Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Interview mit dem US-Politikexperte James Davis

US-Politikexperte Davis über die Kampfpanzer-Debatte: „Wenn Putin siegt, wird es gefährlich“

Ein Leopard-Kampfpanzer der polnischen Armee bei einer internationalen Militärübung.
+
Ein Leopard-Kampfpanzer der polnischen Armee bei einer internationalen Militärübung. Polen will seine Panzer an die Ukraine liefern - braucht dafür aber eigentlich die Zustimmung der Bundesregierung. (Symbolbild)

Die Regierungen in Washington D.C. und Berlin diskutieren weiter über die Lieferung von Kampfpanzern. US-Politikexperte James Davis sieht im Interview starke Spannungen.

München – Der Streit um die Lieferung von Kampfpanzern im Ukraine-Krieg wird zur Bewährungsprobe für die Ampel-Koalition – und offenbar auch für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Prof. James Davis, Politikwissenschaftler an der Uni St. Gallen, ist gebürtiger US-Amerikaner und lebt in München. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, wie die USA auf die deutsche Zögerlichkeit blicken, wie stark die atomare Abschreckung in Europa heute ist - und warum ihn Deutschland in diesen Tagen an einen jungen Erwachsenen erinnert, der einfach nicht von zu Hause ausziehen will.

„Starke Spannungen zwischen Washington und Berlin“

Die Bundesregierung erklärt, Washington und Berlin ziehen an einem Strang. Stimmt das auch bei der Frage der Kampfpanzer-Lieferung an die Ukraine?

James Davis: Es gibt derzeit starke Spannungen zwischen Washington und Berlin – gerade in der Frage der Panzerlieferungen, Das Gespräch im Kanzleramt mit dem US-Verteidigungsminister ist zumindest nach den Berichten, die ich gehört habe, schlecht gelaufen.

Wie wird die Haltung der Bundesregierung zu den Leopard-Lieferungen in den US-Medien bewertet?

Davis: Die US-Zeitungen sind voll mit Kritik an der deutschen Haltung. Die „Washington Post“ schrieb, US-Präsident Joe Biden müsse sich endlich gegen Olaf Scholz durchsetzen. Es gibt wenig Verständnis für die deutsche Zögerlichkeit in den US-Medien.

Die US-Regierung ist zumindest in der Frage der Lieferung von Abrams-Kampfpanzern ebenfalls zurückhaltend. Washington begründet das mit zu hohem Treibstoffverbrauch des Panzers und logistischen Problemen. Sind das vorgeschobene Argumente?

Davis: Ich glaube nicht. Die Amerikaner haben bisher ehrlich über die Waffensysteme für die Ukraine gesprochen. So haben sie etwa über das Patriot-Raketenabwehrsystem gesagt, dass es nicht so schnell geliefert werden kann, weil dafür erst eine ordentliche Ausbildung nötig sei. Diese Ausbildung läuft jetzt gerade, ukrainische Soldaten üben in den USA an diesen komplexen Systemen. Ähnlich ist es mit den Abrams: Waffen-Experten sagen, dass es sich um einen sehr komplexen Panzer handelt. Er hat einen Düsenantrieb, ähnlich wie ein Düsenflieger, und wurde im Kalten Krieg für schnelles Vorstoßen gebaut. Es ist also ein Panzer für die Offensive in großen Gebieten und bringt der Ukraine deshalb nicht das, was der Leopard-2 jetzt bringen könnte. Es sind die Deutschen, die einerseits sagen, sie wollen der Ukraine alles Notwendige liefern – und dann Probleme vorschieben, wenn es konkret wird.

Kampfpanzer ins Kriegsgebiet? Deutschland hat „historische Verantwortung“ gegenüber Polen und der Ukraine

Wie gefährlich ist die Eskalation durch die Lieferung von Kampfpanzern? Wird Deutschland dadurch in den Krieg gezogen?

Davis: Die Eskalation ist eher zu erwarten, wenn die Ukraine nicht die notwendigen Waffen hat, um sich selbst zu verteidigen. Ein Russland, das sich Kiew einverleibt und an den Grenzen zu Polen steht, ist gefährlicher als eines, das in der Ukraine gestoppt wird.

Was steckt dann wirklich hinter der zögerlichen Haltung der Bundesregierung?

Davis: Ich glaube, dass die SPD eine zu einfache historische Lehre gezogen hat: Nie wieder deutsche Panzer auf russischem Boden! Aber man vergisst dabei, dass Russland und Deutschland 1939 gemeinsam Osteuropa unter sich aufgeteilt haben. Deutschland hat nicht nur Russland gegenüber eine historische Verantwortung, sondern auch gegenüber Polen, den baltischen Staaten oder der Ukraine.

Ein Grund für die Zurückhaltung von Olaf Scholz ist, dass Deutschland – anders als Frankreich oder Großbritannien – keinen eigenen nuklearen Schutzschirm hat. Was, wenn ein Donald Trump wieder US-Präsident wird und die Deutschen im Regen stehen lässt?

Davis: Derzeit stehen rund 35 000 US-Soldaten auf deutschem Boden. Das ist ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass die USA zu ihrem Versprechen stehen, Deutschland zu verteidigen. Es gibt die nukleare Teilhabe, noch immer gibt es taktische US-Nuklearwaffen auf deutschem Boden: Die atomare Abschreckung ist heute noch genauso stark wie vor zehn oder 20 Jahren.

US-Experte Davis zur Leopard-Lieferungen: Scholz wird „deutlich höheren politischen Preis“ zahlen

Wie kommt der Leopard-Streit bei Putin an? Knallen da die Korken im Kreml?

Davis: Alles was zwischen Washington und Berlin zu Streit führt, freut Putin.

In Deutschland und den USA gibt es in weiten Teilen der Bevölkerung Bedenken bezüglich der militärischen Unterstützung für Kiew. Wie wirken vor diesem Hintergrund die Korruptions-Enthüllungen in der Ukraine?

Davis: Diese lange Geschichte der Korruption in ukrainischen Regierungskreisen ist natürlich problematisch. Jedoch muss man immer wieder klar sagen, dass der Kampf der Ukraine auch unser Kampf ist. Ein Putin, der in der Ukraine gewinnt, wird eine noch bedrohlichere Figur auf der internationalen Bühne sein. Deshalb liegt es in unserem eigenen Interesse, dass die Ukraine siegt. Und es liegt deshalb in unserem Interesse, dass wir alles liefern, was der Ukraine dabei hilft. Die politischen Führer in Berlin, aber auch in Washington, machen dieses Eigeninteresse der Bevölkerung viel zu wenig deutlich.

In der „New York Times“ sagte der britische Historiker Timothy Garton Ash: „Die deutsche Position ist äußerst verwirrt, weil das alte Denken tot ist, ein neues aber noch nicht entstanden ist.“ Hat er Recht?

Davis: Seit 1990 hören wir, dass Deutschland Zeit braucht, um eine neue Rolle zu finden. Aber jetzt sind wir im Jahr 2023! Deutschland verhält sich wie diese jungen Menschen, die mit 30 noch immer nicht aus dem Elternhaus ausziehen wollen.

Wird Scholz am Ende doch Leopard-Panzer an die Ukraine liefern?

Davis: Ja, Scholz wird dann nur einen deutlich höheren politischen Preis dafür zahlen müssen, als bei kluger Politik eigentlich notwendig gewesen wäre.

Kommentare