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Christian Feicht aus Altötting ist Deutscher Vollbart-Meister

„Eine Filmrolle als ‚Kini‘ würde ich annehmen, aber der Bart bleibt unverhandelbar“

Christian Feicht aus Altötting mit zwei Backen-Rollen in der Kategorie „Vollbart Freistil“.
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Zwei Backen-Rollen, mit Haarlack fixiert: Nach 30 Minuten Styling ist Christian Feicht ein anderer Mensch.

Christian Feicht aus Altötting rollt seit 2019 das angestammte Feld bei den Bart-Wettkämpfen von hinten auf. Sein Deutscher Meistertitel vom 23. Oktober ist der jüngste Meilenstein. Jetzt möchte er seinen Verein, den „Ostbayerischen Bart- und Schnauzerclub 1996 e.V.“, gut für die Zukunft aufstellen. Viele jüngere Bart-Fans sollen dazu stoßen und sich in Kategorien wie „Barber Freestyle“ ausprobieren.

Altötting - Der „Siphon-Fön“ im Bart-Kammerl von Christian Feicht bläst so laut, dass man sich kaum unterhalten kann. Der Luftstrom ist auf kalt eingestellt, damit der Haarlack besser trocknet. Beim Styling für eine „Wettkampf-Bartfrisur“ ist der 34-jährige Altöttinger hochkonzentriert. Den kuriosen Fön mit angeklebtem Siphon hat er selbst erfunden, „damit ich beide Hände frei habe zum stylen“. Der Fön bläst seinen Bart an, während er die Backen-Rollen mit dem Haarlack eindreht.

Sein Deutscher Meistertitel - und gleichzeitig der Sieg bei der Bart-Olympiade - am 23. Oktober in Pullman-City bei Eging am See hat bundesweit für Aufsehen gesorgt und Christian Feicht aus Altötting vorübergehend zum Szene-Star werden lassen. Mehrere TV-Sender haben sich schon bei ihm gemeldet. So spektakulär sehen die Gala-Bartfrisuren mit Tracht aus.

Keine Frage: Bei einem Historienspiel zum Beispiel auf Schloss Herrenchiemsee könnte der 1,96 Meter große Erzieher den „Kini“, König Ludwig II., realistisch darstellen. „Wenn so ein Angebot kommen sollte, werde ich mir das ernsthaft überlegen. Nur der Bart in seiner Grundform wird bei mir nicht verhandelt“, so Feicht. Einen Gastauftritt hatte er schon bei der BR-Sendung „Mein Bayern, Dein Bayern - Der perfekte Ausflug“.

Christian Feicht aus Altötting ist Deutscher Vollbart-Meister

Bis auf weiteres aber ist Feicht Sportsmann - und Perfektionist beim Stylen. Nur so kann er Wettbewerbe gewinnen. Damit die Rollen an seinen Wangen halten, ist die Trockenzeit des Lacks genau austariert: „Bei einem richtigen Wettkampf bin ich sehr unentspannt, weil man total aufpassen muss, dass die Frisur hält.“ In dieser heißen Phase kontrolliert er streng seine Mimik, vermeidet unnötiges Lachen und Essen. Falls er etwas trinken möchte, ist der Strohhalm die beste Lösung. Im Schnitt sitzt er für so ein „Master Styling“ drei Stunden vor dem Spiegel, mindestens aber zwei Stunden, manchmal sogar fünf. So lange brauchen Frauen nicht, um sich zum Ausgehen zu schminken und zurecht zu machen.

Bei den Bart-Wettbewerben gibt es folgende Kategorien:

Schnauzer: Dalí; Englisch; Ungarisch; Freistil; Kaiserlich; Naturale.

Kinn- und Backenbart: Chinesisch; Musketier; Backenbart kaiserlich; Kinn Freistil; Backenbart Freistil; Kinn Naturale.

Vollbart: Trend; Verdi (bis 10 cm); Garibaldi (bis 20 cm); Naturale; Naturale & gestylte Oberlippe; Freistil.

Dass es so ernsthaft zugeht bei einem Bart-Wettkampf, würde kaum jemand vermuten. „Die Jury achtet peinlich genau auf jede Strähne und die Spitzen am Schnurrbart, ob sie sauber gerade gezogen sind“, erklärt Feicht. Eine kleine Unachtsamkeit kann den Platz auf dem Stockerl kosten. Die Jury-Mitglieder - Friseurinnen/Friseure und Barbiere - halten direkt beim Wettkampf Tafeln mit der Note hoch.

