Handyfasten!

Geht's bei Teenies auch mal ohne Handy?

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Geht's auch ohne? Das Experiment Handyfasten dauerte 4 Tage!
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Wasserburg – Ein Leben ohne Handy, geht das überhaupt? Die „neue“ Generation denkt nicht. Teenies aus Wasserburg haben den Versuch gestartet, mal ohne Smartphone auszukommen.

Ein ganz normaler Tag im Leben von Moritz. Der 15-jähhrige Schüler hat viele Freunde. Selbst wenn er zuhause ist, hat er Kontakt zu ihnen, dann über das Handy. Es wird gechattet was das Zeug hält. Sogar während der Hausaufgaben ist er mit seinem Phone beschäftigt, zum Leidwesen seiner Mutter. Für Jutta ist es schrecklich, dass ohne dieses „Ding“ einfach gar nichts mehr geht bei ihrem Sohn. „Das Smartphone ist ständiger Begleiter von Moritz. Er tippt dauernd drauf rum, spielt oder hört auch Musik übers Handy. Weil es für uns beim gemeinsamen Abendessen wichtig ist, dass wir uns als Familie auch mal unterhalten, kommt es regelmäßig zu Streit, weil Moritz nicht verstehen will, dass er sein Handy zur Seite legen soll“. Die 47-Jährige ist verzweifelt, stellt sogar die Frage in der Schule, ob ihr Kind eine Art Sucht in Bezug auf das Handy entwickelt hat? Der Schulpsychologe beruhigt sie zunächst. Es sei im Alter zwischen 13 und 18 meist vollkommen normal, dass das Handy zum sozialen Mittelpunkt werde. Es löse bei den Jugendlichen eine gewisse Art von „Besitzkompetenz“ aus, soll heißen, dass Moritz das Gefühl habe, er besitze in gewisser Weise den Schlüssel zur Welt. Irrtümlich würden viele Teenager jedoch glauben, dass es Sozialkompetenz mit sich bringe, wenn man viele Freunde auf Whatsapp und dergleichen habe, so Psychologe Matthias.

Annabella ist immer auf dem Laufenden - auch ohne Handy?

Auch bei Annabelle ist das Handy wichtig. Schon früh am Morgen wird mit den Freundinnen der Tag besprochen, via Handy, obwohl sich die Mädchen gleich in der Schule persönlich sehen und auch vor dem Unterricht noch direkt reden könnten. Für die 16-jährige Annabelle ist der Rundumblick in sozialen Netzwerken wichtig. Und sie nutzt dazu ihr Smartphone, weil es immer griffbereit sei. „Viel unkomplizierter als ein Computer“, meint Annabelle klar und deutlich. Auch so manche App befindet sich auf ihrem Handy. Meist seien es witzige Dinge, wie schöne Fotorahmen um Bilder klicken oder eine Gesichtsverzerrer-App. Auch Hinweise, wann mal wieder ein Pferdefilm im TV kommt, werde ihr über eine App direkt am Handy angezeigt, so brauche sie gar nicht mehr ins Fernsehprogramm schauen. „Das sei schließlich voll veraltet“, findet Annabelle. Ihre Mutter sieht das ganze gelassen: „Ich bin selbst vom Handy fasziniert und nutze es, um auf dem Laufenden zu bleiben, wie könnte ich meiner Tochter dann ihr Smartphone verbieten?“, erklärt die 35-Jährige Wasserburgerin. Das Familienleben störe ein Handy sicher nicht, sind sich Mutter und Tochter einig. Annabelle stimmt dennoch dem Experiment des Handyfastens zu.

Mona ist glücklich mit Handy! Das Experiment Handyfasten wurde unterschiedlich erlebt

Auch ihre Freundin Mona macht mit. Die 17-Jährige nutzt ihr Handy nur zum Telefonieren und Nachrichtenschreiben oder um Musik zu hören. Apps hat sie sich nicht heruntergeladen, auch auf sozialen Netzwerken ist sie nicht vom Handy aus, das macht sie über ihr Laptop. „Ich gehe zweimal die Woche zum Tanzworkshop und bin auch sonst mal ohne Handy unterwegs. Es geht locker auch ohne“. Allerdings checke sie nach einer Stunde handyfrei durchaus sehr gern mal wieder, ob eine Nachricht angekommen sei während ihrer Abwesenheit, gibt Mona zu.

Das Experiment

Alle drei Teenager haben sich bereit erklärt, beim wasserburg24-Experiment mitzumachen.

