Ein Segelboot in Handarbeit

Polling/Bergham - Joseph Baumgartner (19) hat sich einen lang ersehnten Wunsch erfüllt – den Traum vom eigenen Segelboot. Dazu hat der Schüler selbst Hand angelegt.

Unscheinbar liegt das Segelboot – aufgebockt auf zwei Bierbänken – in einem kleinem Raum neben der Werkstatt. Von der Planung bis zum Bau – das Boot trägt die Handschrift von Joseph. Das Holz ist an einigen Stellen vom Kleber dunkel verfärbt. Vom Innenleben mit den Spanden ist nichts zu sehen, längst hat Joseph Baumgartner das Deck angebracht. Der spitze Bug erinnert an ein Kanu, zu dem das breite Heck nicht zu passen scheint. Doch genau diese ungewöhnliche Form gibt dem Segelboot auf dem Wasser eins: Geschwindigkeit.

„Die aerodynamische Form macht das Boot schnell. Das breite Heck und die flache Unterseite verschaffen mehr Auftrieb und das Boot kommt ins Gleiten“, erklärt Joseph. Auf den Auslegern, im Trapez eingehängt, wird er dann auf dem See nur knapp über dem Wasser dahinschießen. Ein Moment, auf den er sich schon Monate vorher freut. Doch bis es soweit ist, liegt vor Joseph noch viel Arbeit.

Der Segelbootbau in Bildern:

Joseph Baumgartner baut Segelboot

Vor knapp drei Jahren zeichnet Joseph Baumgartner die ersten Pläne. Ein halbes Jahr lang konstruiert er am Computer, berechnet die wirkenden Kräfte und baut etwa 20 Modelle aus Papier, bis sich die Ideen auch in die Praxis umsetzen lassen. Tipps holt er sich zwischendurch bei einem bekannten Segler und aus Fachliteratur. Beim Bau hat er sich für eine „relativ schnelle Methode“ entschieden. Große, wasserfest verleimte Sperrholzblatten und keine kleinen Hölzer geben dem Boot die Form. Auf Genauigkeit und Symmetrie kommt es beim Zuschneiden der Teile an. Jede Seite muss das exakte Abbild der gegenüberliegenden Seite sein. „Das Boot auf Kurs zu halten, wäre sonst nicht möglich“, erklärt Joseph. Beim Bau nimmt er sich Zeit, kontrolliert jeden seiner Arbeitsschritte, ob alles passt. Ist es nötig, nimmt er kleine Änderungen vor, optimiert den Bau. Immer im Hinterkopf: Wie verteilen sich die Kräfte, wie wirken sie sich aus? Spanden und Verstrebungen machen das Boot zwar stabiler und helfen, die Kräfte gleichmäßig zu verteilen. Doch zusätzliches Material macht das Boot schwerer.

Seit er 14 Jahre alt ist, fährt Joseph bei Regatten mit. Auch bei einer Weltmeisterschaft am Gardasee hat er schon teilgenommen. Nur zum Spaß segelt er eher selten: „Da fehlt mir ganz ehrlich der Biss“, sagt Joseph. Draußen auf dem Wasser zu sein, den Wind zu spüren und mit dem Boot über den See zu gleiten, das ist „das Beste, was es gibt“. Für ihn ein Gefühl von Freiheit. „Mein erster Eindruck war, dass mich die Leute nicht wirklich ernst genommen haben“, erinnert sich Joseph Baumgartner an die Reaktionen. Erst als er das erste Holz kaufte, änderte sich die Meinung. Auch wenn ihm nicht jeder zugetraut hat, dass er es schafft.

Etwa 250 Stunden Arbeit hat er schon in das Segelboot gesteckt. Etwa genauso viel liegt noch vor ihm, bis er es zu Wasser lassen kann. Es fehlt noch der Mast und das Segel. Auch die Ausleger muss er noch bauen. Nur eingeschränkt arbeitet Joseph Baumgartner momentan an seinem Segelboot. Im Sommer macht er sein Fachabitur – bis dahin geht die Schule vor. Sind die Prüfungen vorbei, will er sich verstärkt seinem Boot widmen. Schließlich hat er sich ein Ziel gesetzt: „Bis Herbst will ich fertig sein.“

Dass sein Boot nicht untergeht, dessen ist sich Joseph sicher. Die Frage ist nur, wie es sich segeln lässt. „Mir gehen Fragen durch den Kopf: Habe ich richtig gerechnet? Passt die Form, oder ist sie zu hoch?“, erzählt Joseph. Noch weiß er nicht, ob er alles richtig berechnet hat. Das wird sich zeigen, wenn er im Herbst sein weiß lackiertes Boot mit dem Namen „RazzFazz“ zum ersten Mal am Chiemsee ins Wasser lässt.

hi/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © Anette Mrugala

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