Nicht Rache, sondern Verständnis für Verblendung

Der Sohn des von der RAF ermordeten Hanns Martin Schleyern, Jörg Schleyer, in der Haager Realschule.

Haag - Die Ähnlichkeit zwischen dem großgewachsenen Jörg Schleyer, der entspannt auf der Bühne des Odeon in der Haager Realschule sitzt, und dem Foto auf der Leinwand dahinter wirkt erstaunlich.

Jörg Schleyer spricht mit Schülern der zehnten Klassen, der Mann auf dem Bild ist Hanns Martin Schleyer, sein am 18. Oktober 1977 von der RAF ermordeter Vater.

Und dann ist die Rede von der linksextremistischen Terrororganisation Rote Armee Fraktion und dem "Deutschen Herbst", von der Tätergeneration, welche die Zeit vor 1945 am liebsten totgeschwiegen hätte, und vom politischen Erwachen der Jugend. Die Attentate auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke kommen zur Sprache und schließlich der Schritt zur Radikalisierung durch die Befreiung von Andreas Baader, der wegen Kaufhausbrandstiftung in Berlin inhaftiert war. Um ihn geht es, um Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, deren Weg in den Terrorismus und schließlich deren Inhaftierung in Stuttgart Stammheim. Da kommt die Familie Schleyer ins Spiel.

"Er war schon eine große Nummer, was das Wirtschaftsleben angeht", begründet der Gast der Realschule das Interesse der RAF an seinem Vater. Dabei schildert er, wie unvorstellbar unprofessionell Personenschutz damals aussah - ohne gepanzerte Fahrzeuge, mit notdürftig ausgebildeten Bodygards und mit heute unvorstellbaren Lücken im Informationssystem, Internet entsprechende Datenrecherche gab es noch nicht.

Am 5. September 1977 passiert es dann: Hanns Martin Schleyer wird in Köln auf offener Straße aus seinem Fahrzeug heraus entführt, seine Begleiter werden kaltblütig erschossen. Gebannt hören die Jugendlichen zu, als Jörg Schleyer den Verlauf der darauffolgenden Wochen beschreibt. Die damals 61-jährige Mutter wird zur zentralen Person, sie bemüht sich, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten, um die Kinder zu schützen. Sorgen, Traurigkeit, Verzweiflung. Trotz des sachlichen Tons ist unverkennbar, wie sehr die Familie auch heute noch in Gedanken bei dem Entführten weilt. Wie ist es ihm wirklich ergangen? Wie kann man eine solche Extremsituation verkraften? Was waren seine letzten Gedanken? Und natürlich habe man von Seiten der Familie alles versucht, um den geforderten Gefangenenaustausch zu erreichen. "Als wir aber von der Befreiung der entführten Lufthansamaschine "Landshut" in Mogadischu hörten, war für uns eines klar: Das ist das Todesurteil für den Vater". Der weitere Verlauf der Ereignisse bestätigt dann die Vorahnungen.

"Wie konnten sie akzeptieren, dass der Staat den Gefangenenaustausch nicht durchgeführt hat? Sind sie den Mördern ihres Vaters begegnet?", so zwei der vielen Fragen, die die Schüler an den Vortragenden richten und auf die sie ehrliche Antworten erhalten. Hörg Schleyer, der tiefe Verletzungen erfahren hat, spricht nicht von Hass, sondern von Vernunft, nicht von Rache, sondern von Verständnis für Verblendung. Und er redet davon, dass eine wichtige Aufgabe sei, aufzuklären und den Teufelskreis zu durchbrechen. "Irgendwann", so Schleyer, "muss die Feindschaft aufhören."

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