„Die Hilfe fängt schon an, wenn sich jemand auf den Weg macht.“

Er bekämpft im Landkreis Altötting die Sucht

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Einige Patienten erleben Rückschläge: „Dann gibt es Menschen, die kommen immer wieder. Die kennen wir seit zehn Jahren", berichtet Martin Brand von der Suchtfachambulanz Altötting.
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Altötting - Wer zu Martin Brand in die Suchtfachambulanz kommt hat ein Ziel: Loskommen von der Sucht. Den meisten steht ein jahrelanger Kampf bevor.

Viele der Menschen, die zu Martin Brand und seinen Kollegen in die Fachambulanz für Suchtkranke in Altötting kommen, haben bereits einiges durchgemacht.

Jugendliche, die eine kleine Straftat begangen haben, und aufgrund ihres Drogenkonsums vom Gericht in die Ambulanz geschickt werden. Ehemänner, denen die Frau droht: Wenn du nicht endlich etwas gegen das Trinken unternimmst, bin ich weg. Angestellte, die wegen ihrer Sucht kurz vor der Entlassung stehen. Menschen, die ihren Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verloren haben. Ausschließlich aus einer inneren Motivation heraus kommen nur wenige zu Martin Brand. Häufig ist es ein Impuls von Außen, der sie zu dem großen Schritt bewegt.

In der Ambulanz steht ein Alkomat bereit

Dennoch sagt Brand, Leiter der Fachambulanz: „Die Hilfe fängt schon an, wenn sich jemand auf den Weg macht.“ Egal, ob aus eigenem Antrieb oder nicht. Bei einer Sucht wird eine Familie zu einem geschlossenen System. Es soll bloß nichts nach außen dringen. Wird ein Angehöriger dann doch zur Beratung nach Altötting geschickt, zeigt das zumindest, dass seine Familie das Problem anpacken möchte. Sitzen die Menschen dann bei Brand, geht es um die sogenannte Eigendiagnostik. Der Patient muss selbst erkennen, dass er ein Problem hat.

„Wir haben einen Alkomaten da. Wenn wir merken, jemand hat eine Fahne, fragen wir ihn, ob er mal blasen will“, schildert der Sozialpädagoge. „Er denkt, er hat vielleicht 0,5 Promille und dann sind es 1,5 Promille und er ist ganz erschrocken. Das hat eine große Wirkung.“

Was jemand konsumiert, ist egal

Nach der Eigendiagnostik kann die eigentliche Therapie beginnen. Die meisten von illegalen Drogen Abhängigen müssten stationär behandelt werden, erklärt Brand. Diese Menschen kommen dann zur Nachsorge nach Altötting. Viele Patienten werden aber auch direkt in der Ambulanz therapiert. Die Patienten haben wöchentlich eine Gruppensitzung und alle 14 Tage ein Einzelgespräch. In der Gruppensitzung treffen sich (ehemalige) Konsumenten verschiedenster Suchtmittel. Die Süchtigen haben ähnliche Sorgen und Probleme. Was sie konsumieren, ist letztlich egal und hängt vielmehr vom Alter und der Verfügbarkeit bestimmter Substanzen ab, sowie von der Affinität eines Menschen, ob er etwa eher runterkommen oder sich aufputschen will.

In der Therapie geht es um Themen wie Konfliktlösung und Wahrnehmung eigener Bedürfnisse. „Oft haben die Patienten einen zu großen Wunsch nach Harmonie“, erklärt Brand. „Die Welt ist gemein zu mir, wo ich doch ein so Netter bin.“ Man gehe in den Gesprächen weg vom Symptom, so der Sozialpädagoge. „Die Menschen treffen sich mit ihren ganz menschlichen Themen.“

Wer in der Fachambulanz Hilfe sucht, muss sich auf einen jahrelangen Kampf einstellen. „Eine ambulante Behandlung dauert zirka ein Jahr, manchmal eineinhalb Jahre“, erklärt Brand. Andere kommen nur zwei Monate zur Therapie. „Dann gibt es Menschen, die kommen immer wieder. Die kennen wir seit zehn Jahren.“

301 Patienten mit Alkoholabhängigkeit

Alkohol ist nach wie vor ein großes Thema in der Fachambulanz, doch der Konsum von Spice und Cannabis nimmt zu. Zehn Prozent der Klienten seien Cannabiskonsumenten, erklärt Brand. Vor wenigen Jahren waren es nur zwei Prozent. Crystal spiele hingegen kaum eine Rolle. Mit Fentanyl,einer Substanz die nach Einschätzung der Polizei für die meisten Drogentoten im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd verantwortlich ist, hat die Suchtfachambulanz auch kaum zu tun.

