Hintergründe zum Unglück in der "Riesending"-Höhle

"Wissenschaft unter extremen Bedingungen"

Diese Darstellung zeigt die vermutete Lage des verletzten Höhlenforschers.
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Berchtesgaden - Teamfähigkeit, Fitness und geistige Ausdauer: Grundvoraussetzungen, die jeder Höhlenforscher mitbringen muss. Bärbel Vogel über die Faszination der Tätigkeit. 

Barbara Vogel

"Das Klima und die Bedingungen in einer Höhle sind mit nichts an der Oberfläche zu vergleichen", weiß Bärbel Vogel, die Vorsitzende des Verbands der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. (VdHK). Sie selbst entdeckte ihre Leidenschaft für die Erkundung der kalten und feuchten Höhlen durch Bilder im Internet. "Da habe ich mir gedacht, einmal in deinem Leben willst du diese Umgebung mit eigenen Augen sehen." Welche Gefahren und Herausforderungen auf die ehrenamtlichen Forscher in der Tiefe warten und wie sich die Mitglieder des Verbands auf ihre teilweise mehrtägigen Touren vorbereiten:

88 höhlenkundliche Vereine und Gruppen in sieben Landesverbänden sind dem Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher angeschlossen. Diese Vereine erforschen, betreuen und dokumentieren die Höhlen und Karsterscheinungen und engagieren sich für Höhlen- und Naturschutz. Im Jahr 1995 wurde die "Riesending-Schachthöhle", in der aktuell eines der Mitglieder verletzt wurde, entdeckt. Mit einer vermessenen Tiefe von über einem Kilometer und einer Länge von ungefähr 19 Kilometern ist sie die längste und tiefste Höhle Deutschlands.

"In diesen extremen Tiefen macht es keinen Unterschied, ob ich die Augen geschlossen oder offen habe, der einzige Unterschied ist das Empfinden von gelegentlichen Luftzügen und dem Temperaturunterschied im Auge", erklärt Bärbel Vogel. "Es ist einfach nur dunkel und kalt."

Die Faszination, in diese unwirtlich Umgebung abzusteigen und dort sogar mehrere Tage freiwillig zu verbringen, kann die Vorsitzende des Verbands nicht allumfassend begründen. "Ich denke, die Motivation ist die gleiche, warum manche Menschen auf den Mount Everest steigen oder auf den Mond fliegen wollen."

Alle Höhlenforscher, die im VdHK in den unterschiedlichsten Schächten und Höhlen in Deutschland unterwegs sind, nehmen ihre Tätigkeit ausschließlich ehrenamtlich wahr.  Dabei bauen die Forschungen der unterschiedlichen Vereine kontinuierlich aufeinander auf. "Wir haben Archäologen, Paläontologen bis hin zu Biologen, die die Tierwelt in der Tiefe studieren. Ein weit gefasstes Feld an Spezialisten, die über ausgezeichnete Kondition und geistige Fitness verfügen", sagt Bärbel Vogel. Historische Funde, wie zum Beispiel die Entdeckung von Überresten der Gattung "Neandertaler" gehen auf die Forschung dieser Spezialisten unter dem Berg zurück.

In der Tiefe lauern viele Gefahren

Die Mitgliedern setzen sich dabei bei ihrer Forschungsarbeit immer wieder den Gefahren der Tiefe aus. Wie im Fall in Berchtesgaden, warten in den engen und verwinkelten Gängen und Schächten viele Hindernisse und Risiken auf die Höhlenforscher. Steinschläge, unterirdische Wasserläufe aber auch das Wetter und die Schneeschmelze  können hier für Situationen sorgen, die sich innerhalb von Sekunden drastisch ändern können.

Besonders bis Ende Juli ist die Riesending-Schachthöhle stark hochwassergefährdet, ganz besonders, wenn auch noch Unwetter und Regen hinzukommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach kann das Wasser im Norden des Untersbergs abfließen. Bärbel Vogel vermutet einen weiteren Ausgang in der Fürstenbrunner Quellhöhe.

"Die Kartierung ist bis dort hin jedoch noch nicht abschließend erfolgt," berichtet sie weiter. Je weiter man sich dem Austritt am Berg nähere, umso schwieriger und anspruchsvoller werden die Bedingungen. Als möglicher Rettungsweg komme die Quelle also auch nicht in Betracht.

Rettung ist zeit- und kostenintensiv

Seit der Entdeckung im Jahr 1995 liefen die Forschungen in der "Riesending"-Schachthöhle" bisher ohne Vorkommnisse oder Zwischenfälle. Auch in anderen Höhlen bleiben die Forscher meist von schwerwiegenden Verletzungen verschont. Aufgrund der technischen Schwierigkeit der Begehung dieser Höhlen, vergleicht Bärbel Vogel diese mit der Besteigung eines Achttausenders, auch oder gerade weil sich die Rettung, wie im Fall des 52-Jährigen in Berchtesgaden, sehr zeit- und kostenintensiv darstelle. Anderorts sollen Rettungsaktionen bereits mit mehr als 40.000 Euro zu Buche geschlagen haben. Der VdHK rät allen seinen Mitgliedern daher zu einer privaten Unfallversicherung, die die Risiken der Höhlenforschung ausdrücklich abdeckt. In den meisten Fällen seien die Verunglückten jedoch nur bis zu einem vergleichsweise geringen Betrag, üblicherweise 2.500 Euro durch die Versicherung abgedeckt. Aus diesem Grund hat sich der VdHK bereits 1995 beschlossen, einen Bergungskosten-Solidaritätsfonds  ins Leben zu rufen. Jedes Mitgleid zahle dabei einmalig in diesen Fonds ein, eine Nachzahlung werde erst dann wieder erforderlich, wenn sich ein größeres Unglück ereignet habe.

Zur aktuellen Rettung des verunglückten Höhlenforscher Johann W.:

Höhlenrettung am Untersberg

Medienandrang am Untersberg

sl/ra

Quelle: BGland24.de

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