Hier las schon Günter Grass

Kult-Gasthaus nach 600 Jahren vor dem Aus

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Muss der Gasthof Adler nach 600 Jahren schließen?

Isny - Das Wirtshaus Adler im Allgäu hat eine reiche Tradition: Zahlreiche Promis wie der Schriftsteller Günter Grass waren hier zu Gast. Nun droht der denkmalgeschützten Wirtschaft das Aus.

Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man eine längst vergangene Welt betreten: Wer die Tür zum Gasthaus Adler in Isny im Allgäu aufmacht, taucht ein in seine 600 Jahre dauernde Geschichte. An den Wänden des denkmalgeschützten Gebäudes hängen alte Drucke, Bilder und sehr viele Geweihe. Die Decke des Speisesaals hängt tief in den Raum, die Wände sind mit dunklem Holz verkleidet. Um das Jahr 1400 wurde das historische Haus errichtet - nun steht es vor dem Aus.

Obwohl draußen die Sonne scheint, legt Stefan Alt, der die Wirtschaft mit seiner Lebensgefährtin Adelheid Schmid betreibt, ein paar Holzscheiben in den reich verzierten Ofen. Seit Monaten suchen die beiden nach einem Käufer - vergeblich. Dabei sei allein die Geschichte des Adlers ein Touristenmagnet, sagt Alt: Während des Bauernkrieges ab dem Jahr 1524 versammelten sich dort die aufständischen Bauern gegen den Schwäbischen Bund, nach Ende des Dreißigjährigen Krieges kam eine Posthalterei der Kaiserlichen Reichspost unter.

Noch heute zeugt eine Inschrift auf einem Balken im Speisesaal davon: „Einst (1683-1812) Thurn- und Taxis Postraum“ ist dort eingraviert. 1714 wurde nach Angaben des Regierungspräsidiums Tübingen die Gasthaustradition begründet, als man dort einen Stall für Postpferde einrichtete und die Versorgung der Reisenden beim Pferdewechsel sicherstellte. 1768 soll schließlich die österreichische Erzherzogin Maria Theresia mit ihrem Gefolge im Adler eingekehrt sein, zwei Jahre später ihre Tochter Marie Antoinette, die später Königin von Frankreich wurde.

27 gut erhaltene Gästebücher zeugen mit zahllosen Einträgen - auf Deutsch, Englisch, Spanisch und vielen anderen Sprachen - vom Kommen und Gehen der Gäste. Viele Seiten sind kunstvoll gestaltet, auf einigen sind Zeichnungen des Hauses zu sehen.

Zu den Gästen zählt auch Günter Grass, der im Jahr 1958 an einer Tagung der Schriftstellervereinigung Gruppe 47 im Adler teilnahm. „Grass las zwei Kapitel aus der noch im Entstehen begriffenen "Blechtrommel"“, schrieb später Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in seinem Buch „Unser Grass“ über das Treffen.

Grass schrieb kürzlich der „Südwest Presse“, er fände es schade, wenn der alte Gasthof „den Tendenzen der Zeit folgend zugrunde geht“. Mit dem Wirtshaus verschwände nicht nur ein Stück lokaler Geschichte, sondern auch ein Stück deutscher Literaturgeschichte. „Ich würde mir wünschen, dass sich noch ein Weg findet, den Adler am Leben zu erhalten.“

Seit November 2012 ist das Wirtshaus in das Denkmalbuch von Baden-Württemberg eingetragen. Sollte sich niemand finden, der ihn übernimmt, würde sich der Adler in eine lange Reihe von Landgasthöfen einfügen, die in den vergangenen Jahren schließen mussten. „Die Zahl nimmt ab, das nehmen wir deutlich wahr“, sagt Carsten Dehner vom Regierungspräsidium Tübingen. Bundesweit habe in den vergangenen zehn Jahren bereits jede vierte Gaststätte auf dem Land geschlossen.

Stefan Alt und Adelheid Schmid haben das Haus 2005 übernommen, renoviert, saniert. Anfangs lief das Geschäft gut, selbst ohne Werbung fanden viele Gäste ihren Weg in den Adler. „Wir haben geschuftet wie Brunnenputzer“, sagt Alt. Nach acht Jahren ist Schluss, sie wollen nach Südafrika auswandern. Doch die beiden werden den Adler nicht los. „Für Großinvestoren ist das Wirtshaus zu klein, für Privatpersonen fast schon zu groß“, sagt Schmid. Auf lange Sicht schaffe das nur jemand mit einem guten Konzept. Alt könnte sich neben dem Gasthof auch eine Brauerei vorstellen, ein Museum oder ein Hotel.

dpa

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