Jedes der sieben Jurymitglieder kann Punkte von 5 bis 10 in Halbpunkteschritten vergeben. Die 4 höchsten Punkte (10, 9.5, 9, 8.5) dürfen pro Jurymitglied in jeder Kategorie einmalig vergeben werden.  Anschließend werden bei jedem Teilnehmer die beste und schlechteste Bewertung gestrichen. Das deutsche Bewertungssystem ist traditionell das strengste und genaueste.

In anderen Ländern seien „Showeffekt und Entertainment wichtiger“. Ein Hingucker sind die Wettbewerbe natürlich trotzdem auch in Bayern. „Die US-Amerikaner haben voll aufgeholt und setzen Gimmicks ein wie Färben mit Neon-Farben oder Fixieren mit Draht und Gummis“, weiß Feicht, der viele internationale Kontakte pflegt. Das akkurate deutsche Regelwerk war der Maßstab seit Anfang der 1990er-Jahre, „ist aber aus heutiger Sicht zu unflexibel“, so Feicht. Spaß-Kategorien wie der italienische „Bier-Schnauzer“ sollen kommen oder eben der „Barber Freestyle“ für Alltags-Bartfans und Hipster. In den USA gibt es Show-Kategorien wie „Side Burns“ (benannt nach General Ambrose Burnside), „Alascan Whaler“ (Vollbart ohne Schnauzer) oder Backenbart Freistil.

Der Bart ist eben Ehrensache und Kapital. Der stämmige Bayer spricht alle Aktionen rund um den Bart mit seiner Freundin ab - und achtet gleichzeitig streng auf seinen Körper. Basketball in Burghausen und eine beginnende Strongman-Karriere vervollständigen das Bild. Die Strongmen-und Bart-Szene seien sich ähnlich: „Beide geben im Training alles, man schaut, wer der Bessere ist und danach setzt man sich gemütlich bei einem Bierchen zusammen.“

Von alten Mitgliedern viel gelernt - aber Nachwuchs soll aufgebaut werden

Der Ostbayerische Bart- und Schnauzer-Club hat ein großes Pfund, das gleichzeiig ein Problem darstellt: Viele ältere und sehr erfahrene Mitglieder. „Von unseren alten Stammkräften habe ich enorm viel gelernt“, so Feicht. Nun ist er Präsident und will doch viel verändern: „Wir sollen moderner, jünger und offener werden“. Die Club-Struktur soll ausgeglichener und gezielt Nachwuchs aufgebaut werden: „Damit ich mich nicht immer allein so jung fühle. Jeder Mann aus der Region, der seinen Bart mit Stolz pflegt, ist im Club willkommen, auch, um sich im Wettbewerb mal locker auszuprobieren.“ Den einen oder anderen hat er als Mentor schon zu Erfolg „gecoacht“. Er selbst möchte noch einen Weltrekord aufstellen: Die meisten gedrehten Rollen in einem Vollbart.

Natürlich ist der Bart DAS Männlichkeits-Symbol schlechthin, seit es Menschen gibt. Feicht: „Seit der Antike werden Bartfrisuren gepflegt und gestylt“. Historische Persönlichkeiten wie Lenin, Kaiser Wilhelm II., Guy Fawkes, Alexander Solschenizyn, Konfuzius, Salvador Dalí, Kaiser Franz Joseph I., Fürst Otto von Bismarck oder machten Bärte weltberühmt - oder wären ohne ihre Bärte nicht die gleichen Personen gewesen.

Styling-Mittel für den Bart:

Bart-Öl (zum Einmassieren, pflegt Haare und auch die Haut unter dem Bart). „Bart-Wix“ (gelartige Substanz, die schnell richtig fest wird, zum Stylen, ähnlich Haarwachs); Starker Haarspray zum Stylen; „Schnauz-Wix“ (Form-Gel nur für den Oberlippenbart).

Immer, wenn Christian Feicht und seine Vereinskollegen in Gala-Uniform mit Wettkampf-Bart auftreten, sorgen sie für großes Aufsehen. „In Glasgow nahmen wir einem Wettkampf teil und ging nachher mit meinem Kumpel aus der Steiermark in die Stadt, auf Einladung eines ehemaligen schottisches Wrestlers, der in der Jury saß. Plötzlich stöckelte uns eine Frau auf High Heels hinterher und rief ´Are you real?´“, erinnert sich der Champion lachend. Danach gingen sie in einen Glasgower Gothic Club und waren selbst dort die schrillsten Erscheinungen.

Getreu dem Leitmotiv des Bart-Weltverbandes World Beard & Moustache Association (WBMA) gilt bei allem Ehrgeiz immer das Motto „In honour and friendship“. Also Ehre und Freundschaft unter allen Bartträgern.

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