"Knatterauto" neben "Angeberauto"

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Vom Oldtimervirus infiziert: Peter Köhr mit seinem "Knatterauto", dem BMW 700, und Eva Köhr mit ihrem "Sekretärinnenporsche", dem Karmann Ghia, der nicht "Tschia" gesprochen wird, sondern "Gia". So viel Zeit muss sein.

Waldkraiburg - Für die Enkelin von Eva Köhr ist die Sache klar: Der VW der Oma ist ein „Angeberauto“, der BMW vom Opa ein „Knatterauto“. Für Oldtimer hat die Kleine noch nichts übrig.

Dabei ist der Karmann Ghia von ein echtes Schmuckstück. Und der BMW 700 von Peter Köhr? „Der macht nur ,pftpftpft‘ und braucht ein Starterkabel“, lacht die stellvertretende Landrätin. Sie hat auch gut Lachen, ihr „Sekretärinnenporsche“ – so nannte man den Flitzer früher – läuft wie ein Einser.

„Knatterauto“ neben „Angeberauto“

Seit ihrer Jugendzeit wünschte sie sich einen Karmann Ghia, doch damals habe das nötige Kleingeld gefehlt. Ihr erster Wagen war ein Opel Rekord Coupé, sehr sportlich. "Den hatte ich nicht lange, dann kam der Totalschaden", schmunzelt sie.

Zu seinem 60. Geburtstag wollte ihr Mann sich eine BMW Isetta zulegen, das berühmte "Radio, in das man einsteigen kann". "Das war nämlich als Lehrling mein erstes Auto", erinnert sich der pensionierte Unternehmer. Am Ende wurde es ein BMW 700, Baujahr 1961, den ihm der Vehikelclub Taufkirchen, dem die Köhrs angehören, vermittelte. Und dann wollte seine Frau unbedingt auch einen Oldtimer. Ein Karmann Ghia Cabrio sollte es sein. Sie entdeckte ein Exportiertes über das Internet in Californien, allerdings war der Aufwand, es über Bremen zu verschiffen, zu verzollen und sich um die Unbedenklichbeitsbescheinigung zu kümmern , ein wenig zu hoch. Ihr silbernes Cabriolet bekam sie dennoch.

Die Vase mit Schießbudenblumen: Schön findet Eva Köhr das nicht, aber stilecht ist es allemal.

Eva Köhr war in ihrer Funktion als stellvertretende Landrätin auf einem Termin und erfuhr von einem Exemplar in Vilsbiburg. "Ich hab dort angerufen, bin hingefahren, hab den Motor angelassen und ihn sofort mitgenommen", berichtet sie über den Erwerb vor vier Jahren. Es war also Liebe auf den ersten Blick. Wenn sie davon erzählt, breitet sie die Arme aus und ihre Augen beginnen zu leuchten. Sie blättert in einschlägiger Oldtimer-Literatur, wo er "VW im Galakleid" genannt wird. Es wäre schön, wenn VW das Modell neu auflegen würde, wie es beim Käfer der Fall war, findet sie.

Auch wenn das hübsche Gefährt, Baujahr 1967, das auch eine Exportausführung ist, so seine Macken hat. Das Original-Verdeck zum Beispiel, das geht "recht streng" zu. Da braucht Eva Köhr einen starken Mann. Wenn es hart auf hart komme, finde sich immer ein Kavalier. Falls nicht und es beginnt zu regnen, "hab ich einen riesigen Schirm dabei, damit das Fahrzeuginnere nicht zu schwimmen beginnt". Und auf die Tankuhr darf man sich nicht verlassen, daher wurde ein Tageskilometerzähler eingebaut.

Ansonsten ist der Flitzer top in Schuss, sogar die alte Betriebsanleitung ist noch dabei und das Radio geht problemlos. Beim Reifen- oder Zündkerzenwechseln legt seine Besitzerin selbst Hand an, wie sie erzählt. Am liebsten sind ihr die Ausfahrten im Frühjahr, sie mag die Gerüche der Blüten, freut sich über die Milde bei ihren "Genussfahrten" durch den Landkreis, der, wie sie sagt eine sehr vielfältige Landschaft biete. Auf dem Rücksitz - die Polsterung samt Bezügen sei auch noch in Original-Zustand - nimmt ab und an Schnauzerhündin Kira Platz, sofern der bärtigen Dame der Fahrtwind beim "Cruisen" nicht zu stark ist.

Naja, ein bisschen anstrengend sei es schon, so ganz ohne Servolenkung und Bremskraftverstärker. Echtes Fahrgefühl eben. Was auch dazu gehört: ein alter Lederkoffer auf dem Gepäckständer sowie eine kleine Vase fürs Armaturenbrett. Schön findet die Waldkraiburgerin sie nicht, vor allem nicht mit den Schießbudenblumen. Aber schlielich war sie ein Geschenk und früher gehörte sie einfach zum Ghia.

Weitere Strecken als Tagesfahrten machen beide Köhrs mit ihren betagten Wagen nicht, dafür sind sie ihnen zu schade. Wenn der Vehikelclub Ausfahrten unternimmt, sind sie dabei in den bunten Korsos.

Alte Autos seien einfach schön, die "haben noch ein Gesicht und eine Seele". Eva Köhr hat noch ein weiteres auf ihrem Wunschzettel: Triumph Spitfire.

Einen Tüftler, der in Ersatzteil- und Reparaturfragen hilfreich zur Seite steht, hat das Ehepaar in Georg Losbichler aus Taufkirchen gefunden. Peter Köhr ist selbst technisch sehr versiert und hat als 18-Jähriger sogar mal einen Rennwagen mit einem Freund zusammengebaut.

"Das Gestell war von VW, aus Kunstharz die Karosse und wir haben Teile von BMW eingebaut. Der Wagen ging 130 Sachen", lacht er, als er an die Basteleien in der Peschl-Werkstatt in den frühen Sechzigern in Waldkraiburg zurückdenkt. Dort durften sie als junge Burschen die Maschinen und Werkzeuge benutzen. "Du warst fast ein bayerischer Rallyemeister", neckt ihn seine Frau. "Wie viele Autos hast nochmal zamg'rennt?"

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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