn er getrunken hat. Der Angeklagte dagegen wäre eher glücklich gewesen, wenn er betrunken war.

Jetzt spricht auch die Kellnerin der Shisha-Bar über den Besuch der drei Gerüstbauer: Sie wären sehr laut gewesen und hätten Gläser umgeworfen. Der Geschädigte hätte mit ihr geflirtet und wäre der schlimmere Gast von ihnen gewesen. Der Angeklagte habe versucht, die anderen zwei zu einem besseren Benehmen aufzufordern.

Der Geschädigte habe die Bar zuerst verlassen, da er bereits sehr alkoholisiert war und kein Getränk mehr bekommen hätte. Der Angeklagte sei der Gemäßigte gewesen und habe sich am Ende auch für das Verhalten der anderen zwei bei ihr mit einem zusätzlichen Trinkgeld entschuldigt.

UPDATE, 13.50 Uhr - Geschädigter sagt aus

Der Geschädigte (29) äußert sich nun zu den Vorkommnissen: Er habe die Wohnung für alle in Altötting gemietet, die von der Firma gezahlt wurde. Probleme habe es nur mit dem dritten Bewohner gegeben, zwischen ihm und dem Angeklagten allerdings wäre es in der Vergangenheit zu keinerlei Streitigkeiten gekommen.

Der Angeklagte und Geschädigte hätten den Mitbewohner gebeten, ordentlicher zu sein. An den weiteren Verlauf könne er sich nicht mehr erinnern. Erst an die Schläge und die Tritte habe er wieder Erinnerungen. Auch an den Satz des Angeklagten „Ich stech dich ab“ habe der 29-Jährige wahrgenommen, bevor er einen stechenden Schmerz in der Kniekehle gespürt hat.

Als er Richtung Flur gegangen sei, habe er den Angeklagten gebeten: „Bitte ruf einen Krankenwagen, ich werde sonst sterben“. Danach sei der 29-Jährige zusammengebrochen. Er habe daraufhin noch manchmal Tritte gespürt. „Er hat mich gedemütigt“, so der Geschädigte über die Angriffe. Als nächstes könne er sich erst wieder daran erinnern, als er auf der Straße lag.

„Ich habe ihn nicht angegriffen. Das würde die Tat wenigstens erklären und ich könnte es besser verarbeiten“, so der Geschädigte auf Nachfrage der Staatsanwältin. Marihuana habe er am Tattag nicht geraucht. Ebenso wisse er nichts davon, dass er sich gegenüber der Kellnerin schlecht verhalten haben soll.

Er leide seit dieser Tat an den Folgen der Angriffe, sowohl physisch als auch psychisch. Der 29-Jährige müsse sein ganzes Leben eine Schiene tragen. Der Fuß sei unterhalb der Kniekehle taub. Daher könne er seinen Beruf nicht mehr ausüben. Zudem würde er anderen Personen nicht mehr vertrauen, habe Angst vor Angriffen und meide Menschengruppen.

Auf Nachfrage des Verteidigers bestätigte der Geschädigte, dass er zwischenzeitlich beim Tanzen war. Allerdings verneinte er die Frage, ob der Geschädigte gegenüber einer anderen Person geäußert habe, er wolle dem Angeklagten schädigen, indem er sich sich mit dem Messer selbst verletzt hat. Das soll dem Verteidiger während der Verhandlung eine Person am Telefon bestätigt haben.

UPDATE, 13.30 Uhr - Angeklagter macht Angaben zur Sache

Der Angeklagte will sich vor Gericht zu seiner Person und zur Sache äußern: Er sei in Hamburg geboren und aufgewachsen, die Eltern haben sich scheiden lassen, als er sieben Jahre alt war. Bereits früh habe er Probleme in der Schule gehabt. Wegen eines Bandendiebstahles habe der 34-Jährige 20 Monate in der Justizvollzugsanstalt abgesessen, in der er seinen Hauptschulabschluss absolvierte.

Er habe danach eine Lehre als Gerüstbauer abgeschlossen, nebenberuflich Zimmer an Prostituierte vermietet. In seiner Freizeit treibe er sehr gerne Fitness und habe in diesem Zuge auch öfters Testosteron eingenommen, wie auch knapp eine Woche vor der Tat. Er trinke oft Alkohol und rauche Marihuana und konsumiere dabei auch ab und an Kokain.

