Traditionelle politische Kundgebung im Frühherbst

JuSo-Bundesvorsitzender Kevin Kühnert in Töging

Auch ohne Manuskript kein Stocken: in Töging begeisterte Kevin Kühnert die Genossen über eine Stunde lang mit erstaunlichem Detailwissen, steilen Thesen aber höchst diplomatischer Rhetorik.
+
Auch ohne Manuskript kein Stocken: in Töging begeisterte Kevin Kühnert die Genossen über eine Stunde lang mit erstaunlichem Detailwissen, steilen Thesen aber höchst diplomatischer Rhetorik.

Töging - Seit 43 Jahren veranstaltet die Töginger SPD traditionell im Frühherbst eine politische Kundgebung.

Klangvolle Namen, wie der kürzlich verstorbene Hans-Jochen Vogel, Bundesinnenminister Otto Schily (a.D.), Bundeskanzlerkandidat Olaf Scholz, der ehemalige Parteichef Franz Müntefering oder im vergangen Jahr die Landesvorsitzende Natascha Kohnen hatten meist im Rahmen des Volksfests gesprochen. Trotz Corona hat der Ortsvorstand um Birgit Noske und Marco Harrer auch in diesem Jahr ein Ass aus dem Ärmel gezaubert: der Bundesvorsitzende der JuSos, Kevin Kühnert, hatte sich für Freitagabend Zeit genommen. „Das war alles so unkompliziert“, erklärte Birgit Noske die Organisation mit dem Büro des 31-Jährigen. Vielleicht weil der Chef, der sein Amt in rund drei Monaten abgeben will, selbst recht umgänglich ist: mit der Bahn reiste der Berliner nach Töging.


Bereits vor dem öffentlichen Teil fand im Vereinsheim des GTEV Enzian ein Gespräch mit Bürgermeister Tobias Windhorst(CSU), altgedienten SPD-Größen aus der Region und der erst vor einem Monat neu gegründeten JuSo-Ortsgruppe statt, nach dem sich Kevin Kühnert auch ins Goldene Buch der Stadt eintrug. „Ihr könnt mir doch nicht jetzt schon alle Themen weg nehmen“, meinte der redegewandte SPD-Politiker, als zum Beispiel Tögings neue JuSo-Vorsitzende Lea Zellner seine Position zum Flüchtlingslanger Moria erfahren wollte. „Für jemanden, der offenen Auges durch die Welt geht, kam die Situation nicht überraschend“, verdeutlichte Kühnert die Tatsache, dass hier schon länger auf EU-Ebene falsche Politik betrieben wird.

Auf die uneinheitliche Steuerpolitik in Europa, welche die Konzerne geschickt ausnutzten, wies Kühnert hingegen Mühldorfs Alt-Bürgermeister Günther Knoblauch hin, der sich nach Möglichkeiten erkundigte, wie man Internetriesen wie Google oder Amazon besser in die Pflicht nehmen könne. Ein Bitte richtete wiederum Altöttings Alt-Landrat Seban Dönhuber an die sozialdemokratische Nachwuchshoffnung: angesichts des Erreichten die Position zur Großen Koalition in Berlin nochmal neu zu überdenken.


Auf diesen Punkt kam Kevin Kühnert dann auch in der öffentlichen Veranstaltung zurück, bei der er die weit über 100 Anwesenden mit seinen rhetorischen Fertigkeiten überraschte: nicht nur für die Zahl der JuSos habe es sich als nützlich erwiesen, dass man mit dem künftigen Koalitionspartner in eine „gute demokratische Auseinandersetzung“ ginge. Auch, um es radikalen Kräften schwerer zu machen, die GroKo angesichts schwacher Oppositionen als Teil einer Weltverschwörung zu vermitteln. Keine Redevorlage, ja nicht mal einen Stichpunktzettel benötigte der JuSo-Vorsitzende, um weit über eine Stunde lang sehr detailliert, unter Anderem über Bildungspolitik, Klimapolitik, den Wohnungsbau, die Gesundheitspolitik oder auch die Flüchtlingspolitik der EU zu sprechen.

Pflichtgemäß ging er dabei zunächst auf die jungen Menschen ein. So wollten und müssten Auszubildende sich von ihren Eltern emanzipieren, was aber mit 380 Euro, wie sie bis vor Kurzem beispielsweise zu Beginn einer Metzgerausbildung gezahlt wurden, nicht möglich sei. Mit der bereits lange geforderten Mindestausbildungsvergütung von 515 Euro(2020) habe man eine „Verbesserung für 50.000 Azubis jedes Jahr“ erreicht. Sehr diplomatisch rief er die Genossen dazu auf, die Jugend selbst für ihre Ziele kämpfen zu lassen. „Im kommenden Wahlkampf wollen bereits 40 JuSos um ein Mandat des Bundestages kämpfen“, sagte Kühnert, „ich würde mich daher freuen, wenn wir uns bald dort wiedersehen!“, richtete er sich an die wiedergegründeten Töginger JuSos.

Wie man mehr Gerechtigkeit in Deutschland erreichen kann, erklärte Kevin Kühnert anhand des noch im letzten Jahr von Hans-Jochen Vogel veröffentlichten Buches: „Den Zuschlag für ein Grundstück muss der beste Vorschlag für das Gemeinwohl bekommen und nicht der Meistbietende!“, so seine Forderung, „damit alle wieder ein Dach über dem Kopf haben, das sie sich auch leisten können“.

Die bayerische Staatsregierung griff er an, dass sie zu wenig für die Energiewende leiste: „Vor wenigen Wochen wurde in Pfaffenhofen das erste neue Windktraftanlage 2020 in Betrieb genommen. Vor 10 Jahren stand man zu diesem Zeitpunkt bereits bei über 40“, kritisierte der JuSo-Chef, um anschließend noch deutlicher zu werden: Ministerpräsident Söder solle lieber die Kirche im Dorf lassen, anstatt sich „wie Prinzessin Lillifee mit der Kanzelrin auf Schiff und Kutsche und im Thronsaal von Herrenchiemsee in Szene zu setzen“.

Doch auch Kritik an der Gesundheitspolitik des Bundes gab es vom Chef der JuSos, weil man während der Krise alleine sieben Milliarden Euro für Masken und Schutzkittel ausgegeben habe. „Da muss ich vielleicht 4-5 Lager in Deutschland für solche ständig benötigten Durchlaufartikel bauen“, lautete Kühnerts Lösungsvorschlag, damit man für Masken, die in der Produktion 20 Cent kosten, nicht während eines Engpasses dann durchschnittlich mehr als 13 Euro berappen müsse.

pbj

Kommentare