Demjanjuk-Verteidiger: "Der wahre Täter heißt Deutschland"

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Soll für die Ermordung von 27900 Juden im Jahr 1943 verantwortlich sein: John Demjanjuk

München - Der Gerichtsprozess um den mutmäßlichen KZ-Wachmann John Demjanjuk geht in die entscheidende Phase. Die Anwälte der Verteidigung hielten am Dienstag ihr Plädoyer und fordern einen Freispruch.

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Mit Vorwürfen gegen die Justiz haben die Plädoyers der Verteidigung im Prozess gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher John Demjanjuk begonnen. Das Verfahren lebe “vom Verschweigen der Wahrheit“, sagte Anwalt Ulrich Busch am Dienstag vor dem Landgericht München II. Zeugen und Akten seien nicht herangezogen, Entscheidungen in der Vergangenheit zugunsten Demjanjuks nicht berücksichtigt worden, kritisierte er. Man müsse sich fragen, ob sich der Rechtsstaat mit diesem Verfahren einen Gefallen tue.  "Der wahre Täter heißt Deutschland - das Schreckliche“, sagte Busch am Dienstag in seinem Plädoyer zum Ende des Prozesses vor dem Münchner Landgericht.

Schon vor Beginn des 88. Verhandlungstages hatte Busch keinen Zweifel daran gelassen, was er am Ende seines auf drei Tage angesetzten Plädoyers fordern werde: “Freispruch, Haftentlassung und Haftentschädigung.“ Der Anwalt fügte hinzu: “Und wenn nicht, gibt's Revision.“ Busch betonte, er sei von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. Zum einen sei in keiner Weise bewiesen, dass Demjanjuk Wachmann im Vernichtungslager Sobibór gewesen sei. Zum anderen könnte man Demjanjuk selbst dann keinen Vorwurf machen, falls er tatsächlich als Hilfswachmann in Sobibór gewesen sein sollte, da er als Kriegsgefangener keine andere Wahl gehabt habe.

Die Staatsanwaltschaft ist hingegen überzeugt, dass der gebürtige Ukrainer von März bis September 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor an der Ermordung von mindestens 27 900 Juden beteiligt war. Sie verlangt sechs Jahre Haft wegen Beihilfe zum tausendfachen Mord. Da Sobibor ausschließlich zur Vernichtung von Juden existierte, habe sich jeder schuldig gemacht, der dort arbeitete. Demjanjuks Anwesenheit in dem Lager beweisen laut Anklage unter anderem ein Dienstausweis, Verlegungslisten und eine Zeugenaussage.

Vielfach seien deutsche NS-Verbrecher und sogar Befehlshaber der ausländischen Wachmänner - der sogenannten Trawniki - unter Berufung auf Befehlsnotstand freigesprochen worden, sagte Busch in seinem Plädoyer. Selbst wenn Demjanjuk ein solcher Trawniki gewesen sei, wäre er “der kleinste Fisch der kleinen Fische“ gewesen.

Schon in der Vergangenheit “Justizopfer“

Busch wies darauf hin, dass Demjanjuk bereits in der Vergangenheit zum “Justizopfer“ geworden sei. Er war wegen einer Verwechslung mit einem als “Iwan der Schreckliche“ bezeichneten anderen Wachmann in der sogenannten “Todeszelle“ gesessen.

Busch hat rund 40 Jahre juristisches Tauziehen um den alten Mann aufzuarbeiten. In Israel habe Demjanjuk achteinhalb Jahre in Untersuchungshaft gesessen, fünf davon in der Todeszelle, von der aus er “in panischer Todesangst auf den für ihn bestimmten Galgen schauen musste“, wie Busch plastisch ausmalt. Der Schuldspruch Israels sei ein Mordversuch gewesen, und die Zeit in der Todeszelle Folter. “Wer fünf Jahre unschuldig in einer Todeszelle gesessen hat, hat sicher alles, was er in seinem Leben davor begangen hat, gebüßt.“ Für den neuen Prozess habe man Demjanjuk nun weggerissen von seiner Familie.

“Ein schwer kranker Mann von 91 Jahren, der auf die Pflege, die Fürsorge und Liebe seiner Nächsten angewiesen ist, wird aus seiner Familie herausgerissen“, sagte Busch. “Dieser Mann ist durch Zwangsdeportation mit der schwersten Strafe belegt worden, die man sich vorstellen kann, ihm wurde die Würde genommen, die Familie, die Kinder, die Enkel. Ihm wurde alles genommen, was seinem Leben einen Sinn gab.“ Nun werde er “entweder hinter den Mauern eines Gefängnisses oder hinter den Mauern eines Altenheims dahinsiechen und bei Eintritt seines Todes anonym verscharrt werden“.

Der Prozess gegen den inzwischen 91 Jahre alten Demjanjuk zieht sich seit 2009 hin. Zu den Gründen für die lange Dauer zählen der schlechte Gesundheitszustand des Angeklagten, der den Prozess aus einem Spezialbett heraus verfolgt, die Tatsache, dass der gesamte Verlauf für Demjanjuk übersetzt werden muss, und eine Vielzahl von Anträgen von Verteidiger Busch. Allein zum Ende der Beweisaufnahme hatte er tagelang mehrere Hundert Anträge vorgelesen. Auch zu seinem Plädoyer sagte der Anwalt, er wisse nicht, ob ihm die drei dafür vorgesehenen Tage reichen würden. Demjanjuks anderer Verteidiger Günther Maull sagte dagegen, ihm werde wohl eine Stunde genügen. Auch er will Freispruch fordern.

Die Staatsanwaltschaft hat eine Haftstrafe von sechs Jahren gefordert, einige der Nebenkläger verlangen die Höchststrafe von 15 Jahren. Ein Urteil könnte im Mai fallen.

dapd/dpa

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