Liebe, Verzweiflung, Hass

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Aufgrund seiner Epilepsie, die oft und vollkommen unangekündigt Anfälle verursacht, trägt der zwölfjährige Christian einen Kopfschutz.

Gars/Au – Wenn ein Familienmitglied behindert ist, leidet oft das gesamte Umfeld mit. Manchmal steht dabei sogar das Schicksal einer ganzen Familie auf der Kippe - wie in diesem Fall.

Lesen Sie hier den Bericht des Oberbayerischen Volksblatts vom Donnerstag:

Liebe, Verzweiflung, Hass

Christian Z. (Name geändert) kam als gesundes Kind zur Welt. Seine Eltern lebten damals in Südafrika. Genau wie sein vier Jahre älterer Bruder verlebte Christian eine geborgene Kindheit in einer harmonischen Familie. Doch Christian hatte bereits als Säugling viele Infektionen.

Mit sechs Monaten erkrankte er zudem an Meningitis. Die löste Blutungen im Gehirn aus, es folgte eine Gehirn-OP, daraus resultiert vermutlich Christians Epilepsie. „Als Christian zwei Jahre alt war, gingen wir zurück nach Deutschland“, berichtet Christians Mutter Susanne. Und „da merkten wir dann: Irgendwas stimmt hier ganz gewaltig nicht.“

Die 43-Jährige hadert nicht mit dem Schicksal. „Es ist halt einfach schief gelaufen“, sagt sie heute. Christian habe mit 13 Monaten laufen gelernt, „und dann kam nichts mehr.“ Die südafrikanischen Ärzte seien am Zustand ihres Kindes nicht schuld, sagt die Mutter. Alle deutschen Ärzte hätten die Befunde bestätigt – Christian war zu keinem Zeitpunkt zu helfen.

Was das Gehirn des mittlerweile Zwölfjährigen zusätzlich zerstörte: Aufgrund einer Windpockenerkrankung vor acht Jahren geriet die Epilepsie des Kindes außer Kontrolle: „Da war‘s ganz vorbei, wir konnten ihn nicht mehr einstellen. Er hatte damals bis zu zehn Anfälle täglich.“

Christian hat bis heute nicht sprechen gelernt – und er wird es wohl auch nie mehr. Lediglich „Mama“, „Papa“ und Tierlaute wie „wauwau“ oder „kikeriki“ kann das Kind – je nach Tagesform – artikulieren.

Die Behinderung Christians sei für die ganze Familie, die in der Nähe von München lebt, eine enorme Belastung gewesen – vor allem für Christians älteren Bruder. „Er war immer Co-Patient“, gibt die Mutter zu. Und: „Er hat oft ‚nein‘ hören müssen, meist hat er sich dann um sich selbst gekümmert.“

Die AWO-Familienhilfe gab Susanne Z. zunächst Hilfestellung. Doch je älter Christian wurde, umso betreuungsintensiver wurde er. Susanne Z., die zwischenzeitlich noch einem dritten (gesunden) Kind das Leben schenkte, geriet immer mehr an die Grenzen ihrer Kräfte. „Ich habe lange gebraucht einzusehen, dass ich ihn weggeben muss“, erzählt die gelernte Dolmetscherin.

Seit zwei Jahren lebt Christian Z. nun im Kinderheim Haus Maria in Au. „Seitdem ist er ruhiger geworden“, erklärt die Mutter. Außerdem habe sie ganz neue Gefühle für ihr Kind bekommen: „In der Endphase war es sehr schwierig, ich hatte oft richtige Hassgefühle. Aber als er dann weg war, habe ich tagelang nur geheult.“ Heute freue sie sich riesig, wenn ihr Kind am Wochenende nach Hause komme – zumal Susanne Z. weiß, dass es Christian in Au gut geht.

Dort nämlich hat Christian in der Wohngruppe St. Korbinian ein Einzelzimmer. Mindestens ein Betreuer kümmert sich rund um die Uhr um ihn. Christian besucht auch täglich die Schule, wenngleich ihm die anderen Kinder seiner Klasse himmelweit überlegen sind. Seine Klassenkameraden jedoch – Gleichaltrige meist mit Down-Syndrom – sehen in Christian weniger das Kleinkind, das nicht mitspielen kann. Vielmehr versuchen sie ihn, soweit es ihre eigenen Entwicklungsverzögerungen zulassen, in das Klassenleben einzubeziehen. Lehrerin Sigrid Hofer: „Die anderen beschäftigen sich mit ihm, aber, klar, eine Freundschaft kann daraus nicht werden.“

Susanne Z. berichtet über zahlreiche Fortschritte, die ihr Sohn im Laufe seines Aufenthalts in Au gemacht habe. Bei der Reittherapie etwa schafft es Christian, der sich normalerweise kaum stillhalten geschweige denn konzentrieren kann, stillzusitzen. Sogar das Bürsten des Pferdes bereitet ihm, dem normale Händeführung eigentlich nicht gelingt, erstaunlich wenig Probleme.

„Ich bin sicher, dass ihm in Au geholfen wird“, sagt Susanne Z.. Aber, da sind sich die Mutter, die Betreuer und die Lehrerin Christians einig: „Therapieerfolge sind immer abhängig von seinem Gesundheitszustand.“

Zurzeit ist sein Verhalten wieder ungewöhnlich, ja schon fast zu ruhig: Aufgrund neuer Medikamente bewegt sich Christian wie in Trance. Er reagiert nicht einmal auf das Foto seiner Eltern, das er stets unter seiner Schulbank aufbewahrt. zip

Kinder brauchen neues Heim

Das Kinderheim Haus Maria des Franziskushauses Au am Inn ist derzeit noch in einem angemieteten Haus in Gars untergebracht. Bis März 2011 müssen die 23 zum Teil schwer behinderten Kinder jedoch ausziehen. Einen Neubau des Heims – in direkter Nachbarschaft zu den übrigen Einrichtungen des Franziskushauses – können nun die OVB-Leser mit ihren Spenden finanzieren helfen.

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