Fürs Kino verfilmt

Das Wiesn-Attentat und der unbequeme Reporter

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Ulrich Chaussy hat das Wiesn-Attentat von 1980 durchleuchtet.

München - Er bohrte nach, als andere den Fall schon abgehakt hatten: Der BR-Journalist Ulrich Chaussy hat das Wiesn-Attentat von 1980 akribisch durchleuchtet – und einen Ermittlungs-Skandal aufgedeckt.

Am 26. September 1980 um 22 Uhr beginnt Michael Angerers Nachtschicht. Um 22.30 Uhr ist er ein anderer Mensch. Angerer ist Zivi, es ist seine erste Nacht bei den Sanitätern. Über Funk kommt die Meldung „Explosion beim Brausebad“. Etwas Furchtbares ist passiert, so viel ist klar, als Angerer im Sanka zum Oktoberfest rast. Was er dort sieht, wird ihn bis in seine Träume verfolgen: Das Riesenrad dreht sich, Musik dudelt, Leute jauchzen in der Achterbahn. Im Vordergrund: Leichenteile. Menschen am Boden, stöhnend vor Schmerz. „Wenn hundert Leute stöhnen, gibt das einen eigenartigen Klangteppich“, sagt Angerer. „Ich dachte: Hier ist ein Schlachtfeld. So sieht Krieg aus.“

Um 22.19 Uhr hat die Explosion einer mit 1,39 Kilogramm TNT gefüllten Rohrbombe 13 Menschen in den Tod gerissen. 211 werden verletzt, 68 davon schwer. Die Bombe fetzt auch Wunden in die Seelen von Menschen wie Michael Angerer. Und sie verändert das Leben vieler. Auch das Leben des Reporters Ulrich Chaussy, der beim Anschlag nicht dabei war, dann aber mehr darüber herausgefunden hat, als vielen lieb war. Was ist damals wirklich passiert – das fragt er sich noch heute, 33 Jahre später. 1985 hat er ein Buch geschrieben über seine Jagd nach den Hintermännern. Darin erzählt er auch die Geschichte von Zeugen wie Michael Angerer. Jetzt haben sie aus der Jagd einen Film gemacht: „Der blinde Fleck“, heute läuft er in den Kinos an (siehe Kultur). Hauptfigur: Ulrich Chaussy, gespielt von Benno Fürmann.

Gewöhnlich will er, der Reporter, etwas von den Leuten. Aber in diesen Tagen wollen alle was von ihm. Chaussy sitzt im Lokal „Lenz“ an der Pettenkoferstraße, einen Steinwurf entfernt vom Ort der Explosion. Er erzählt, und immer wieder klingelt das Telefon: ein Zeitungsjournalist, ein Kollege von B 5 aktuell, ein Mitarbeiter von Markus Lanz. Der 61-Jährige wehrt ab: „Ich bin nicht nur Mister Oktoberfest-Attentat – das wäre ein trauriges journalistisches Leben!“

Klar, das Staraufgebot des Films sorgt für Interesse: Außer Fürmann Heiner Lauterbach, Nicolette Krebitz, August Zirner, Miro Nemec, Udo Wachtveitl. Doch am meisten fasziniert die Geschichte von Chaussy selbst, die hier nacherzählt wird. „Früher habe ich mir manchmal gedacht: Wenn man daraus ein Drehbuch schreiben würde, würde es heißen: Das ist aber dick aufgetragen.“ So unglaublich diese Story auch scheinen mag – für den Film sei so gut wie nichts dazuerfunden worden, betont er.

Chaussys Jagd beginnt 1982, als eigentlich alles vorbei ist: Generalbundesanwalt Kurt Rebmann legt einen überraschenden Abschlussbericht vor: Das Attentat sei „Tat eines Einzeltäters“ gewesen: Gundolf Köhler aus Donaueschingen, perspektivlos, sexuell frustriert. „Ein politisches Motiv konnte nicht erkannt werden. Kein Hinweis auf eine Beteiligung weiterer Täter.“