Er habe eine Tochter und gemeinsam mit seiner Freundin in Hamburg gewohnt. Manchmal sei er auf Montage als Gerüstbauer in Bayern unterwegs. Diese Zeit habe er oft dazu genutzt, um eine Auszeit vom Kokain zu bekommen. In Hamburg sei die Versuchung größer. „Wodka macht mich aggressiv, Kokain beruhigt mich“, so der Angeklagte. Maik R. bestätigte auch, dass er schon mal an einem Anti-Aggressions-Training teilgenommen habe. Prinzipiell habe dies etwas gebracht, dennoch sei es aber mit Alkohol schwierig. Wodka konsumiere er fast jedes Wochenende.

Zur Sache selbst äußerte er sich auch. Demnach hätte der Angeklagte bereits früh angefangen, mit dem Geschädigten Bier und Wodka zu trinken und auch einen Joint hätten sie gemeinsam geraucht. Der dritte Mitbewohner sei nach der Arbeit gegen 14 Uhr dazugestoßen. Am späten Nachmittag seien sie in eine Shisha-Bar. Dort soll der Streit angefangen haben.

Der Geschädigte habe sich wohl schlecht verhalten. Er habe die Kellnerin angebaggert und die Füße auf den Tisch gelegt. Der Angeklagte habe mehr Anstand von seinen beiden Mitbewohnern gefordert und so kam es auch zu Beleidigungen.

Der Geschädigte sei von der Kellnerin aufgefordert worden, das Lokal zu verlassen, während die anderen zwei noch noch in der Bar waren. Beim Aufstehen habe der Mitbewohner die Shisha umgeworfen. „Ich habe mich geschämt für das Verhalten der anderen zwei und habe der Kellnerin auch zusätzliches Trinkgeld gegeben bevor wir die Bar verlassen haben“, so der Angeklagte. Vor dem Lokal haben sich die Wege nach einer kurzen verbalen Auseinandersetzung getrennt.

Er sei in die Wohnung gegangen, doch er wusste nicht, dass der Geschädigte zu Hause war. „Mich hat alles aufgeregt und ich wollte nach Hamburg zu meiner Tochter fahren“, so der Angeklagte. Der Geschädigte sei im Wohnzimmer gewesen und habe ein Bier getrunken. Der Streit sei verbal weiter gegangen. Um sich zu beruhigen, habe er einen Joint geraucht. Daraufhin habe er sich etwas im Backofen machen wollen. „Beim Öffnen ist die Glasscheibe gegen mein Knie geprallt und zerbrochen“, erzählt der 34-Jährige.

Der Geschädigte habe ihn aufgefordert, den Schaden zu begleichen. Beim Versuch die Wohnung zu verlassen, habe der Geschädigte ihm den Weg versperrt. Im Anschluss sei der Streit eskaliert, wo der Geschädigte dem Angeklagten eine Flasche über den Kopf gezogen habe. Danach habe er kaum mehr Erinnerungen. „Ich habe ihn definitiv nicht im Schlaf angegriffen. An ein Messer und das Handy kann ich mich nicht erinnern. Ich wollte ihm einen Denkzettel verpassen, aber nicht töten.“

Als der 34-Jährige die Sirenen am Bahnhof wahrgenommen habe, sei er zu einem Polizeiauto gegangen und habe sich gestellt. Die große Menge an Blut habe der Angeklagte nicht wahrgenommen.

UPDATE, 10.45 Uhr - Anklageschrift verlesen

Der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift: Demnach soll der Angeklagte Maik R. am 20. Oktober 2018 zusammen mit seinen beiden Mitbewohnern unterwegs gewesen sein und Alkohol getrunken haben. Gegen 18 Uhr seien sie zusammen in eine Shisha-Bar in Altötting. Allerdings habe der Geschädigte bereits sehr betrunken gewirkt und nach einem Wodka-Lemon kein weiteres alkoholisches Getränk erhalten. Daraufhin habe er sich gegen 18.30 Uhr auf den Weg in die gemeinsame Wohnung gemacht und sich in einem Doppelbett im Schlafzimmer schlafen gelegt.

