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Zwei Experten geben Antworten

Nach Todesfällen in der Region: Was Forscher bereits über das Borna-Virus sagen können

Klein, aber hochgefährlich: Die Spitzmaus steht im Verdacht, das Borna-Virus auf den Menschen zu übertragen.
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Klein, aber hochgefährlich: Die Spitzmaus steht im Verdacht, das Borna-Virus auf den Menschen zu übertragen.

Nachdem zwei Kinder aus Maitenbeth am Borna-Virus gestorben sind, erstellt das Friedrich-Loeffler-Institut eine Studie zur dortigen Spitzmauspopulation. Denn die steht im Verdacht, das Virus zu übertragen. Zwei Experten erklären, was über das Virus bekannt ist – und was sie sich von der Studie erhoffen.

Maitenbeth – Zwei Kinder aus dem kleinen Ort Maitenbeth sind an dem Borna-Virus gestorben. 2019 ein Mädchen, Anfang August ein siebenjähriger Bub. Deutschland weit wurden knapp 40 Borna-Fälle nachgewiesen. Doch in Maitenbeth und Umgebung häufen sich die Fälle. Das Virus ist nicht neu, von der Bornaschen Krankheit bei Tieren weiß man seit über 100 Jahren. Sie ist nach der Stadt Borna in Sachsen benannt. Dort gab es früher eine große Kavallerie und viele Pferde starben an einer Gehirnerkrankung.

Die Wissenschaft steht bei der Erforschung des Virus noch ganz am Anfang. Seit 2015 beschäftigt sich eine große Forschungsgruppe damit. Unter anderem Professor Martin Beer, der Leiter der Virusdiagnostik am Friedrich-Loeffler-Institut, und Professor Dennis Tappe vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Tappe sagt: „Ich habe selten an etwas Interessanterem geforscht.“ Die beiden Experten erklären, was bisher über Borna bekannt ist – und welche Erkenntnisse sie sich durch die Studie erhoffen.

Wer steckt sich an?

Deutschlandweit gibt es knapp 40 Borna-Fälle, bei einigen wurde das Virus erst nach dem Tod nachgewiesen. Um bislang unentdeckte Fälle zu entlarven, gibt es Kooperationen mit Kliniken und Instituten bundesweit: Gefragt sind Fälle von schweren Gehirnentzündungen. Bei ungeklärten Todesfällen wurden Blutproben eingefroren. „Das Virus ist zwar nicht im Blut nachweisbar, aber die Antikörpern dagegen“, erklärt Beer. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Aber sie wird kleiner, weil immer mehr Kliniken auf das Borna-Virus untersuchen.

Die Fälle aus Maitenbeth nähren den Verdacht, dass Kinder anfälliger sind als Erwachsene. „Aber das kann sehr gut Zufall sein“, sagt Dennis Tappe. Es sei aber auch möglich, dass Kinder und Senioren, die häufiger betroffen sind, verstärkt etwas machen, was andere nicht machen: Spielen im Freien oder Gartenarbeit. Eine laufende Studie und bisherige Daten zeigen: „Es sind vor allem extrem ländliche Gebiete betroffen“, sagt Tappe. Kleine Dörfer. Und wenn es ein größerer Ort ist, traten die Fälle fast immer am Dorfrand auf.

Wie wird das Virus übertragen?

Bei dieser Frage steht die Forschung noch vor Rätseln. 2011 und 2013 gab es drei Fälle von verstorbenen Bunthörnchen-Züchtern. 2015 wurde ein neues Borna-Virus beschrieben. „Das war der erste Nachweis einer tödlichen Infektion von Menschen.“ Von den hier nicht mehr heimischen Hörnchen wurden bisher viele untersucht, erklärt Beer. „Seit mehr als zwei Jahren finden wir keine positiven Hörnchen mehr.“ Für die aktuellen Fälle steht die Spitzmaus im Verdacht, vor allem die Feldspitzmaus. In ihren Verbreitungsgebieten kam es zu den Erkrankungen.

Nachgewiesen wurde das Virus weltweit nur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein. Menschliche Infektionen sind nur in Deutschland bekannt. Hier ist Bayern ein Kerngebiet, sagt Beer. Unklar sei aber, wie man sich tatsächlich ansteckt. Durch Bisse? Berührung? Kot? In den bekannten Fällen kann sich laut Tappe keiner der Angehörigen erinnern, dass ein Patient Kontakt zu einer Spitzmaus gehabt hätte.