Chaussy soll für den Bayerischen Rundfunk einen Bericht über das Attentat liefern. Er begegnet dem Anwalt zweier Opfer, Werner Dietrich, der nicht an die offizielle Version glaubt. Ein Geologie-Student soll alles alleine geplant und durchgeführt haben? Köhler, das Mitglied der ultrarechten, paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann? „Kurze Zeit, nachdem mein Bericht gesendet war, bekam ich anonyme Post“, sagt Chaussy. „Ein Riesen-Paket mit Untersuchungsakten – Material, das ich nicht hätte haben dürfen.“

Was er liest, macht ihn sprachlos. Da ist Frank Lauterjung, der laut Chaussy „präziseste, glaubwürdigste und wichtigste Tatzeuge“. Er hatte ausgesagt, er habe Köhler eine halbe Stunde vor dem Attentat mit zwei Männern diskutieren sehen, nah am Haupteingang. Exakt beschrieb er, dass Köhler einen Koffer trug und eine weiße Plastiktüte mit einem schweren, runden Gegenstand. Als Chaussy Lauterjung befragen will, sagt man ihm, der Zeuge sei gestorben – ein Herzleiden, das er sich zugezogen habe, nachdem die Ermittler ihn drangsaliert und als unglaubwürdig abgestempelt hätten.

Die „Soko Theresienwiese“ beschäftigt bis zu 100 Beamte, geht mehr als 860 Hinweisen nach, befragt 1800 Zeugen. Hinweise in die rechte Szene versickern jedoch – sogar die von einer Zeugin angefertigte Phantomzeichnung von Mittätern verschwindet spurlos.

Wie es aussieht, wenn Bayerns Strafverfolger nicht nach rechts, aber sehr wohl nach links blicken, hat Chaussy selbst erlebt: 1977, zur RAF-Zeit, stürmt ein halbes Dutzend Polizisten mit Maschinenpistolen seine Münchner Wohnung, zerrt ihn und seinen Mitbewohner um fünf Uhr früh aus dem Bett. Grund für die Razzia laut Chaussy: „Wir würden uns in Sprengstofftechnik üben, um Bombenanschläge auszuführen.“ Seine blauen Augen blicken spöttisch über die randlose Brille. „Wir hatten mit sowas nichts am Hut, wir wussten auch nichts von dem Spitznamen Kommune Rote Zelle Trudering, den uns der Staatsschutz gegeben hatte.“ Später kommt heraus, dass ein entfernter Hinweis darauf, dass die WG Karl Marx lese, den Einsatz ausgelöst hatte. Die Begebenheit ist so entlarvend, dass sie den Film „Der blinde Fleck“ wie ein Prolog eröffnet.

Blind – das sind die Ermittler auf dem rechten Auge. Und: „Schon knapp drei Monate nach dem Attentat haben sie zielstrebig auf die Einzeltätertheorie zugearbeitet“, sagt Chaussy. Bald wird klar, dass der Chef der Staatsschutzabteilung im Innenministerium gezielt Journalisten mit Informationen über Köhlers Umfeld gefüttert – und damit mögliche Hintermänner gewarnt hat. Mehrere von ihnen wählten den Freitod, wie der Film zeigt.

Wie der Neonazi Heinz Lembke: Er lebte einsam im Wald in der Lüneburger Heide – und hatte dort ein Waffen- und Sprengstofflager angelegt, das just Ende Oktober 1980 entdeckt wurde – ohne dass die Behörden offiziell eine Verbindung herstellten. Dabei wusste man, dass er Kontakte zur Wehrsportgruppe Hoffmann hatte, der Köhler angehörte. Lembke kündigte nach seiner Festnahme an, vor dem Generalbundesanwalt auszusagen – und erhängte sich in der Nacht darauf in seiner Zelle.

Stoff für Verschwörungstheoretiker findet sich nach der Wende auch in den Stasi-Akten. Die Stasi hatte die rechte Szene und die Behörden in der Bundesrepublik bespitzelt. Die Akten zeigen, dass die westlichen Geheimdienste antikommunistische Privatleute – gerne auch Rechtsextreme – anwiesen, Waffenlager anzulegen, für den Partisanenkampf im Falle einer Sowjet-Invasion. „Gladio“ hieß das Projekt, das die Nato europaweit steuerte.

