Kein deutscher Name, kein Job?

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Martin Neumeyer, der Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, steht einer Ausländerquote in Unternehmen und Vereinen kritisch gegenüber.
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Altötting - Am Montag diskutierten Bürger aus der Region mit dem bayerischen Integrationsbeauftragten über die Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund.

Bei dem Fachgespräch "Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund" am Montagnachmittag diskutierte der Integrationsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung Martin Neumeyer mit Schulvertretern sowie Experten von Vereinen und aus Behörden über die Zukunft der Integrationspolitik. Dabei wurde deutlich, wie sehr sich einzelne Bürger für die Chancen von Migranten und deren Kindern einsetzen - und wie viele Hürden ein Migrant oft überwinden muss, auch wenn er vielleicht bloß den falschen Nachnamen trägt.

Russische Akademikerin fand keinen Job

Ein Jobangebot mit einem Monatslohn von 1200 Euro brutto sei das beste gewesen, das sie all die Jahre erhalten habe, erzählte etwa Anna Reberger. Vor zehn Jahren ist die Diplom-Ingenieurin von Russland nach Deutschland gekommen. Ihr Hochschulabschluss wurde in Deutschland sofort anerkannt, einen ihrer Qualifikation angemessen Job mit ensprechender Bezahlung hat sie aber nicht bekommen. "Ich habe in Deutschland keinen Tag als Diplom-Ingenieurin gearbeitet", sagte Reberger. Ausländer würden von deutschen Arbeitgebern einfach als billige Kraft gesehen. Andererseits lobte Reberger, die mir ihrem Sohn zum Fachgespräch gekommen war, die Integrationsarbeit an deutschen Schulen: "Wenn die Kinder wollen und die Eltern wollen, kann ein Kind viel erreichen, egal woher es kommt." Dies sei bei Erwachsenen jedoch nicht so.

Auch Martin Neumeyer, dem man in all seinen Ausführungen die Freude an seiner Aufgabe als Integrationsbeauftragter anmerkte, wirkte ein wenig ratlos. Schließlich empfahl er Anna Reberger, sich zu erkundigen, ob sie sich vielleicht nachqualifizieren könne, um ihr Fachwissen auf den aktuellen Stand zu bringen. So etwas sei manchmal sogar bei Umzügen innerhalb Deutschlands nötig, etwa wenn ein Lehrer aus Norddeutschland nach Bayern kommt.

Mehr Gerechtigkeit durch anonyme Bewerbung?

Viele der Bürger, die zum Fachgespräch gekommen waren, sind seit Jahren in der Integrationsarbeit aktiv, ganz egal, ob sie deutsche, türkische oder russische Wurzeln haben. Wie Teslime Alkaya, Vorsitzende des türkisch-deutsch-islamischen Kulturvereins in Burgkirchen, der 2012 den Integrationspreis der Regierung von Oberbayern erhalten hat. Alkaya fragte Neumeyer, ob nicht die Einführung von anonymen Bewerbungen die Chancen von Migranten erhöhen könnte. Viele hochqualifizierte türkische Migranten gingen entmutigt zurück in das Land ihrer Vorfahren. "Die Türkei reibt sich die Hände", resümierte Alkaya.

Integrationsbeauftragter gegen anonyme Bewerbung

Eine Studie der Universität Konstanz macht Alkayas Vorschlag verständlich. Forscher hatten im Namen von Wirtschaftsstudenten 1000 Bewerbungen um einen Praktikumsplatz verschickt. Per Zufall gaben sie den Bewerbern mal eindeutig deutsche, mal eindeutig türkische Namen. Die "türkischen" Beweber erhielten 14 Prozent weniger positive Zusagen.

Anonyme Bewerbungen lehnt Martin Neumeyer dennoch ab. Die Firmen wollten schließlich mit Menschen kommunizieren, was eine Bewerbung mit Namen und Foto unerlässlich macht. Neumeyer zeigte sich überzeugt, dass Unternehmen wie BMW nicht nach Namen einstellen. Angesichts des Fachkräftemangels sei dies außerdem gar nicht möglich. Firmen, die nur Deutsche einstellen, würden schlicht abgehängt.

Wer mit Akzent spricht, fällt durchs Raster

Wie groß die Vorbehalte gegenüber Menschen mit ausländisch klingenden Namen heutzutage noch sein kann, zeigt auch die Geschichte von Irina Dimidov. Die Schülerin besucht die BOS und steht kurz vor ihrem Abschluss. Als sie sich nach der Realschule um einen Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten beworben hatte, wurde sie aus einem ganz bestimmten Grund zum Vorstellungsgespräch eingeladen: "Meine spätere Chefin wollte mich reden hören, das hat sie mir offen gesagt", erinnerte sich Dimidov. "Wenn ich mit Akzent gesprochen hätte, wäre ich durchs Raster gefallen." Dabei hört man der jungen Frau durchaus einen minimalen Akzent an - einen bayerischen.

"Böses Blut" durch Ausländerquote?

Hasan Cabuk, erster Vorsitzender des Waldkraiburger Kultur- und Bildungsvereins "Kubiwa", forderte beim Fachgespräch eine gesetzliche Ausländerquote in Unternehmen. Migranten müssten sich schließlich viel öfter bewerben, um eine Stelle zu finden. "Quoten schließen Leistung aus", widersprach ihm der Integrationsbeauftragte, der ganz auf eine positive Entwicklung in der Wirtschaft setzt. "Die Wirtschaft war immer schneller als die Politik", so Neumeyer. Anderswo, etwa im Vereinsleben, wo sich der Integrationsbeauftragte grundsätzlich ebenfalls mehr Interkulturalität wünscht, schaffe eine Quote gar "böses Blut".

Bilder vom Fachgespräch über Integration

Deutsch als Basis für Integration

Neumeyer betonte die Wichtigkeit von gegenseitiger Toleranz. "Wenn wir nach Amerika fahren, freuen wir uns, wenn wir einen deutschen Klub entdecken", sagte der Landtagsabgeordnete. Dementsprechend müsse auch in Deutschland die Tradition der Menschen mit ausländischen Wurzeln toleriert werden. Einer mulikulturellen Gesellschaft erteilte Neumeyer eine Absage. Vielmehr sei Interkulturalität nötig. Die Grundlage dafür sieht der Integrationsbeauftragte in der Sprache. "Die Sprache ist natürlich die Basis, da gibt es überhaupt keinen Zweifel." Dabei sieht Neumeyer auch die Eltern in der Pflicht. "Es ist alles Stückwerk, solange wir die Eltern nicht erreichen."

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