Strittiges Thema

Wie viel Wert hat die Heimat in der Region?

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Global denken ist wichtig, doch wie viel Platz hat hier die Heimat noch?  
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Landkreis - Grundschule, Heimat- und Sachkunde-Unterricht. Es geht um Temperatur messen und den Igel. Dann noch um Europa und nicht etwa um die heimische Region. Wie viel Wert hat die Heimat noch?

Der Grundschul-Lehrplan ist festgelegt, nur kleine Abweichungen sind möglich. Auch im Heimat- und Sachkundeunterricht sind die Themen vorgegeben. So kommen die Kinder also zuhause an und berichten über den Schultag. Da geht es um viele Dinge. Leicht irritiert kommen die Eltern aus dem Staunen nicht mehr heraus: Die Tochter, die die zweite Klasse besucht, mag das Fach HSU, also Heimat- und Sachkunde-Unterricht gerne. Immer wieder berichtet sie von den erlernten Hefteinträgen. Plötzlich erklärt die Siebenjährige, dass die Hauptstadt von Frankreich natürlich Paris sei und Portugals Hauptstadt Lissabon heiße. Auch Madrid, Budapest, Athen, Rom , Zagreb und Prag kann das Mädchen den Ländern zuordnen.

Frage von Mama: „Wo hast Du das denn gelernt“? Die Grundschülerin antwortet zügig: „Na, im Heimat- und Sachkunde-Unterricht“. Bei einigen Eltern kommt hier der Gedanke auf, dass sich das Fach HSU im Laufe der Zeit enorm entwickelt hat. Weit weg von der Heimat und nah hin in die Globalisierung der Gesellschafft. Dabei stellt sich hier nicht die Frage, ob eine Weiterentwicklung schädlich sei, durchaus aber, welchen Wert die Heimat in der Region noch hat?

Fällt die Heimat weg?

Auch in den Grundschulen im Altlandkreis Wasserburg nachgefragt, sind sich viele Lehrer und Direktoren einig: Es hat eine Entwicklung gerade auch im Fach Heimat- und Sachkunde-Unterricht gegeben.

Die Schüler wüssten schon recht früh über Europa Bescheid, bekämen Einblicke in die globale Welt und bereits nach den Grundschuljahren alle relevanten Informationen zur Zusammensetzung Europas mit auf den weiteren Weg.

Die Schulleiterin der Franziska-Lechner-Schule in Edling, Eva Raab, erklärt dass es tatsächlich deutlich weniger Themen rund um die eigene Heimat geworden seien im Lehrplan, doch ganz wegfallen würde „Heimat“ nicht: „Es gibt noch gewisse Bruchstücke rund um die Heimat, die im Grundschul-Lehrplan einfließen. Auch in der Siebten Jahrgangsstufe wird dann über Heimatgeschichte gelehrt und der eigene Ort mitsamt unterschiedlichen Angeboten entdeckt. Die Schüler stellen sich dann die Frage, was es im eigenen Ort alles für die Bürger gibt und wie der Ort entstand“.

Die Grundschüler allerdings hätten in früheren Generationen sehr viel mehr „echten“ Heimatunterricht gehabt, gibt die Schulleiterin zu. Es sei nicht mehr so umfangreich, wie es einmal war.

Gerät die Heimat zunehmend in den Hintergrund?

 

Raab nennt als einen der Gründe der Themenveränderung klar die Globalisierung. „Das Denken war vor einigen Jahrzehnten bei weitem nicht so global wie es heute ist. Der Zeitgeist ändert sich und Schule ist immer Teil des Zeitgeistes“.

Man merke, dass sich Dinge ändern, doch Schule habe sich an den Anfordernissen der Gesellschaft und der Arbeitswelt zu orientieren, weitet die Schulleiterin aus. „Man kann es bewerten wie man will. Alte Dinge werden einfach durch Neue ersetzt“.

Doch jede Schule könne die Heimatverbundenheit der ganzen Schulgemeinde dennoch stärken, heißt es weiter im Gespräch mit der langjährigen Pädagogin. Heimat müsse nicht verloren gehen, nur weil es sich nicht mehr so stark im Lehrplan finden lasse. In der Tat veranstalten einige Schulen Bayrische Tage oder ähnliche Projekte.

