Kopfschütteln wegen Regierungsvorschlag

Warten bis man Lehrer wird? "Grenze zur Diskriminierung"

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Wasserburg - "Mein Berufswunsch war immer, Lehrerin zu sein. Aber vielleicht muss ich doch eine Alternative suchen", zeigt sich eine junge Studentin aus dem Altlandkreis irritiert. Der Grund: Die mögliche Wartezeit vor dem Referendariat.

„Es ist ein absolut falsches Signal in der heutigen Zeit“, schüttelt Tobias Schreiner den Kopf. Der stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Realschullehrer Verbandes des Bezirks Oberbayern-Ost (BRLV) zeigt sich äußerst verwundert über den Vorschlag der Staatsregierung. Schreiner ist nicht allein mit seiner Meinung.

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Sowohl die gesamte Vorstands-Riege des BRLV Oberbayern-Ost und viele Experten, die den Schulalltag und den Lehrerbedarf kennen, bemängeln, dass sich hier Bayern in Bezug auf den dringenden Bedarf weiterer Lehrer keinen Gefallen tun werde.„Die Bildungsqualität wird leiden“, geben die Vorstandsmitglieder zu bedenken. Im Bayerischen Landtag kam es Anfang Februar auf den Tisch des Bildungsausschusses, die erste Lesung diesbezüglich habe stattgefunden, heißt es von der dortigen Pressestelle.

Möglich sei ein Start der Einführung von Wartezeiten fürs Referendariat im Jahr 2019.

Studentin aus Wasserburg empört über Pläne 

„Genau dann wäre ich bereit“, wettert Sybille M. Die Studentin aus dem Altlandkreis  Wasserburg hat sich eigentlich ganz bewusst für ein Lehramtsstudium entschieden, ist aktuell im zweiten Semester und voller Tatendrang.

Doch sollte es zu einer Wartezeit vor dem Referendariat und somit auch vor dem zweiten Staatsexamen kommen, sehe sie ihre Karriere als Lehrerin förmlich „den Bach runtergehen“, so Sybille. „Das geht klar an die Grenze zur Diskriminierung“, findet die 21-Jährige. Nie hätte sie gedacht, dass sie es bereuen werde, dem Berufswunsch Lehrerin nachzugehen. „Es gibt sicher noch leistungsstärkere Studenten als mich, aber ich fühle, dass ich in einer Schule richtig wäre und Jugendlichen gerne etwas beibringen möchte“, erzählt die junge Frau.

Ihre Eltern hätten ihr bereits jetzt geraten, sich eine Alternative zu suchen. „Ich bin wirklich traurig“, so Sybille. Auch eine Mitstudentin aus der Nähe von Mühldorf sei extrem irritiert wegen der Planungen auf Wartezeit. "Meine Kommilitonin möchte unbedingt weitermachen, aber witzelt schon, dass sie bevor sie Lehrerin wird, womöglich selbst Mama wird, weil es so lange dauert, bis man mit seiner kompletten Ausbildung fertig sein darf".

Keine Pause für angehende Lehrer!

Der Landtag hat zwar noch nicht zugestimmt, doch es wird bereits viel diskutiert. Sogar eine Petition wurde ins Leben gerufen. Auf die Pläne der Staatsregierung, angehenden Lehrern eine dreijährige Wartezeit nach dem Studium aufzudrücken, bevor es in eine Schule zur Referendarszeit geht, wird mit viel Unverständnis reagiert. Fakt ist, dass die Bayerisches Staatsregierung ein neues Gesetz vorschlägt, wonach das Referendariat für angehende Lehrer erst nach bis zu drei Jahren nach der Studienzeit begonnen werden könne.

Erst danach wird das zweite Staatsexamen abgelegt, was die Ausbildung komplettieren würde. Ein Warten, dass sicher viele angehende Pädagogen zum Jobwechsel zwingen werde, heißt es von der Vorstandschaft des BRLV Bezirk Oberbayern-Ost. Tobias Schreiner betont, dass die Einstellungssituation für Lehrer in Bayern absolut am Bedarf vorbeigehe. „96 Prozent der fertig ausgebildeten Lehrer haben im vergangenen Jahr kein Stellenangebot vom Staat erhalten“, so Schreiner.

Wir haben es als Schulen schwer, überhaupt Lehrer zu bekommen, befristete Aushilfen sind eigentlich fast gar nicht zu kriegen, das schwächt den Schulalltag“, weiß Kerstin Haferkorn, die erste Vorsitzende des BRLV Bezirk Oberbayern-Ost. Zum Einstellungsbeginn seien die Wartelisten voll gewesen, kurze Zeit später jedoch – im Oktober nämlich – sei es nicht mehr möglich gewesen, Aushilfen zu bekommen. Fertig gewordene Lehrer seien in andere Berufe oder zu städtischen oder privaten Schulen sowie in andere Bundesländer abgewandert, bemerkt die erste Vorsitzende.

Unterrichtsbedarf beißt sich mit Plänen der Staatsregierung

Die Vorstandschaft mahnt an, dass durch die vielen Flüchtlingskinder, die in die Schule kommen, der Bedarf zusätzlich gestiegen sei, gute Lehrer zu generieren. Die Stellensituation passe jetzt schon nicht zum Bedarf, wie solle es dann erst weitergehen, wenn von den angehenden Lehrern eine Wartezeit akzeptiert werden müsse, fragt sich der BRLV-Vorstand Oberbayern-Ost.

Es tue der Kompetenz der Lehrer nicht gut, zeigt sich Ehrenvorsitzender Peter Peltzer überzeugt. Er ist als erster Vorsitzender des Arbeitskreises Schule, Bildung und Sport der CSU aktiv und hat eine lange Laufbahn als Lehrer, Schulleiter und Ministerialbeauftragter hinter sich.

„Ich befürchte sogar, dass die gut geeigneten Abiturienten ein Studium gar nicht mehr antreten werden, weil man sie mit dieser Wartezeit von bis zu drei Jahren direkt verschreckt“, so Peltzer. „Uns gehen die guten Lehrer dann also in Zukunft aus“. Kerstin Haferkorn sieht die Zukunft des Lehrerberufs wackeln. „Ohne das Referendariat ist kein Lehramtsstudent nach dem 1. Staatsexamen ein fertiger Lehrer.

In anderen Branchen, beispielsweise im Ingenieurwesen oder bei Juristen gibt es auch zu viele Absolventen, trotzdem hat man hier keine Zwangspause verordnet. Der Beruf des Lehrers muss Zukunft haben, doch mit diesen Plänen der Staatsregierung wird das nichts“, so Haferkorn abschließend.

Quelle: wasserburg24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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