Gefährliche, unsichtbare Gase

Silo-Drama: Wie der eigene Hof für einen Landwirt zur Todesfalle wurde - neue Details

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Vorbildlicher Einsatz: Die Retter der Feuerwehr Irschenberg waren innerhalb von nur sieben Minuten auf dem Hof im Ortsteil Buchfeld.
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In eine tödliche Falle hat sich sein Futtersilo für einen 72-jährigen Landwirt in Irschenberg verwandelt. Fast wäre bei dem tragischen Unglück noch jemand erstickt. Die Kripo ermittelt.

Update, 28. Dezember: Viele im Ort fragen sich auch Wochen nach dem Unfall, wie es dazu kommen konnte. Welcher Landwirt steigt schon in sein eigenes Silo? 

„Die Kripo Miesbach geht von einem Unfallgeschehen im Zusammenhang mit Reparaturarbeiten aus“, bestätigt Polizeisprecher Stefan Sonntag auf Nachfrage.

Nach bisherigen Ermittlungen reparierte demnach der 72-Jährige eine Hoflampe über der geschlossenen Einstiegstür zum Silo. Die Leiter rutschte wohl weg, der Landwirt krachte auf die Falltür, diese brach auf und der Irschenberger landete in seinem Silo. Als ihn seine Familie fand, war schon alles zu spät.

Ursprünglicher Artikel vom 3. Dezember

Miesbach – Die Verzweiflung der Angehörigen muss groß gewesen sein. So groß, dass sie selbst ihr Leben riskierten, um den 72-jährigen Landwirt aus den tödlichen Gärgasen im Futtersilo zu retten. Kurz nachdem ein 30-jährige Ersthelfer mit einer Leiter in die Tiefe gestiegen und ebenfalls ohnmächtig geworden war, schickten sich zwei weitere Personen an, einen Befreiungsversuch zu starten. Er wäre mit ziemlicher Sicherheit in einem noch größeren Drama gemündet, sagt Irschenbergs Feuerwehrkommandant Tom Niggl. „Das hätte auch ganz anders ausgehen können.“ Nämlich schlimmer.

Als der Alarm am Sonntagabend gegen 18.47 Uhr ging (wir berichteten), wusste Niggl sofort, was es geschlagen hatte. Das Stichwort „Silo“ reichte ihm, um die große Gefahr für den verunfallten Landwirt zu erahnen. „Da zählt jede Sekunde“, sagt Niggl. Wenige Atemzüge in den unsichtbaren und weitgehend geruchlosen Gärgasen würden genügen, um zur Bewusstlosigkeit und kurz darauf zum Erstickungstod zu führen. Deshalb legten die Retter, die solche Einsätze regelmäßig trainieren, noch während der Anfahrt ihre Atemschutzausrüstung an. „Sonst lasse ich da niemanden rein“, erklärt Niggl.

Sieben Minuten nach dem Notruf ist die Feuerwehr vor Ort - es geht um Sekunden

Nur sieben Minuten nach dem Notruf waren die Retter vor Ort. Wie das Polizeipräsidium Oberbayern Süd berichtet, hatte die Ehefrau des Landwirts ihren Mann vermisst und kurz darauf leblos im Futtersilo entdeckt. Umgehend eilten ein Großaufgebot an Einsatzkräften der Feuerwehren Irschenberg, Niklasreuth, Miesbach und Bad Aibling sowie vier Rettungswagen und zwei Notärzte zu dem Anwesen im Irschenberger Ortsteil Buchfeld.

Merkur.de* berichtet in einem Newsblog aktuell zu dem tragischen Fall: Todesdrama auf Hof in Irschenberg: Angehöriger versucht Landwirt zu retten - und bricht selbst zusammen

Gerade noch rechtzeitig: 30-Jähriger kann aus Silo gerettet werden - für Landwirt (72) ist es zu spät 

Die Atemschutzträger der Feuerwehr kamen laut Niggl gerade rechtzeitig, um die beiden weiteren Angehörigen vom Einstieg ins Tiefsilo in der Tenne des Bauernhofs abzuhalten. Den leblosen Landwirt und den bewusstlosen 30-Jährigen fanden sie auf einer Abdeckplane in rund zwei Metern Tiefe vor. Weil für das Anlegen einer aufwendigen Bergungsvorrichtung keine Zeit war, hievten sie die beiden Männer mit einem Seil an die Oberfläche. Das am Silo fest installierte Frischluftgebläse hätte immerhin für eine gewisse Sauerstoffzufuhr gesorgt, berichtet Niggl.

Silo-Drama am Irschenberg: Das ist die lauernde Gefahr

Ansonsten nämlich ist in einem Silo so gut wie keine atembare Luft vorhanden. Wie die Polizei erklärt, entstehen durch Gärprozesse Gase, die durch ihren höheren Kohlenstoffdioxid-Anteil schwerer als Luft sind und deshalb zum Boden absinken. Dort bildet sich dann ein sogenannter „Gärgas-See“. Wer dort hineingerät, wird im schlimmsten Fall ohne Vorwarnung bewusstlos, und je nach Kohlenstoffdioxid-Konzentration tritt auch der Tod sehr schnell ein.

Dieses Schicksal hat wohl auch den 72-Jährigen ereilt. Trotz sofortiger Reanimationsmaßnahmen kam für ihn jede Hilfe zu spät. Der 30-Jährige hatte Glück und überlebte. Er kam – zusammen mit den beiden Angehörigen – in ein Krankenhaus. Sein Zustand ist laut Polizei stabil. Ein Kriseninterventionsteam kümmerte sich laut Niggl vor Ort um die Familie, Notfallseelsorger Richard Siebler betreute die Einsatzkräfte. Pfarrer Tadeusz Kmiec-Forstner hielt eine kleine Andacht für den Toten ab. „Darauf legen wir Wert“, erklärt Niggl.

Noch ungeklärt ist die Frage, warum der Landwirt in das Silo geraten ist. Die Kripo Miesbach ging gestern von einem „tragischen Unfallgeschehen“ aus. Eine Obduktion am Rechtsmedizinischen Institut München war für gestern Nachmittag angesetzt.

sg

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