Viele sind über die Feiertage allein und leiden

Das Internet rettet Weihnachten: Eine Social-Media-Aktion bringt Einsame zusammen

Weihnachten einsam und allein? Das muss nicht sein, fand Christian Fein aus Worms und initiierte die Aktion #KeinerBleibtAllein auf Twitter - Tausende nutzen das Angebot.

  • Christian Fein aus Worms bringt Einsame an Weihnachten zusammen
  • 2016 initiierte er die Social-Media-Aktion #KeinerBleibtAllein auf Twitter
  • Evangelische Kirche unterstützt das Projekt

Kurz vor Weihnachten 2016 traf Christian Fein eine Entscheidung, vor der viele Menschen vor den Feiertagen noch mehr Angst haben als sonst. Der SAP-Berater aus Worms trennte sich von seiner Frau und war Heiligabend, wenn alle bei ihren Lieben sind, allein. 


Hilferuf via Twitter fand große Ressonanz

„Es muss doch jemand anderen geben, dem es auch so geht“, sagte sich Fein und schickte einen Hilferuf per Twitter hinaus in die Welt. Wenig später führte das von ihm erfundene Schlagwort #KeinerTwittertAllein die Charts des Kurznachrichtendienstes an.

Aus dem Hilfe-Tweet wurde eine Social-Media-Bewegung

Mittlerweile ist aus Feins Tweet eine Social-Media-Bewegung geworden, die Einsame aus ganz Deutschland zusammenbringt. Im vorigen Jahr wollten 26.000 Menschen über Feins Initiative, die mittlerweile #KeinerBleibtAllein heißt, mit anderen Weihnachten feiern. 


Der Großvater aller Einsamen: Der Opa aus dem Edeka-Weihnachtsspot berührte 2015 Millionen Menschen. Damit es anderen nicht so geht wie ihm, hat Christian Fein aus Worms die Aktion #KeinerBleibtAllein gegründet.

Mit Bekannten hat der 34-Jährige eine Bürgerinitiative gegründet. Gemeinsam bringen sie die Suchenden, die sich über Twitter, Facebook und Instagram melden, zusammen.

Evangelische Kirche unterstützt das Projekt

Es klingt wie ein Witz: Ausgerechnet Social Media, das für Kritiker das Zentralorgan aller narzisstischen Egoisten ist, hält die Gesellschaft zusammen. Diesmal wird die Bestmarke aus dem vorigen Jahr, als die evangelische Kirche das Projekt erstmals unterstützte, wohl noch übertroffen.

Christian Feins Aktion #keinerBleibtAllein trifft einen Nerv

Mit seiner Aktion hat Fein einen Nerv getroffen – vor allem am Ende eines jeden Jahres, wenn die Suizidrate wieder steigt. Einsamkeit ist in den westlichen Industriegesellschaften ein unterschätztes Problem. Das ändert sich nur langsam. Großbritannien hat ein Einsamkeitsministerium eingerichtet. Eine niederländische Supermarktkette führte Plauderkassen ein, damit einsame Kunden Kontakte knüpfen können. Das britische Rote Kreuz spricht von einer „Epidemie im Verborgenen“, die jeden treffen könne.

Bei der Social-Media-Aktion machen Menschen von 14 bis 97 Jahren mit

Auch bei #KeinerBleibtAllein melden sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und „von 14 bis 97“, wie Fein sagt: Alte, denen der Freundeskreis weggestorben ist, Alleinerziehende, die mit ihrer Situation überfordert sind, Studenten, die mit ihren Kommilitonen in der fremden Stadt nichts anfangen können.

#KeinerBleibtAllein bringt herzzerreißende Geschichten hervor

Die Reaktionen, die Fein bekommt, sind immer wieder herzzerreißend. Er erzählt von einer 25-Jährigen aus Marburg. Die einzige, die sich sonst aus der Unistadt an der Lahn bei #KeinerBleibtAllein gemeldet hatte, war eine 87-Jährige. Also tranken die beiden zusammen Kaffee und spazierten durch Marburg. „Die Frauen hatten einen wunderbaren Abend“, versichert Fein.

Auf besondere Wünsche gehen Fein und seine Mitstreiter nicht ein. Natürlich melden sich Männer, die gern eine Blondine zwischen 35 und 40 hätten. Aber #KeinerBleibtAllein ist keine Single-Börse. Und Fein empfiehlt auch, niemandem gleich seine Adresse zu geben: „Guckt lieber erst einmal, ob es passt.“

Aktion soll künftig das ganze Jahr über Einsame zusammenbringen

Künftig soll seine Initiative das ganze Jahr über ein Markt der einsamen Menschen sein. Wobei das nicht ganz einfach wird. Schon jetzt geht der gesamte Urlaub des gebürtigen Heidelbergers für #KeinerBleibtAllein drauf.

Mittlerweile ist Christian Fein ein gefragter Experte zum Thema Einsamkeit

Er sagt kluge Sätze wie: „Wann ist es Einsamkeit, wann nur Langeweile?“ Oder: „Oft resultiert das Einsamkeitsgefühl daraus, dass man nicht viel mit sich selbst anfangen kann.“ Schon der Kabarettist Werner Schneyder wusste: „Einsamkeit ist Belästigung durch sich selbst.“

Initiator Christian Fein: Viele Einsame stecken in einer Sinnkrise

Fein hat festgestellt, dass viele Einsame in einer Sinnkrise stecken. Ihnen empfiehlt er zum Beispiel ein Ehrenamt. Das kann dem Leben wieder einen Sinn geben und schafft neue Kontakte.

Auch drei Jahre nach seinem Beziehungs-Aus ist er immer noch Single. Heiligabend wird der Agnostiker mit Freunden in einer Kneipe in Worms verbringen: „Es wird wunderbaren Glühwein geben.“ Für Fein sieht so der perfekte Heiligabend aus.

keinerbleibtallein.net

Manchmal helfen Einsamen Filme über Einsamkeit - drei besondere Tipps: 

  • Vergiss mein nicht (2004): Michel Gondrys Drama fragt, ob man sich weniger einsam fühlen würde, wenn man die Erinnerung an eine gescheiterte Beziehung löschen könnte. 
  • Into The Wild (2007): Regisseur Sean Penn erzählt von einem Mann, der in die Wildnis zieht und stirbt. 
  • Gravity (2013): In Alfonso Cuaróns Weltraum-Thriller sind George Clooney und Sandra Bullock die einsamsten Menschen des Alls.

Von Matthias Lohr

Rubriklistenbild: © Edeka/nh

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