Der lange Weg ins zweite Leben

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Alex Dirksen wird neuer Behindertenbeauftragter der Stadt Töging

Töging - Anfang Mai wird Alex Dirksen neuer Behindertenbeauftragter der Stadt Töging. Ein schwerer Autounfall hat ihn vor 15 Jahren aus der Bahn geworfen.

Doch der 40-Jährige hat sich zurück ins Leben gekämpft.

Der 16. Februar 1996 hat alles verändert. Viele Träume, Pläne und Wünsche eines jungen Mannes haben sich an diesem Tag in Luft aufgelöst, von der einen auf die andere Sekunde. Seitdem gibt es für Alex Dirksen zwei Leben: eines vor und eines nach dem Unfall. Dazwischen liegt eine große Leere, frei von Erinnerungen, der wochenlange Kampf ums Überleben.

Was genau passiert ist, weiß Alex Dirksen nur aus Erzählungen. Gegen 18 Uhr machte er sich wie immer mit seinem alten Mercedes auf den Heimweg in Richtung Töging. Der Student jobbte als Check-In-Agent am Münchner Flughafen im Erdinger Moos. „Mein letztes Flugzeug hatte Verspätung, deshalb kam ich eine Stunde später raus als sonst.“

Wäre die Maschine der Mailaysia-Airline nur eine Viertelstunde früher oder später gelandet, wäre er dem entgegenkommenden Porsche kurz hinter Erding wahrscheinlich gar nicht begegnet. Wäre es nie zu dem Frontalzusammenstoß in der Kurve gekommen. Wäre später nie festgestellt worden, dass der Porsche-Fahrer auf der falschen Fahrbahnseite unterwegs war.

Doch diesen Gedanken, diesem Leben im Konjunktiv mit der ständigen Suche nach einer Antwort auf das „Warum“, gibt sich Alex Dirksen nicht mehr hin. „Ich nehme es, wie es ist“, sagt er. „Weil ich weiß, dass ich nichts mehr ändern kann. Und dass ich trotz allem ein unglaubliches Glück hatte.“

Dieses Glück beginnt schon in den ersten Minuten nach dem Unfall. „Zwei Autos hinter mir war ein Krankenwagen unterwegs“, erzählt Dirksen. Optimale Erstversorgung, schnellstmöglicher Transport ins Krankenhaus, weiter mit dem Hubschrauber nach Bogenhausen. Dort bekommt das ganze Ausmaß des Unfalls einen Namen: Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades, mit Einblutungen im ganzen Kopf. „Drei Wochen lang ging es nur um Leben oder Tod“, erinnert sich Mutter Brigitte Dirksen. „An das, was danach kommt, haben wir damals gar nicht gedacht.“

Sechs Wochen lag ihr Sohn im Koma, mehrfach wurde er operiert. Ein sogenannter "Shunt" im Kopf sorgt heute dafür, dass überschüssige Flüssigkeit aus den Gehirnkammern über einen kleinen Schlauch in den Bauchraum fließt.

Vieles, was im ersten Leben noch selbstverständlich war, musste Alex Dirksen erst wieder richtig lernen: laufen, sprechen, Bauklötze sortieren. Doch der junge Mann kämpfte, machte Fortschritte und fand nach über zwei Jahren in Krankenhäusern und Therpiezentren den Weg in sein zweites Leben. "Ohne meine Mutter hätte ich das nie geschafft", sagt er, nachdem sie den Raum verlassen hat. "Sie hat sich in all den Jahren ununterbrochen um mich gekümmert." Er weiß, wie pathetisch sich das anhört - und sagt es trotzdem: "Sie und Gott haben es gerichtet."

Dass es ihrem Alex inzwischen wieder so gut geht, dass er sogar wieder Tennis spielen kann, sei nichts anderes als ein "Wunder", erklärt Brigitte Dirksen später - auch wenn eine Rückkehr in das erste Leben ausgeschlossen ist.

Dabei hat Alex Dirksen genau das mit aller Macht versucht: hat unter anderem sein BWL-Studium wieder aufgenommen - mit dem Ergebnis, es nach den ersten zwei gescheiterten Prüfungen wieder sein zu lassen; hat wieder in seinem alten Job als "Check-In-Agent" gearbeitet - um dann festzustellen, dass er der Systemumstellung am Flughafen geistig nicht mehr gewachsen ist. "Ich bin im Denken nicht mehr so schnell, kann mir nicht mehr so viel merken wie früher", sagt der 40-Jährige. Aus Arbeitgebersicht: Alex Dirksen ist nicht mehr so leistungsfähig wie im ersten Leben, in dem er doch so gerne Steuerberater geworden wäre. "Irgendwann ging es nicht mehr."

Also hat sich Alex Dirksen als Frührentner neue Ziele gesetzt: an einer Fern-Uni schloss er ein Studium zum E-Commerce-Manager ab, "eigentlich nur, um mir zu beweisen, dass ich es doch kann". Dann begann er seine Geschichte aufzuschreiben und dieses "Wunder" zwischen dem ersten und dem zweiten Leben in Worte zu fassen. Im Wagner-Verlag ist sein Buch erschienen: "Lebensbericht eines Todgeweihten".

Nun tritt er im Mai die Nachfolge von Dieter Haitzinger als Behindertenbeauftrager der Stadt Töging an. "Ich freue mich auf die Aufgabe", sagt er. "Vielleicht kann ich so nicht nur die eine oder andere Verbesserung in der Stadt erreichen, sondern auch ein wenig von meinen Erfahrungen an die Betroffenen weitergeben. Und ihnen von meinem neuen Leben erzählen." Dem zweiten.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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