Explodierte in München „Gladio“-Sprengstoff? Wollte der Staat die wahren Hintergründe verschleiern? „Ich bin kein Orakel“, sagt Chaussy, „ich halte mich an die Fakten.“ Die veröffentlicht er 1985 im Buch „Oktoberfest. Das Attentat“, damals noch ohne Stasi-Akten. Chaussy erhält den Internationalen Journalistikpreis in Klagenfurt – aber in der Sache tut sich: nichts. „Die Behörden haben das weggewischt wie Wasser vom Kragen eines Regenmantels“, sagt er.

Erst 2006 bewegt sich was. Eine Doku über das Attentat steht an. „Ich nahm mir die alten Akten vor“, sagt Chaussy. Seine Frau meinte: Ob man nicht mit den neuen kriminaltechnischen Methoden die alten Asservate auf DNA-Spuren untersuchen könne? 50 Zigaretten- und Zigarillo-Stummel hatte man in den Aschenbechern von Köhlers Auto gefunden. Und da war jene abgetrennte Hand, die am Tatort gelegen hatte: Sie konnte weder einem Opfer noch Köhler zugeordnet werden. Doch man fand Fingerabdrücke von ihr auf Dokumenten in Köhlers Wohnung. Ein zweiter Täter?

„Ich fragte bei der Bundesanwaltschaft an“, sagt Chaussy. „Man teilte mir mit, dass alle Asservate im Fall Oktoberfest-Attentat schon 1997 vernichtet worden seien, um Platz im Regal zu schaffen.“ Chaussy wurmt das noch heute. „In der Sache“, sagt er, „war das meine erfolgloseste Arbeit.“

Als Regisseur Daniel Harrich Chaussy vorschlägt, ihn zur Hauptfigur zu machen, ist er nicht begeistert. „Aber Daniel hat mich überzeugt, dass man die Geschichte an einem Protagonisten erzählen müsste.“ Chaussy beteiligt sich am Drehbuch, gibt Hauptdarsteller Fürmann Tipps. Über dessen Leistung ist er voll des Lobes: „Ich kann mir im Film gut zusehen.“

Zusehen durften im Sommer 2013 auch die Politiker: Harrich und Chaussy zeigten „Der blinde Fleck“ vor 300 Gästen vorab im Landtag. „Am selben Nachmittag war der NSU-Untersuchungsausschuss zusammengekommen“, erinnert sich Chaussy. Innenminister Joachim Herrmann gab laut Chaussy nach der Vorführung zu, dass man seinerzeit die Wehrsportgruppe Hoffmann, aus der Gundolf Köhler hervorgegangen war, kolossal falsch eingeschätzt habe. Die Gelegenheit habe er genutzt, sagt Chaussy lachend. Er forderte Herrmann auf, Spurenakten freizugeben, die die „Soko Theresienwiese“ geführt hatte. Dass sie existieren, hat das Landeskriminalamt lange bestritten. Der Minister versprach öffentlich, Opferanwalt Dietrich Einsicht in die ungeschwärzten Akten zu gestatten.

Er hielt Wort: Vor wenigen Tagen durfte Dietrich die Akten sichten – auch die des Bundesnachrichtendienstes. Erste Erkenntnis: Ein gutes Dutzend Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann besuchte 1980 ein libanesisches Terror-Camp – zur gleichen Zeit wie italienische Rechtsextremisten. Es sei über mögliche Anschläge in der Bundesrepublik und Italien gesprochen worden, heißt es. Wenig später, am 2. August 1980, explodierte im Hauptbahnhof von Bologna eine Bombe, kurz vor dem Wiesn-Attentat. 85 Menschen starben, 200 wurden verletzt. Italien hat bereits offengelegt, dass „Gladio“-Aktivisten darin verstrickt waren.

Diese Indizien kommentiert Chaussy skeptisch: Dass die Bundesanwaltschaft ihre Arbeit wieder aufnehmen könnte, lässt ihn hoffen – aber: „Ich habe Angst vor deren Dienst nach Vorschrift.“ Ihn ärgert, dass man in Deutschland nicht wahrhaben wollte, dass auch Rechtsextreme zur Bildung terroristischer Vereinigungen fähig waren. Und: „Es hätte in Deutschland nicht zu einer NSU-Mordserie kommen müssen, wenn man schon 1980 damit begonnen hätte, die rechten Netzwerke genauer zu beobachten anstatt die rechtsextreme Bedrohung zu verdrängen.“

Johannes Löhr

Quelle: Oktoberfest live

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