Die Stradivari der See

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Tüßling - Florian Obereisenbuchner und Sebastian Drschka verbindet eine besondere Leidenschaft: Die beiden haben eine Schwäche für alte Holzsegelboote, die sie in ihrer "Werft" in Tüßling restaurieren.

Die "SJ Ursula", eine Kielyacht, und die "SJ Praxedes", ein Schärenkreuzer, sind der ganze Stolz von Florian Obereisenbuchner und Sebastian Drschka. Mächtig thronen die beiden antiken Holzboote in der "ersten Tüßlinger Schiffswerft für klassische Segelyachten", wie die beiden Männer ihre "Werkstatt" in Tüßling nennen.

Hier verbringen sie viel Zeit, um die 50 und 80 Jahre alten Boote zu restaurieren. Der Umbau zum Elektromotor, zahlreiche Lackierungen, Spantenwechsel und die Reperatur der Masten sind nur einige der vielen Arbeiten, die Obereisenbuchner und Drschka schon an ihren Schmuckstücken durchgeführt haben. "Wenn man die Boote, pflegt schaffen sie noch mindestens weitere 80 Jahre", erklärt Obereisenbuchner. "Das geht mit einem Kunststoffboot nicht."

Die viele Arbeit und Zeit investieren die beiden Bootsliebhaber aber gerne. "In der Musik ist es die Stradivari, auf dem Wasser sind solche alten Holzsegelyachten etwas besonderes", meint Obereisenbuchner.

Noch in dieser Woche wollen die beiden Männer ihre schwimmenden Antiquitäten zu Wasser lassen. An ihrem selbstgewählten "Heimathafen" in Lambach am Chiemsee werden sie dann wieder viele bewundernde Blicke ernten.

Anette Mrugala

Restaurierung alte Holzboote

Lesen Sie hier einen ausführlichen Artikel:

Zwei Segel-Freunde, altes Mahagoni und ein bisschen Seemannsgarn - das sind die Zutaten für eine besondere Leidenschaft. Sebastian Drschka und Florian Obereisenbuchner aus Mühldorf haben sich den Traum von eigenen Boot erfüllt. Sie kauften und restaurierten einen alten Schärenkreuzer und einen KR-Kreuzer.

Schärenkreuzer sind sportliche Segelboote aus Holz mit besonders eleganter Linie, Schwedisch „skärgårdskryssare“. Die beiden Männer haben sich über den Winter in Tüssling in einem Stadel eine eigene Werft eingerichtet, denn dieses Hobby ist sehr zeitaufwändig, es gibt immer was zu tun. Dort wird geschliffen, geölt und restauriert. Ein Ausgleich zum Job ist das allemal.

Das Boot von Sebastian Drschka ist ein besonderes Schmuckstück. Der 28-jährige Vertriebsingenieur hat den Typ “Mälar 22” vor einigen Jahren in Stockholm erstanden und in mühevoller Kleinarbeit wieder hergerichtet. Seine “Praxedis”, Baujahr 1930, war zwar seetüchtig, aber heruntergekommen. Unter weißer Farbe hat er die Kieferplanken und das Deck und die Aufbauten aus Mahagoni freigelegt. Unterstützung bekam er von einem Mentor aus Nürnberg. “Ins traditionelle Restaurieren nach alten schwedischen Richtlinien habe ich mich auch mit vielen Fachbüchern eingelesen”, so Drschka, der Wert darauf legt, seinen Schärenkreuzer originalgetreu zu erhalten. Um das alte Holz zu schonen, wird es in sechs bis acht Schichten mit gekochtem Leinöl bestrichen. So baue sich ein Klarlack auf und das Holz könne trotzdem atmen. Das Leinöl sei ein Naturpodukt, das man sogar zum Salat anmachen verwenden könne.

KR-Kreuzer via Ebay ersteigert

In diesem Winter hat der 28-Jährige acht der Spanten, die das Innengerippe des Bootes bilden, erneuert. Das Kajütboot ist für Ausflüge mit vier Personen ideal, unter Deck können zwei Personen übernachten. In seiner Freizeit steht er in der Tüsslinger Werft und werkelt, Seite an Seite mit seinem guten Freund Florian Obereisenbuchner, den er mit dem Holzboot-Virus infiziert hat. “Vor einem Jahr machte ich einen Bootsausflug mit Sebastian und war sofort Feuer und Flamme”, erinnert sich der 40-Jährige Gastronom. Die beiden kennen sich von vielen gemeinsamen Segeltörns in der Ägäis, im Mittelmeer oder der Karibik, die Drschka als Skipper begleitete.

