Grundsatzbeschluss naht

Töging vor einer Revolution beim Trinkwasser

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Das Töginger Trinkwasser könnte künftig aus Altötting kommen
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Töging - Der Grundsatzbeschluss naht: Schweren Herzens werden die Stadträte (wohl) Abschied nehmen von der Eigenständigkeit bei der Trinkwasserversorgung.

Rund 45 Minuten erläuterte Bürgermeister Dr. Tobias Windhorst den Sachstand, weit über eine Stunde diskutierte der Stadtrat im Anschluss. Dass es sich das Gremium beim Thema Trinkwasserversorgung leicht gemacht hätte, kann niemand sagen. Am Ende der Debatte zeichnete sich ab: Die eigenständige Trinkwasserversorgung ist wohl bald Geschichte, ein Grundsatzbeschluss zum Anschluss an die Altöttinger Gruppe naht.

Bebauungen gefährden das Wasserschutzgebiet

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Stadtratssitzung finden Sie hier!

Gleich mehrere Faktoren lassen eine weitere Eigenständigkeit unrealistisch erscheinen: Die Brunnen sind teilweise sehr alt, gleich drei von ihnen können nicht mehr langfristig genutzt werden. Außerdem ist die Nitratbelastung relativ hoch und es hatte in der Vergangenheit immer wieder mikrobiologische Funde gegeben. Am schwersten wiegen jedoch die Bebauungen im Wasserschutzgebiet, wie die Logistikzentren von Netto und Hermes sowie der Autohof. Nicht ohne Grund hatte sich die Stadt in den letzten Jahren juristisch gegen die Ansiedlungen gewehrt - ohne Erfolg. Wie Klaus Sandforth vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim im Stadtrat erklärte, sei die Funktion des Wasserschutzgebiets, Gefahren fern zu halten, nicht mehr erfüllt. Laut aktueller Rechtssprechung sei ein Wasserschutzgebiet "de facto" nicht mehr wirksam, wenn es darin eine Gefährdung gibt.

Bei den Stadträten sorgte dieser Sachverhalt teilweise für große Empörung. "Ich frage mich, welchen Sinn dann ein Wasserschutzgebiet hat", sagte CSU-Stadtrat Stefan Grünfelder. Bei den Bauvorhaben sei man von den Behörden immer "belehrt" worden, dass diese kein Problem seien. Grünfelders Fraktionskollege Marcus Köhler fragte direkt, wieso die Baumaßnahmen, die nun das Wasserschutzgebiet gefährden, genehmigt worden seien. Sandforth sagte dazu, dass es zur Tankstelle des Autohofs sehr wohl Einwände seitens der Behörde gegeben habe, aber das habe das Landratsamt Mühldorf anders gesehen. SPD-Stadtrat Günter Zellner kommentierte diese Erklärung bissig mit den Worten: "Wirtschaft geht vor Grundwasser, kurz gesagt."

Höcketstaller kommt sich "verarscht" vor

Bei allem Ärger ließen viele Stadträte in ihren Wortbeiträgen aber auch durchblicken, dass eine Abkehr von der Eigenständigkeit bei der Trinkwasserversorgung nun wohl nicht mehr abzuwenden ist. Ein - ersten Schätzungen zufolge gut 3 Millionen Euro teurer - Anschluss an die Wasserversorgung Altötting/Neuötting scheint die einzige Alternative zu sein. Seitens der Altöttinger Gruppe wurde Windhorst zufolge jüngst Bereitschaft für einen Anschluss Tögings signalisiert. "Ein Anschluss an Altötting ist die derzeit einzige tragfähige Möglichkeit. Das sollten wir jetzt anpacken", sagte CSU-Fraktionssprecher Christoph Joachimbauer. Ein Anschluss an die Mettenheimer Gruppe scheidet aus, weil der Grundwasserspiegel dort tendenziell sinkt.

SPD-Fraktionssprecher Bastian Höcketstaller zeigte sich über die im Stadtrat präsentierten Fakten verärgert. Es gebe kein Gefährdungspotenzial, das nicht auch in den letzten fünf Jahren dagewesen sei. "Da, muss ich ganz ehrlich sagen, komme ich mir ein bisschen verarscht vor." Als 2010 der Grundsatzbeschluss für die Eigenständigkeit gefasst worden war, hatte Höcketstaller - gegen eine deutliche Stadtratsmehrheit - dagegen gestimmt und für einen Zusammenschluss mit dem Zweckverband Mühldorf plädiert. Ein Zusammenschluss mit Mühldorf hätte damals 1,8 Millionen Euro gekostet, so Höcketstaller. "Wenn die Wassergebühr um einen Cent steigt, hau ich's euch um die Ohren."

Keine Genehmigung für Tiefbrunnen

Sepp Neuberger, Fraktionssprecher der Freien Wähler, sagte, die Wassergebühr könnte nach einem Anschluss an die Altöttinger Gruppe um 60 Cent pro Kubikmeter steigen. Man sollte den Anschluss deshalb "nicht zwingend vorantreiben, solange wir uns auf die eigenen Versorgung stützen können". Für Neuberger ist der Notverbund nach Mühldorf vorrangig. Das 700.000 bis 800.000 Euro teure Projekt ist schon relativ weit fortgeschritten, im Frühling dürften die Bauarbeiten starten.

Eine echte Alternative zum Anschluss an die Altöttinger Gruppe wäre für einige Stadträte ein Töginger Tiefbrunnen. Ein solches Vorhaben dürfte allerdings kaum genehmigt werden. "Die Bohrung eines Tiefbrunnens ist - wenn Alternativen bestehen - definitiv nicht genehmigungsfähig", erklärte Dr. Robert Müller vom Landratsamt Altötting. Im Fall Tögings gilt: Ein Tiefbrunnen darf nicht gebohrt werden, weil die Altöttinger Gruppe einem Anschluss Tögings gegenüber offen ist.

Alles läuft also auf einen Anschluss nach Altötting hinaus, die Stadt stellt derzeit die Weichen dafür. Wie Windhorst erläuterte, werde ein entsprechender Grundsatzbeschluss vorbereitet.

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