Vier Tage lang geben sie das eigene Handy ab und versuchen es irgendwie durchzuhalten. Abgegeben wird an einem Donnerstagabend, die Runde ist sehr locker. Als Schiedsrichter dienen die Eltern. Außerdem wird jeden Tag über Festnetz nachgefragt, ob alle noch durchhalten oder das Gerät umgehend wieder einfordern.

Am Montagabend treffen sich alle in bewährter Runde wieder. Jeder bekommt das Handy / Smartphone wieder zurück und berichtet dann von seinen Erlebnissen.

Den Anfang macht Mona

Sie wirkt zwar kein bisschen aufgeregt, beginnt jedoch mit lässigen Sätzen: „Ich habe es am ersten Fastentag gar nicht vermisst. Es war Freitagmorgen, und ich hatte ausgerechnet an diesem Vormittag meine Führerscheinprüfung zu absolvieren. Da hatte ich eh nicht viel an irgendwas anderes zu denken. Doof war nur, dass ich nach bestandener Prüfung nicht gleich meinen besten Freunden Bescheid geben konnte. Das Wochenende über hat es dann öfter mal geregnet, da wurde es irgendwann echt langweilig, ohne einen einzigen Handyblick. Aber ich habe mal wieder eine CD angehört, das war direkt mal ne Abwechslung“, grinst Mona und erzählt weiter, dass sie dafür mal zwei Stunden am Stück vor dem Computer gesessen habe, um Emails zu schreiben. Wirklich beeinträchtigt hätte sie der Handyverzicht nicht. Sie hätte sogar mal wieder ein Bild mit den alten Malkreiden gemalt, zeigt sich Mona verwundert und von sich selbst überrascht.

Am Montag wurde sie allerdings von ihren Freunden darauf angesprochen, warum sie nicht antworte auf Chatnachrichten. Es hätte dann aber in der Gruppe viel zu quatschen gegeben, das sei gar nicht schlecht gewesen, so die 17-Jährige weiter.

Die Redaktion wollte von Monas Mutter wissen, ob es Veränderungen im Alltag gegeben hätte, die ihr an der eigenen Tochter aufgefallen wären?

Kopfschütteln und die klare Aussage, dass ihre Tochter ohnehin nicht ständig das Handy als Begleiter hatte, überzeugten, dass Mona 4 Tage ohne Handy gut überstanden hat. 

Wie geht es Annabelle?

Annabelle ist diejenige, die nach den vier Tagen Handyfasten schon mit sehnsüchtigen Blicken zum Tisch schreitet.

Erwartungsvoll setzt sie sich und möchte auch umgehend ihr Smartphone in Händen halten. Witzige Bemerkung, die Annabelle über die Lippen kam: „Oh da bist du ja wieder“! Handelt es sich also tatsächlich um den besten Freund, der endlich wieder zurück ist?

Wir fragen Annabelle, wie die vergangenen Tage waren und ob es große Sehnsüchte gab. „Es war echt schwierig ohne meine Freunde da drin. Die haben sich bestimmt prima unterhalten und ausgetauscht und ich wurde völlig ausgeschlossen. Ich wusste am Samstag auch nicht, dass meine Freundinnen auf eine coole Party gegangen sind, und weil ich nicht antworten konnte, haben sie mich nicht mitgenommen. Das aller schlimmste aber war, dass meine Mama sehr wohl mit dem Handy anzutreffen war. Es kam oft zum Streit, weil ich sauer war, dass ich nix schreiben durfte auf ihrem Phone. Eine Freundin hat mich am Montag in der Schule blöd angemacht, weil ich ihr nicht tröstend zur Seite stand. Am Wochenende hat nämlich ihr Freund mit ihr Schluss gemacht, über Handy. Ich konnte nicht für sie da sein, weil alle gedacht haben, ich spinne, schließlich war ich ja seit Donnerstag nicht online auf den Chatprogrammen“.

Nur ihre Freundin Mona habe schließlich gewusst, dass sie ohne Handy auskommen müssen für einige Zeit. Mona habe sie am Samstag mit zum Stadtbummel genommen und das seien recht lustige Stunden gewesen, weil die beiden Girls sich einfach gut unterhalten konnten, ohne dass ein Handyklingeln oder ein Message-Check die Konversation unterbrochen habe. Annabelles Mama gab im Gespräch nach den 4 Fasten-Tagen ihrer Tochter zu, dass sie sich keine Minute zurückgehalten habe und ihr Handy auch nicht hätte hergeben wollen. Sie sei aber sehr stolz, dass Annabelle es tatsächlich geschafft habe, dem großen Verlangen nach der Handykommunikation nicht nachzugeben. Ihr Tipp im Vorfeld zeigte klar die Meinung, das würde Annabelle nicht durchstehen. Der Punkt geht also in doppelter Hinsicht an Annabelle.

