Nur noch ein Bett pro Intensivstation frei

„Wo ist die Pandemie?“: Gerüchte um gezielten Abbau von Intensivplätzen und gleichbleibender Belegung

Angesichts steigender Infektionszahlen in der dritten Corona-Welle warnen Mediziner vor Engpässen bei der Versorgung von Patienten auf den Intensivstationen. Viele Menschen zweifeln diese möglichen Engpässe an. Sogar von einem gezielten Abbau von Intensivkapazitäten ist die Rede.

Immer mehr Intensivmediziner warnen wegen steigender Corona-Infektionszahlen vor einer Überlastung des Gesundheitssystems - auch zu Lasten von Patienten mit anderen Krankheiten. In einigen Regionen gebe es nur noch zehn Prozent freie Kapazitäten, sagte Steffen Weber-Carstens, Intensivmediziner der Berliner Charité, am Donnerstag in Berlin.

„Was bedeuten zehn Prozent? Die durchschnittliche Größe der Intensivstationen ist zehn bis zwölf Betten. Das bedeutet: pro Intensivstation genau ein Bett“. Dies werde auch vorgehalten für Patienten zum Beispiel mit Schlaganfall oder Unfällen - und für Covid-19-Patienten. „Das ist die Situation, wie sie im Moment ist.“

Bettenabbau und gleichbleibende Belegung?

Einige Menschen halten solche Aussagen für reine Panikmache. Unterstützt werden diese Kritiker von Personen, welche offizielle Grafiken falsch interpretieren. Aktuell sorgt ein Facebook-Beitrag für Verwirrung. Dort heißt es: „Wo ist bloß die Pandemie!? Die letzten 12 Monate hat sich die Belegung der Intensivbetten nicht wirklich geändert!“ Probleme werden an anderer Stelle vermutet: „Dafür wurden aber kontinuierlich die Kapazitäten der Intensivbetten abgebaut mitten in der schlimmsten Pandemie‼“ Dazu wird eine Grafik gezeigt, die belegte und freie Betten sowie die Notfallreserve auf Intensivstationen in Deutschland darstellen soll.

Das sind die Fakten:

Fakt ist, dass seit April 2020 ein Register des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) die Belegung der Intensivstationen in den deutschen Krankenhäusern zeigt. Das verbreitete Foto mit der Grafik zu belegten und freien Betten sowie der Notfallreserve auf Intensivstationen in Deutschland entspricht den Daten, die auf der offiziellen Webseite des Divi-Intensivregisters zu finden sind. Der Wert der insgesamt belegten Betten bleibt in etwa stabil zwischen rund 19 000 und 21 000. Die Zahl der freien Betten und der Notfallreserve geht dagegen zurück.

Doch obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, wurden keine Intensivbetten aktiv abgebaut. Entsprechende Behauptungen hatte die Deutsche Presse-Agentur bereits im November des vergangenen Jahres widerlegt. Denn ein freies Bett könne im Intensivregister nur als frei gemeldet werden, wenn eine Klinik die Ärztinnen und Pfleger hat, um die Patientin darin zu versorgen, teilte eine Divi-Sprecherin damals auf Anfrage mit.

Die Vorschriften dazu, wie viel medizinisches Personal dafür nötig ist, haben sich im Laufe der Corona-Pandemie mehrmals geändert. Hinzu kommen Ausfälle von Ärzte und Pflegerinnen, z.B. durch Coronainfektionen. „Dadurch ist die Gesamtzahl zwar formal etwas runtergegangen. Aber es entspricht in keinem Fall einem Bettenabbau, sondern es entspricht der wirklichen realen Wiedergabe dessen, was wir in Deutschland an Intensivkapazität zur Verfügung haben“, sagt Christian Karagiannidis, Leiter des Divi-Intensivregisters in einem Erklärvideo.

Und warum bleibt die Zahl der insgesamt belegten Betten in Deutschland vergleichsweise konstant? Das hat zwei Gründe:

1. Die kursierende Grafik zeigt den zeitlichen Verlauf der Belegung für ganz Deutschland zusammengenommen - in der Statistik gleichen sich also regionale Überlastungen der Intensivstationen mit weniger belasteten Regionen aus. Sichtbar ist die regional unterschiedliche Auslastung auf einer Karte im Divi-Intensivregister, die den Anteil der freien Betten auf Ebene der Landkreise zeigt.

2. Der zweite Grund für die konstant bleibende Belegung von Intensivstationen, ist die Tatsache, dass Kliniken trotz der Corona-Pandemie für den Alltagsbetrieb freie Intensivplätze bereithalten müssen, wie die Divi-Sprecherin der dpa ebenfalls bereits im November 2020 mitteilte. Dies passiert ihren Angaben zufolge durch Verlegungen von Patienten: „Sonst könnten z.B. die Opfer eines größeren Autounfalls oder zwei, drei Schlaganfallpatienten an einem Tag nicht mehr adäquat versorgt werden.“ Auch können planbare Operationen abgesagt werden. Die Belegung auf Intensivstationen müsse zwingend einigermaßen konstant bleiben, damit alle potenziellen Patienten bestmöglich behandelt werden können.

>>> So viele COVID-19-Patienten werden derzeit in der Region auf der Intensivstation behandelt <<<

Die Behandlung der Vielzahl von Covid-19-Patienten Ende Dezember, Anfang Januar sei nur möglich geworden, weil andere Patienten früher als üblich auf andere Stationen verlegt worden seien, teilte eine Divi-Sprecherin im März mit. Im Umkehrschluss heißt das auch: Eine Belegung über einem konstanten Niveau würde eine Überlastung des Gesundheitssystems bedeuten.

Mediziner befürchten 6.000 Covid-Patienten auf Intensivstationen

Im Divi-Intensivregister demonstrieren weitere Grafiken die derzeit außergewöhnlich hohe Auslastung der Intensivstationen: Am 31. März, als der oben genannte Facebook-Beitrag erschien, ist dort eine Zahl von 3668 Covid-Patienten auf Intensivstationen verzeichnet. Sie ist bis zum 12. April auf 4642 gestiegen. Der absolute Spitzenwert lag am 3. Januar bei 5745 Covid-Intensivpatienten. Mediziner des Divi-Intensivregisters fürchten, dass er in absehbarer Zeit auf 6000 steigen könnte.

mz mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © Jefferson Bernardes

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