Im Jahr 2013 (Zahlen des letzten Jahres liegen noch nicht vor) haben die Mitarbeiter der Ambulanz bei rund der Hälfte der Patienten eine Alkoholabhängigkeit diagnostiziert (301 Fälle). 72-mal lag eine Abhängigkeit von Opioiden vor (darunter fallen zum Beispiel Heroin und Fentanyl, aber auch der Drogenersatzstoff Buprenorphin), 57 mal diagnostizierten die Experten eine Cannabisabhängigkeit. Bei eher wenigen Fällen ging es um Stimulanzien, wie Ecstasy, (19 Fälle), um Kokain (drei Fälle) oder um Glücksspielsucht (14 Fälle). Bei knapp zehn Prozent der Patienten stellten die Mitarbeiter der Ambulanz eine Essstörung fest (57 Fälle).

Mit einem Rückfall umgehen lernen

Ziel einer Therapie ist freilich die Abstinenz. Von der ausschließlich abstinenten Orientierung – man wird nur behandelt, wenn man rein gar nichts mehr konsumiert – sei man allerdings schon vor langer Zeit weggekommen, erklärt Brand.„Man muss sich klar werden, dass bei einer Sucht der Rückfall dazugehört. Die Frage ist: Wie viel Kompetenz erwirbt man, um damit umgehen zu können?“

Konsumiert ein trockener Alkoholiker aus Versehen Alkohol (etwa Alkohol in einer Nachspeise), ist dies womöglich nicht so schlimm. Schwerer wiegt, wenn ein trockener Alkoholiker zwar nichts trinkt, aber verstärkt ans Trinken denkt. „Die Grenze ist klar: Ich will keinen Alkohol trinken“, erklärt Brand. „Es wird gefährlich, wenn jemand anfängt, die Grenze zu verschieben.“ So oder so sollte ein trockener Alkoholiker aber besser jeden Alkohol meiden. Es gebe schließlich ein „Suchtgedächtnis“, so Brand. „Wenn das Belohnungssystem wieder aktiviert wird, steigt das Verlangen, ohne dass man es will.“

„Die Kostenfrage klären wir“

Wie Brand erklärt, muss sich niemand, der in die Ambulanz kommt, Gedanken über die Kosten einer Behandlung machen. „Die Kostenfrage klären wir“, sagt Brand. Der Bezirk Oberbayern finanziert einige Fachkraftstellen und verlangt im Gegenzug, dass die Fachambulanz versucht, die Kosten für die Behandlungen ganz oder teilweise von den Kostenträgern (zum Beispiel der Rentenversicherung oder den Krankenkassen) übernehmen zu lassen.

Unterm Strich bleibt immer noch ein Defizit, das dann von den drei Trägern der Einrichtung übernommen wird: Der Münchner und der Passauer Caritas sowie dem Burghauser Verein „Die Brücke“, der wiederum von der Stadt Burghausen unterstützt wird. Die Ambulanz hat Standorte in Altötting (Bahnhofsstraße 50) und Burghausen (Berliner Platz 3) sowie eine Wohngemeinschaft in Neuötting mit sieben Patienten.

Mitarbeiter müssen der Polizei nichts sagen

Sehr wichtig ist Brand und seinen Kollegen ihr Schweigeschutz. In bestimmten Fällen, etwa bei Kindeswohlgefährdung, müssen die Mitarbeiter der Ambulanz zwar einschreiten.

Gegenüber der Polizei haben sie aber das Recht, die Aussage zu verweigern, wenn es etwa um die Frage geht, woher Drogen kommen. Für das Vertrauensverhältnis zu den Patienten ist dies unerlässlich. Ein Vertrauensverhältnis, der persönliche Bezug zu den Patienten – das schätzt Brand besonders an seiner Arbeit in der Ambulanz. „Das ist das Schöne: Dass wir die Menschen so lange begleiten können.“

bla/in24

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