„Wir wissen, dass Feldspitzmäuse das Virus über Urin und Speichel ausscheiden und selbst nicht krank werden“, erklärt Beer. „Sie ist unserer Erkenntnis nach das einzige Tier, dass das Virus weitergibt.“ Andere Tiere wie Pferde und Schafe, aber auch Menschen gelten als Sackgassenwirte. „Sie geben das Virus nicht weiter, erkranken aber daran – und das meist schwer.“

Wie verläuft die Erkrankung?

Das rätselhafte Virus macht vielen Menschen, vor allem in der betroffenen Region, Angst. Professor Tappe sagt ganz klar: „Die Erkrankung ist nach allem was wir wissen zu 100 Prozent tödlich.“ Er betont aber auch: „Die Borna-Gehirnentzündung ist eine extrem seltene Krankheit.

Professor Dennis Tappe

Sie beginnt mit unspezifischen Symptomen, erklärt Beer. Fieber, Unwohlsein, Kopfschmerzen. „Die Inkubationszeit dauert Wochen bis Monate.“ Wenn Betroffene zum Arzt gehen, haben sie meist schon starke Beschwerden. Die letzte Phase ist ein komatöser Zustand. „Das Virus zerstört das Gehirn nicht – aber es setzt sich im Gehirn fest“, erklärt Beer. Letztlich sterben die Patienten an ihrer eigenen Immunabwehr gegen das Virus. „Der Körper bekämpft sein eigenes Gehirn.“

Gibt es Medikamente gegen das Virus?

Es gibt laut Tappe Medikamente, bei denen man gesehen habe, dass sie in Zellkulturen gegen die Borna-Viren wirken. „Aber es muss jemand frühzeitig an Borna denken“, sagt der Wissenschaftler. Patienten landen erst einmal beim Hausarzt, dann beim Neurologen, irgendwann in der Uniklinik. „Dann sind die Patienten zwei, drei Wochen krank. Da kommt jede Wunderpille zu spät.“

Bei den Patienten, bei denen in den Kliniken das Virus diagnostiziert wurde, haben die Ärzte antivirale Medikamente eingesetzt, erklärt Beer. Auch mit Immunsuppression wurde gearbeitet. Zum Beispiel bei dem Siebenjährigen aus Maitenbeth. Doch die Medikamente halfen nicht mehr.

Welche Erkenntnisse soll die Studie liefern?

Im Herbst soll das Ergebnis der groß angelegten Untersuchung der Maitenbether veröffentlicht werden. Wenn dort kein Borna-Treffer auftaucht, ist das immerhin eine gute Nachricht für die Bewohner, betont Tappe: „Das heißt, dass das Virus nicht überall verbreitet ist. Wir haben vorher schon Menschen Blut abgenommen. Man findet, wenn überhaupt, sehr wenig.“

Professor Martin Beer

Das Friedrich-Loeffler-Institut untersucht die Spitzmäuse in der Region. Das sei allerdings kompliziert, erklärt Beer. Denn die Art ist geschützt. „Man braucht viele Genehmigungen.“ Die Forscher profitieren vor allem von toten Feldspitzmäusen, die gefunden und unter Sicherheitsvorkehrungen eingeschickt werden.

Auch Katzen könnten sich in seltenen Fällen infizieren, das Virus aber nicht weitergeben, sagt Beer. Er empfiehlt trotzdem, Katzen erst mal nicht gleich zu streicheln oder auf den Arm zu nehmen, wenn sie eine tote Spitzmaus gebracht haben.

Ob Maitenbeth wirklich ein Hotspot fürs Borna-Virus ist oder sich die Fälle dort zufällig gehäuft haben, könne man laut Beer noch nicht sagen. „Insgesamt gibt es in den betroffenen Gebieten in Deutschland glücklicherweise nur extrem wenige Fälle. Das Risiko einer Infektion ist außerordentlich gering.“

Spitzmäuse stehen unter Artenschutz

Spitzmäuse gehören nicht zu den Nagetieren, sondern zu den Insektenfressern. Sie haben deutlich spitzere Nasen beziehungsweise Gesichter als echte Mäuse. Zudem zeichnen sie sich durch einen stechenden Geruch sowie relativ kleine Augen und Ohren aus. Feldspitzmäuse sind sehr selten. Sie leben auf Brachgebieten, zum Beispiel in Straßenböschungen, Steinmauern oder unter Hecken. Sie sind scheu und nachtaktiv. Begegnungen zwischen Feldspitzmaus und Mensch sind selten. Eng verwandt mit der Feldspitzmaus sind Garten- und Hausspitzmäuse – noch ist unbekannt, ob sie das Bornavirus ebenfalls übertragen können. Spitzmäuse stehen unter Artenschutz.

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