Etwa eine halbe Stunde später habe sich auch der Angeschuldigte auf den Weg in Wohnung gemacht. Gegen 19.40 sei ihm beim Bedienen des Backrohres die dazugehörige Glasscheibe kaputt gegangen. Daraufhin sei er in Rage geraten und habe Sorge gehabt, er würde nicht entlohnt werden. Um 19.42 Uhr habe er via WhatsApp ein Bild der kaputten Scheibe versendet und anschließend drei Sprachnachrichten verschickt. Darin soll er unter anderem folgenden Satz gesprochen haben: "Ich drehe durch, Digga, ich haue hier Leute tot."

Daraufhin habe sich der Angeklagte auf den Weg in das Schlafzimmer gemacht und dem im Bett liegenden Geschädigten mehrere Schläge mit den Fäusten und der Handkante im Bereich des Kopfes und des Rumpfes verpasst. Der Geschädigte habe versucht sich zu wehren und fiel zu Boden, woraufhin der Angeklagte ihn mindestens vier Mal mit den Füßen getreten haben soll.

Danach habe sich Maik R. in die Küche begeben, um sich ein Messer mit Spitze (Länge mindestens zehn Zentimeter) zu holen. Dabei habe er mehrfach "Ich stech dich ab" geäußert. Als er zurückkam, habe er dem Geschädigten, der auf dem Bauch lag, mit dem Messer in den Bereich der rechten Kniekehle gestochen und folgenden Satz gesagt: „Das hast du verdient.“ Bei diesem tiefen Stich sei die Kniekehlarterie getroffen worden, die eine große Menge Blutverlust zur Folge hatte.

Der Geschädigte habe versucht sich aus der Wohnung zu entfernen, brach allerdings im Wohnzimmer zusammen. Der Angeklagte habe vom Geschädigten nun erneut ein Foto gemacht, das er mit der Notiz „Ich habe ihn tot gehauen“ verschickt hat. Daraufhin sei der Geschädigte erneut von Maik R. mit der Faust vor laufender Handykamera geschlagen worden. Als nächstes habe der Angeklagte dem Geschädigten aufgefordert, sich selbst zu beschimpfen und um Gnade zu flehen.

Anstatt dem Geschädigten zu helfen, habe der Angeschuldigte sich selbst und die Tatwaffe gewaschen und sich einige seiner Sachen gepackt. In dieser Zeit sei es dem Geschädigten mit letzter Kraft gelungen, sich aus der Wohnung zu begeben. Kurz darauf sei auch der Angeklagte aus der Wohnung gegangen, um sich auf den Weg Richtung Bahnhof zu machen. Dabei habe er den Geschädigten auf der Straßen liegen gesehen und sei weiter gegangen.

Der Geschädigte sei von einem Spaziergänger gegen 20.02 Uhr gefunden wurden, der sofort den Notruf kontaktiert hat. Im Krankenhaus Altötting sei er medizinisch notversorgt und operiert worden. Hierbei habe man keinen Fußpuls mehr spüren können. Im Krankenhaus sei eine Schnittverletzung mit hohem Blutverlust und mehrere Hämatome festgestellt worden.

Nach der Festnahme um 22.25 Uhr sei bei dem Angeklagten ein Promillewert von knapp 1,2 festgestellt worden. Zudem habe eine toxikologische Voruntersuchung einen positiven THC-Befund ergeben.

Der Vorbericht:

Am 20. Oktober 2018 soll nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Traunstein ein 34-jähriger Hamburger wegen einer kaputten Glasscheibe eines Backrohres auf seinen Mitbewohner in der gemeinsamen Wohnung in Altötting losgegangen und ihn mehrfach getreten und mit einem Messer in sein Bein gestochen haben. Im Anschluss soll der mutmaßliche Täter Fotos und Videos via Whatsapp vom Geschädigten verschickt haben anstatt ihm zu helfen.

Der Geschädigte habe sehr viel Blut verloren und sich aber mit letzten Kräften auf die Straße begeben können, wo er schließlich von einem Spaziergänger gefunden wurde. Währenddessen soll der mutmaßliche Täter sich selbst und die Tatwaffe sauber gemacht haben. Der Angeklagte befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.

Die Staatsanwaltschaft Traunstein erhob Anklage gegen den 34-Jährigen wegen versuchten Totschlags mit gefährlicher Körperverletzung.

Das Gericht setzte für den Prozess vier Verhandlungstage an. Prozessauftakt ist am Dienstag, 24. Juni, 9 Uhr. Die Fortsetzungen sind dann für den 27. Juni, 2. Juli und 9. Juli vorgesehen. Wir berichten für Sie live aus dem Gerichtssaal.

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