Heimatgefühl hat doch jeder

Der Vorsitzende des Heimatvereins Wasserburg, Peter Rink erklärt im Gespräch mit Wasserburg24, dass Heimatlosigkeit im Bewusstsein dennoch als verunsichernd aufgenommen werde.

Das Heimatgefühl gehe zwar durch die Globalisierung in gewisser Art verloren, doch Heimatlosigkeit im Bewusstsein wirke verunsichernd.

Heimat gäbe besonders in der schnelllebigen Zeit viel Halt für die Menschen, darum werde der Trend zum Heimatbewusstsein auch wieder spürbar, heißt es von Rink.

Eine seiner Abschlussklassen habe beispielsweise am letzten Schultag geschlossen Trachten getragen. „Die Schüler und Schülerinnen haben sich das zum Credo gemacht und es hat absolute Geschlossenheit demonstriert. Es gibt also auch diese enge Verbundenheit mit der Heimatpflege, auch wenn der Lehrplan sehr global dasteht. Die vielen Blaskapellen im Wasserburger Raum sind beliebt und haben keine Nachwuchssorgen. Heimat wird mancherorts wieder trendy“.

Peter Rink sieht es als Mangel an, wenn Heimatbewusstsein verloren gehe: „Ohne Heimat kann jeder Einzelne von uns die Probleme der globalisierten Welt noch weniger schultern“.

Rink sieht als weiteren Aspekt auch die Globalisierung der Werte. Dies sollte man nicht unterschätzen: „Die zunehmende „Zerstörung“ der Familie, um es mal sehr betont zu sagen, hat dazu geführt, dass der Halt, der Familie immer gegeben hat, nicht mehr da ist“. Man verlange mittlerweile ja, dass völlig zurecht alle Formen von Lebensbeziehungen wichtig erscheinen. Die traditionelle Familie gebe es zwar sehr häufig, doch man sehe beispielsweise an den Geburtenzahlen, dass immer weniger junge Menschen in diese jetzige Zeit Kinder in die Welt setzen möchten.

Der Vorsitzende des Heimatvereins Wasserburg findet zudem, dass viele Angst hätten, zur eigenen Kultur zu stehen. Im Orient würden die Menschen die eigene Kultur sehr im Blick haben, doch in Deutschland sei dies schwer.

„Natürlich prägt uns auch unsere Vergangenheit und die deutsche Geschichte. Es kommt mir jedoch immer wieder so vor, als würden die Generationen oftmals Heimat und Tracht umgehend mit Nationalsozialismus in Verbindung bringen. Das ist aber doch völliger Quatsch. Heimat ist eigenständig, doch es entstand über Jahre hinweg eine Ablehnung von Heimat oder Tracht, weil alles in denselben Korb getan wurde“.

Bei den Schülern merke er, dass jeder mit Heimat ganz unterschiedlich umgehe. Doch die Menschen würden sich eben auch anders orientieren heutzutage. Schule gehe in all den Jahren auf die Bedürfnisse des Alltags ein.

So heißt es auch vom Kultusministerium. Es sei ein wichtiger Schritt gewesen, über die Jahrzehnte hin den Lehrplan, auch für Grundschulen, weiterzuentwickeln und zu verändern. Erforderliches nicht aufzunehmen, sei schlichtweg falsch, um die Kinder gut zu begleiten, werden die Worte etwas forscher.

Keineswegs möchten Eltern ihre Kinder daran hindern, mehr über die globale Welt und den schnelllebigen Alltag zu erfahren. Die Frage, wie es mit dem Wissen der Heimat, also den Dingen, direkt vor der Haustür aussehe, möge manchen Müttern erlaubt sein.

Doch nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Die Siebenjährige Sarah kann auch weniger global denken. Beim Gespräch der Eltern am Frühstückstisch, was der Bürgermeister in der letzten Gemeinderatssitzung für den Ort entscheiden ließ, mischt sich spontan das Mädchen ein: „Wieso Bürgermeister, es gibt doch die Frau Merkel“. Das klingt schon ziemlich nach Heimat.

Quelle: rosenheim24.de

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