Julia Bartz über ihren Besuch in Afghanistan

"Wir haben jetzt wieder junge Veteranen"

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Julia Bartz bei ihrem Besuch in Afghanistan.
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Maitenbeth - Die Bundestagsabgeordnete und Wehrpolitikerin Julia Bartz hat vor wenigen Wochen Afghanistan besucht. Im Gespräch mit unserer Redaktion schildert sie ihre Eindrücke.

"Einmal gesehen ist besser als tausend Mal gehört", sagt Julia Bartz mit Blick auf ihren Besuch in Afghanistan. Die 29-Jährige aus Maitenbeth schaffte im vergangenen Herbst überraschend den Sprung in den Bundestag und sitzt nun im Verteidigungsausschuss. Verteidigungspolitik ist Bartz' Steckenpferd, schon als Mitarbeiterin der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag besuchte sie 2011 die Bundeswehr im Kosovo. Nun hat sie gemeinsam mit Markus Grübel, Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, sowie einigen weiteren Mitgliedern des Verteidigungsausschusses eine Reise nach Afghanistan gemacht - und ein paar überraschende Eindrücke gesammelt.

Gespräche mit Soldaten und Seelsorgern

Deutsche Soldaten in Afghanistan

Seit zwölf Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan, bislang waren insgesamt mehr als 100.000 Soldaten dort im Einsatz. Gegenwärtig sind 3800 deutsche Frauen und Männer in Afghanistan stationiert.

Bereits die Anreise mit einer Militärmaschine gestaltete sich als kleines Abenteuer. Schon im Flugzeug mussten die Abgeordneten eine Schutzweste tragen, für den Fall, dass sie im Landeanflug unter Beschuss geraten. Auf dem Flug könne man kaum etwas sehen, schildert Bartz, weil es nur kleine Luken gebe. Der Landeanflug, den die Maschine sehr steil fliegen muss, stellte Bartz zudem vor eine körperliche Herausforderung, denn das Flugzeug musste mehrfach abdrehen, weil es kein Sichtfenster durch die Wolken hatte. "Die Kollegin von den Grünen war genau wie ich ganz grün im Gesicht", erzählt die 29-Jährige.

In Afghanistan angekommen besuchten die Abgeordneten deutsche Soldaten und die deutsche Botschaft in Kabul, sprachen mit dem Botschafter, Seelsorgern der Bundeswehr, Soldaten, die gerade in Afghanistan ankamen, und Soldaten, die kurz vor ihrer Heimreise standen. In Mazar-e Sharif etwa sei ein Soldat enttäuscht gewesen, dass er statt der üblichen vier Monate nur eineinhalb Monate in Afghanistan bleiben durfte, erzählt Bartz. Überhaupt sei sie positiv überrascht gewesen, wie positiv und mit wie viel Elan die Soldaten im Einsatz sind.

"Auslandseinsätze gehören mittlerweile dazu"

Die Abgeordnete ist davon überzeugt, dass die Soldaten heute sehr gut auf ihren Auslandseinsatz vorbereitet würden. Außerdem rechneten die Soldaten im Gegensatz zu früher damit, dass sie ins Ausland geschickt werden könnten. "Das gehört mittlerweile dazu", sagt Bartz. Die 29-Jährige räumt allerdings ein, dass ihr und den anderen Abgeordneten bei ihrem Besuch vielleicht bewusst solche Soldaten vorgestellt wurden, die ihren Einsatz in Afghanistan positiv bewerten. "Das hat man im Hinterkopf", erklärt Bartz.

Besonders einprägsam war für Bartz die Gedenkminute vor dem Ehrenheim in Mazar-e Sharif, die traditionell alle Ankömmlinge begehen. "Das war wirklich sehr bewegend für mich", sagt die 29-Jährige. Wenige Tage zuvor sei im Bundestag über das ISAF-Mandat beraten worden und sie selbst habe zu dem Thema gesprochen. "In Mazar-e Sharif gibt es eine Gedenktafel mit zig Namen, darunter 56 deutsche Soldaten. Das ist schon sehr prägend."

In Mazar-e Sharif hatte Bartz auch die Gelegenheit, mit Seelsorgern der Bundeswehr zu sprechen. Die Soldaten würde heute vor allem beschäftigen, was sie in Deutschland zurückgelassen haben, und weniger, was sie im Einsatz erleben. Der Grund dafür ist Bartz zufolge, dass die Bundeswehr fast keine Patrouillen mehr fährt. "Die Sicherheitsverantwortung ist offiziell übergeben", erklärt Bartz. Die Patrouillen übernehmen deshalb meistens afghanische Sicherheitskräfte.

"Die Frauen rütteln an den Gitterstäben der Gesellschaft"

Einen anderen Blickwinkel auf Afghanistan lernten die Abgeordneten bei ihrem Besuch in der deutschen Botschaft in Kabul kennen. "Wir hatten ein interessantes Gespräch mit dem deutschen Botschafter, der viel darüber erzählen konnte, wie das zivile Leben in Afghanistan aussieht", erzählt Bartz. Bezüglich der Rolle der Frau sei viel im Umbruch, seitdem die Isaaf-Truppen in Afghanistan sind. So gebe es viele Studentinnen und Frauen, die sich bei der Polizei bewerben. "Das sind Frauen, die an den Gitterstäben der Gesellschaft rütteln", habe der Botschafter erzählt.

Auch in der deutschen Gesellschaft will die 29-Jährige eine Veränderung durch den Afghanistaneinsatz bemerkt haben. "Wir haben jetzt viele junge Veteranen", sagt Bartz. Öffentliche Gelöbnisse finde sie wichtig, ebenso hält es Bartz für nötig und richtig, dass die Bundeswehr für sich wirbt, etwa auf Messen. Im Umgang mit den Veteranen sieht die Abgeordnete allerdings noch "Luft nach oben". "Es ist eine neue Herausforderung für uns als Gesellschaft, dass wir junge Leute haben, die aus dem Krieg herauskommen, dass wir Leute haben, die körperlich und psychisch verwundet sind."

Kompletter Abzug zum Jahresende möglich

Wie lange die Bundeswehr noch in Afghanistan stationiert sein wird, ist offen. Das gegenwärtige Mandat läuft bis Jahresende, Bartz zufolge hängt ein weiteres Engagement von einem bilateralen Sicherheitsabkommen zwischen den USA und Afghanistan ab. Dies müsse der nächste afghanische Präsident unterzeichnen, weil Amtsinhaber Hamid Karzai sich weigere. Im April wird in Afghanistan gewählt, eine Stichwahl ist wahrscheinlich, zudem verzögert der Ramadan im Sommer die Regierungsbildung. "Vor Herbst wird es keine stabile Regierung geben", prophezeit Bartz. Die Bundeswehr müsse sich deshalb auf verschiedene Szenarien einstellen.

Wird das Abkommen unterzeichnet, plant die Bundesrepublik, sich mit 800 Soldaten an einer Folgemission zur Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte zu beteiligen. Sollte das Abkommen nicht zustande kommen, zieht die Bundeswehr zum Jahresende ganz aus Afghanistan ab.

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