Kind tot - Mutter verklagt Klinik

+
Carmen C. aus Söchtenau am Grab ihres Kindes. Das Mädchen starb kurz vor der Geburt.

Söchtenau - Sie sei Anfang 2009 in einer Privatklinik im Chiemgau falsch behandelt worden, habe eine ganze Nacht lang vergeblich um einen Arzt gebettelt und deshalb kurz vor der Geburt ihr Kind verloren.

Schwere Vorwürfe erhebt eine Frau (44) aus Söchtenau gegen eine inzwischen geschlossene Privatklinik im Chiemgau (wir berichteten). Ungewöhnlich: Die einzige unabhängige Zeugin, die im gleichen Patientenzimmer lag, wusste vom tragischen Ausgang nichts. Sie erfuhr erst durch den OVB-Bericht vom Tod des Kindes. Im kommenden Zivilprozess wird sie nun aussagen.

Vor Kurzem wäre Christina-Marie - so sollte das Kind heißen - drei Jahre alt geworden. Doch statt eine Geburtstagstorte für ihre Tochter zu backen, bereitet sich Carmen C. aus Söchtenau auf den Prozess vor. Sie ist überzeugt davon, dass Christina-Marie am 16. Februar 2009 - da sollte das Baby per Kaiserschnitt geholt werden - gesund zur Welt gekommen wäre, wenn ihr, der Mutter, "in der schlimmsten Nacht meines Lebens" nicht das Recht auf einen Arzt verweigert worden wäre.

Um 21 Uhr war Carmen C. am 13. Februar nach vollen neun Monaten Schwangerschaft stationär in der Klinik aufgenommen worden. Der Befund: "falsche Wehen". Die Herztöne des Kindes waren zu diesem Zeitpunkt völlig normal. Doch dann klagte die hochschwangere Frau die ganze Nacht hindurch über große Schmerzen, bettelte verzweifelt um einen Arzt - vergeblich. Sie bekam nur wehenhemmende Tabletten und eine Infusion. Als dann um 6 Uhr früh endlich ein Arzt kam, tastete er vergeblich nach Christina-Maries Herztönen. Das Kind, das sich laut Carmen C. gegen 3 Uhr früh noch im Mutterleib bewegt hatte, war tot.

Die Tragödie war auch Gegenstand eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens gegen den Chefarzt und Betreiber der Privatklinik. Dieses wurde jedoch gegen die Zahlung von 2400 Euro eingestellt, obwohl ein Gutachter der Uniklinik München feststellte, dass spätestens um 2 Uhr nachts eine ärztliche Untersuchung hätte erfolgen müssen. Sein erschütterndes Fazit: "Bei Beachtung der Regeln der ärztlichen Kunst wäre in vorliegendem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit der intra-uterine Fruchttod zu vermeiden gewesen."

Dass der Verlust ihres Kindes für 2400 Euro zu den Akten gelegt wurde, empfindet Claudia C. als empörend und menschenverachtend - und zieht nun vors Zivilgericht.

Die Frau, die am 13. Februar im Patientenzimmer an der Seite der Klägerin ebenfalls eine schlaflose Nacht verbracht und das Martyrium von Carmen C. miterlebt hat, erfuhr von der furchtbaren Diagnose am Morgen erst durch den Bericht in unserer Zeitung. Weil die 44-Jährige am Morgen in einem anderen Raum untersucht und danach nicht mehr ins Patientenzimmer zurückgebracht worden war, hatte die Bettnachbarin nichts mitbekommen. Jetzt meldete sich die Frau aus Rosenheim schockiert zu Wort. Laut Dr. Markus Frank und Wolfgang Müller von der Rosenheimer Rechtsanwaltskanzlei Eisenrieder & Kollegen, die Carmen C. rechtlichen Beistand leisten, will die Frau die in der Klage erhobenen Vorwürfe im Prozess als Zeugin erhärten und die Klinik zusätzlich belasten. Dass die Rosenheimerin im strafrechtlichen Ermittlungsverfahren nicht vernommen wurde, wundert Müller: "Das hätte sich doch geradezu aufgedrängt." Doch die Staatsanwaltschaft erklärt hierzu, dass es in solchen Fällen unüblich sei, Unbeteiligte zu befragen. Dr. Jan Wiesener, Rechtsanwalt des Arztes, verweist darauf, dass Carmen C. den Beklagten nicht von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden habe und er sich deshalb nicht zum Verfahren äußern dürfe. Ein Prozesstermin steht noch nicht fest, sein Kollege Müller glaubt aber, dass es im April oder Mai losgeht. Carmen C. klagt auf die Ersetzung "aller erlittenen materiellen und immateriellen Schäden".

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser