Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Experte im Interview

„Die Zeit der Billigangebote geht zu Ende“ - Ökonom Gabriel Felbermayr über den akuten Materialmangel

Gestörte Lieferketten sorgen in vielen Bereichen für längere Wartezeiten und höhere Kosten. (Symbolbild)
+
Gestörte Lieferketten sorgen in vielen Bereichen für längere Wartezeiten und höhere Kosten. (Symbolbild)

Wien - Ist der Mangel nur ein Luxusproblem? Und könnten wir alles komplett in Deutschland herstellen? Der Ökonom Gabriel Felbermayr klärt diese Fragen im Interview auf. Felbermayr erforscht seit vielen Jahren, wie die globale Wirtschaft funktioniert und welchen Platz Deutschland dort einnimmt. Er war bis 2021 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und ist nun Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Herr Felbermayr, viele Waren sind gerade knapp. Haben wir schon eine Mangelwirtschaft?

Felbermayr: Eine Mangelwirtschaft, wie man sie aus dem Kommunismus kennt, haben wir nicht. Damit wäre ja gemeint, dass große Teile der Bevölkerung ihre Nachfrage nach Gütern oder Dienstleistungen nicht mehr befriedigen können, obwohl sie bereit sind, viel dafür zu zahlen. Aber wir haben natürlich das wachsende Problem in vielen Branchen, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt und die Preise dort deshalb explodieren.

Wer zum Beispiel eine Spülmaschine kaufen will, bekommt unter Umständen nicht genau, was er will – und wann er will. Ist das der Abschied aus einer Welt des Überangebotes? 

Felbermayr: Genau, so ist es. Wir müssen mehr zahlen und kriegen vielleicht das gewünschte Produkt nicht sofort oder nicht exakt in der Ausstattung, die wir eigentlich wollen. Das ist ein unangenehmer Wohlstandsverlust, der noch dazu die unterschiedlichen sozialen Gruppen unterschiedlich stark trifft. Die Zeit des schier endlosen Billigangebotes, etwa aus China, geht zu Ende. 

Wie lange wird uns die Knappheit noch ärgern?

Felbermayr: Ich fürchte, wir werden noch eine ganze Weile in vielen Branchen höhere Preise und längere Wartezeiten erleben. Die Lieferketten sind immer noch stark gestört. Es wird sogar aktuell wieder schlimmer, weil Corona in China zu Problemen in den Häfen führt und bei Transporten von China nach Europa über Land und Luft durch den Ukraine-Krieg lange und teure Umwege nötig sind. Dazu kommen politische Spannungen, die wohl auch länger anhalten und zu einer Entkoppelung unserer Volkswirtschaft mit der russischen oder chinesischen führen werden. All das macht das Angebot knapp und kostet Wohlstand.

Vieles fehlt, weil Vorprodukte aus dem Ausland nicht da sind. Nun sagen einige Verbraucher: Warum nicht alles komplett in Deutschland produzieren? Geht das überhaupt?

Felbermayr: Nein, es ist ziemlich ausgeschlossen, dass wir die Gütermengen, die wir aktuell in Deutschland verbrauchen, komplett vor Ort herstellen. Dafür reichen die Ressourcen nicht. Wir haben schlicht zu wenige Arbeitskräfte, zu wenig Land, eine unzureichende Ausstattung mit Rohstoffen und so weiter. Das Tolle am Welthandel ist ja, dass wir mit den knappen Ressourcen die Güter herstellen, bei denen wir wirklich produktiv sind. Diese tauschen wir gegen jene Güter, wo wir einen zu hohen Ressourceneinsatz hätten. Fällt dieser sinnvolle Tausch weg, dann fehlen Güter und Dienstleistungen, die wir uns aktuell leisten können. Das heißt freilich nicht, dass nicht manche Produktionen aus dem Ausland nach Deutschland zurückwandern müssen, damit die Lieferketten wieder stabiler werden.

Was würde passieren, wenn zum Beispiel ein Auto komplett in Deutschland produziert wird? 

Felbermayr: Schwer zu sagen, wie teuer ein Auto dann wäre. Schätzungen gehen davon aus, dass die Kaufkraft in Deutschland um mindestens ein Drittel niedriger wäre, wenn wir keinen Außenhandel mehr hätten. Autos würden sich aber überdurchschnittlich verteuern, weil da Vorprodukte aus dem Ausland viel wichtiger sind als bei anderen Gütern. Man darf eines nicht vergessen: Wenn wir nicht mehr importieren, dann leidet natürlich auch die Exportwirtschaft. Einerseits, weil die Produktionskosten in Deutschland steigen und damit die Wettbewerbsfähigkeit sinkt. Andererseits, weil das Ausland ja nicht mehr über die Euro verfügen würde, die es zum Einkaufen in Deutschland braucht. Exportweltmeister bleibt man nur, wenn das Land offen für Importe bleibt.

Es gibt Pläne, mehr Computerchips in Deutschland zu fertigen. Wie lange dauert es, bis die Bemühungen Früchte tragen?

Felbermayr:: Das dauert. Und die Kosten für die Ansiedlung von Chip-Produzenten in Deutschland sind sehr hoch, wie die Milliardensubventionen an die US-Firma Intel zeigen. Und ob am Ende dauerhaft Chips in Deutschland hergestellt werden, muss man erst sehen. Die Forschung ist da eher skeptisch. Es ist dennoch richtig, alles zu tun, um bei solch wichtigen Produkten weniger abhängig und damit weniger erpressbar zu sein.

Wie lässt sich der Materialmangel aus Ihrer Sicht am besten dauerhaft lösen? 

Felbermayr: Mit einem Mix an Maßnahmen. Die Unternehmen sind längst dabei, ihre Lieferketten robuster aufzustellen. Da gehören Lagerhaltung und Diversifizierung dazu. Beides klingt einfacher, als es ist. Es ist in Deutschland sehr schwer, Lagerflächen zu finden, und diese sind teuer. Und die Diversifizierung leidet häufig daran, dass die Anzahl möglicher Lieferanten beschränkt ist. Lithium für die Herstellung von Batterien gibt es zum Beispiel bisher nur in wenigen Ländern.