Doch gleich nach dem Milchshake und dem Glücksgefühl aufgrund des wiedererlangten Smartphones verabschiedet sich Annabelle. Sie müsse dringend nachschauen, was sie verpasst habe in den letzten Tagen und vor allem noch über Chat nachfragen, welche Hausaufgaben sie bis morgen noch zu erledigen habe. Das sei so üblich in ihrer Klasse, dass man dann ne kurze Chatnachricht an die Klassenkameraden schicke, um die richtige Buchseite der Matheaufgaben heraus zu finden.

Wie lief es bei Moritz?

Moritz schweigt. Er hält sein Handy nicht nur in der Hand, er schielt auch immer wieder drauf. Zu trinken hat er sich nichts bestellt, das lenke nur ab vom eigentlichen Thema, heißt es von ihm. Wie waren für Moritz die Tage ohne das Handy? Schneller vorbei als gedacht, denn Moritz hat es nicht ausgehalten. Am Freitagabend, also nicht einmal 24 Stunden nach Beginn des Experiments hat er sich sein Handy zurückgeholt. Und nicht nur das. Sogar dieser 1 Tag war alles andere als angenehm. Er habe sich in der Schule nicht konzentrieren können, jeder Gedanke drehte sich um den Verlust des Handys. Wer würde ihm wohl heute noch schreiben wollen, und was für Nachrichten würden seine Kumpels untereinander versenden?

Auch am Freitagnachmittag Zuhause lief alles aus dem Ruder, berichten sowohl Moritz als auch seine Mutter. „Moritz hat richtig geschwitzt und ging angespannt in der Wohnung herum“, teilt seine Mutter mit. Der Jugendliche selbst beschreibt es immer wieder mit einem Gefühl der Ausgeschlossenheit und einer großen Verlustangst. Außerdem seien ihm die Ideen ausgegangen, was er den langen Freitagnachmittag ohne Handy so machen könnte. Natürlich hätte er auch über das Festnetz einen seiner Freunde anrufen können, doch wie uncool das wohl sei, an der Strippe zu hängen wie eine Ratschkathl, sei wohl außer Frage, erklärt Moritz abwertend und sehr überzeugt.

Seine Mama klingt bei dem Gespräch nach der „Fasterei“ alles andere als glücklich: „Ich wusste eigentlich schon, dass er es nicht schaffen wird, weil er eben jede Minute mit Handy verbringt. Auch in der Schule wurde es ihm schon einige Male abgenommen und ich musste es dann noch am selben Tag wieder im Direktorat abholen. Moritz ist besessen von seinem Handy, und ich werde mir dringend Hilfe suchen müssen, damit das Smartphone nicht noch weiter unser Familienleben bestimmt und negativ verändert. Ich schäme mich sehr, dass ich es nicht geschafft habe, ihn zu ermutigen, weitere Tage ohne Handy auszuhalten“.

Bestürzt verlässt sie die Gesprächsrunde, nicht jedoch ohne zwei Adresse, die der Erziehungsberatung und eine andere einer Beratungsstelle bei Suchtfragen. Psychologe Bernhard Keller hat uns diese für Moritz‘ Mutter gegeben. Auch sie selbst könne sich über mögliche Maßnahmen bei übermäßigem Handykonsum ihres Sohnes Rat bei einer Beratungsstelle oder einem Psychologen informieren, weil es ja vor allem auch das Familienleben betreffe. Die Eltern selbst könnten sich Tipps geben lassen, die es vereinfachen, ihrem Sohn so manche Stunde ohne Handy „schmackhaft“ zu machen, heißt es von Keller weiter. Dass Moritz selbst sich einer Gruppe anschließt, die sich mit Suchtverhalten beschäftigt oder gar eingestehen würde, dass er es mit dem Handy übertreibe, kann sich der Psychologe nicht vorstellen. „Der indirekte Weg ist oft der bessere. Wenn die betroffenen Familienmitglieder lernen, besser damit umzugehen kann es sein, dass auch der Konsument selbst irgendwann das Gespür dafür entwickelt.“

Das Handyfasten hat Jugendliche aus dem Altlandkreis Wasserburg vorübergehend einen anderen Alltag beschert.

Es war ein Experiment, das ganz unterschiedlich aufgenommen und erlebt wurde. Es zeigt auf, dass Familien sehr verschieden damit umgehen, wenn das eigene Kind sich enorm oder teils sogar extrem mit dem Handy beschäftigt. In einer Zeit, in der Handykonsum in der Gesellschaft ganz normal geworden ist. Generationsübergreifend.

Quelle: rosenheim24.de

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