Schrottreifes Boot vor dem Verfall bewahrt

Nach der kleinen Tour mit dem eleganten Holzboot dauerte es keine Woche und Obereisenbuchner hatte via Ebay ebenfalls einen Kreuzer ersteigert, Baujahr 1969. Dieser sogenannte “KR-Kreuzer” stammt aus Ostberlin und war in einem schlechten Zustand. “Ich konnte zwischen den Planken ein 2-Euro-Stück hindurchschieben”, so der Mühldorfer. Das bedeutet, der Langkieler stand so lange im Trockenen, dass das Holz zusammenschrumpfte und die Spalten immer größer wurde. “Ich wusste, dieses Boot würde in diesem Zustand untergehen und wäre nur mit einem riesigen Aufwand zu retten. Ich wollte es unbedingt erhalten.” Vor der Arbeit an der “MS Ursula” schreckte er nicht zurück, auch nicht vor der ein oder anderen bösen Überraschung beim Zerlegen, schließlich sei er ein Liebhaber schöner alter Dinge und habe auch schon mehrere schrottreife Oldtimer restauriert und so vor dem Verfall bewahrt. Beim Erneuern des Masten - dem hatte der Holzwurm übel mitgespielt - half ihm der befreundete Zimmerer Josef Schwabl, der ihm auch Werkzeug zur Verfügung stellte.

“Kalfatern” mit Hanfwolle

Das alte, schrumpelige Holz der Planken quillt wieder, sobald das Boot gewassert wird. Zuvor werden die verbleibenden Ritzen, die Nähte, mit der Prozedur des Kalfaterns abgedichtet. Dabei haben die handwerklich geschickten Drschka und Obereisenbuchner Hanfwolle zwischen die Planken gestopft und mit “Ettan“, einem traditionellen schwedischen Nahtwachs, zugekittet. “Das riecht wie Geräuchertes“, schmunzeln die beiden. Die Arbeit ist schweißtreibend und verschlingt unzählige Arbeitsstunden, zum Glück helfen immer wieder Freunde mit. “Mir war es das wert, schließlich werden solche Holzboote immer seltener. Denn gebaut werden sie nicht mehr, weil das zu aufwändig und kostspielig ist”, so Florian Obereisenbuchner. Bei diesen alten Booten handelt sich also um Liebhaberstücke mit Seltenheitswert. Jede Schraube, jedes Kleinteil und auch die Beschläge aus Kupfer und Messing wurden einzeln abgeschliffen und lackiert.

Die Kajüte seines “KR-Kreuzers” hat er neu aufgebaut, dort können vier Personen übernachten. In der winzigen Kombüse steht ein alter Emaille-Gasofen - für den heißen Tee mit Rum, wenn der Chiemsee mal etwas rauer ist. Die Zeit drängt, Obereisenbuchner will sein “Schifferl”, wie er es liebevoll nennt, am Mittwoch wassern. Die Holzboote haben eine weitere aufwändige Besonderheit. Das Holz muss erst einmal etwa zwei Wochen im Wasser liegen, um zu Quellen. Der Wassereintritt wird mit einer Pumpe wieder hinausbefördert, sonst würde das Boot volllaufen und untergehen. Damit man nicht andauernd an Board sein muss, regelt es die Pumpenautomatik, wenn ein gewisser Pegel in der Bilge, im untersten Schiffsbauch, erreicht ist. Wenn die “Praxedis”, das schlanke Boot mit dem Peitschenmast, heute eines der ältesten, das am Chiemsee zu sehen ist, neben der “Ursula”, dem deutlich größeren Kreuzer, in Lambach am Chiemsee liegt - zwischen all den Kunststoffyachten - kann wohl auch jeder Nicht-Segler die Faszination Schärenkreuzer nachvollziehen.

kla/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © Anette Mrugala

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