Prozess am Landgericht Traunstein

Neun Jahre Knast für "blinde Verliebtheit"

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Der 35-jährige Angeklagte (links) und der 48-jährige mutmaßliche Haupttäter.
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Traunstein/Garching - Am dritten Verhandlungstag um den versuchten Mord an einem 55-Jährigen, wurde nun ein Urteil gesprochen. Die Angeklagten erwarten lange Haftstrafen:

UPDATE 16.20 Uhr:

Richter Erich Fuchs hat soeben das Urteil verkündet: Der 48-Jährige, der das Opfer attackiert haben soll, und die 40-Jährige, die gemeinsam mit ihm den Tatplan ersponnen haben soll, wurden wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt.

Bei dem 40-Jährigen geht das Gericht - anders als die Verteidigung - von einem direkten Tötungsvorsatz aus. Das Licht im Schlafzimmer war nach Einschätzung des Gerichts schon wahrend der Tat eingeschaltet - der Angeklagte muss also gewusst haben, wohin er sticht. Bei der 40-Jährigen nimmt das Gericht zwar genau wie die Verteidigung an, dass das Mordmerkmal der niederen Beweggründe nicht vorliegt. Dafür hält das Gericht bei der Angeklagten aber genau wie bei dem 48-Jährigen das Mordmerkmal der Heimtücke für gegeben. Die Rolle der 40-Jährigen strich der vorsitzende in seiner Urteilsbegründung heraus. Sie habe den 48-Jährigen instrumentalisiert. Dem 48-Jährigen attestierte Fuchs "blinde Verliebtheit".

Der 35-Jährige mutmaßliche Mitwisser der Tat wurde wegen Beihilfe zum versuchten Totschlag und zur gefährlichen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, ausgesetzt zur Bewährung. Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert.

Mit seinem Urteil folgt das Gericht grundsätzlich der Einschätzung des Staatsanwalts, spricht aber letztendlich deutlich niedrigere Haftstrafen aus. Das Gericht rechnete dem 48-Jährigen sein Geständnis an sowie den Umstand, dass er von seiner Verliebtheit beeinflusst war. Negativ legte das Gericht dem Angeklagten die Nähe zur Vollendung der Tat aus - dass er also das Opfer um ein Haar tatsachlich getötet hätte. Der 40-Jährigen legte das Gericht das Geständnis sowie die Sorge um ihre Tochter positiv aus. Zu Lasten der Angeklagten wiegt in den Augen des Gerichts, dass die 40-Jährige die "treibende Kraft" des Trios war. "Sie hat intrigiert", so Richter Erich Fuchs.

Im Falle des 35-Jährigen war der von der Verteidigung geforderte Freispruch aufgrund der Bemerkungen des Vorsitzenden wahrend der Beweisaufnahme relativ unwahrscheinlich. Der Angeklagte habe bei der Tatbegehung selbst zwar keine Hilfe geleistet, aber die 40-Jährige in ihrem Tatbegehungswillen unterstützt, so Fuchs in der Urteilsbegründung. Die Höhe der Strafe war allerdings vergleichsweise gering. Fuchs nannte die tat des 35-Jährigen "eine Beihilfehandlung am untersten Rahmen, aber nicht völlig unerheblich".

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Prozessparteien haben das Rechtsmittel der Revision.

UPDATE 13.55 Uhr:

Am dritten Verhandlungstag ging plötzlich alles ganz schnell. Zwar galt es, die Protokolle des Chat-Verkehrs der drei Angeklagten in das Verfahren einfließen zu lassen. Die Prozessparteien verzichteten allerdings auf die Verlesung der Protokolle. Stattdessen fanden sie im sogenannten Selbstleseverfahren Einzug in den Prozess.

Das Gericht ging dennoch teilweise detailliert auf die Chatnachrichten ein, schließlich galt es weiterhin, die Beweggründe der Angeklagten zu erforschen. "Ich versuche mir bloß klar zu machen, was in den Hirnen der Leute hier vorgegangen ist", so der vorsitzende Richter Erich Fuchs. Über mehrere Wochen haben sich die Angeklagten Tausende Nachrichten geschickt, in denen auch Pläne für die Tat gesponnen wurden.

Auch der 35-jährige Mitangeklagte kannte die Pläne aufgrund der Nachrichten, die er von der 40-jährigen Angeklagten erhielt. Er erklärte heute dennoch, er habe nicht geglaubt, dass die Pläne in die Tat umgesetzt werden. "Das Ergebnis dieser Wort-Protokolle ist eindeutig", sagte hingegen Fuchs. Der Richter äußerte die Vermutung, der 35-Jährige habe darauf gehofft, freie Bahn bei seiner Ex-Freundin zu haben, wenn der heute 48-jährige Mitangeklagte den Kindsvater der 40-Jährigen tötet und dafür ins Gefängnis muss. Der Richter zitierte dazu folgende Chatnachricht des 35-Jährigen in Bezug auf eine mögliche Attacke des 48-Jährigen auf das spätere Opfer: "Soll er nur. Wenn er hinfährt, warten die schon auf ihn." Wer "die" sein sollen, ließ der 35-Jährige in seiner Nachricht zwar offen. Für Fuchs hatten damit aber Polizisten gemeint sein können.

Auch zu den Beweggründen der 40-Jährigen äußerte sich der Richter. Fuchs fragte die Angeklagte, warum sie den 48-Jährigen gegenüber der Polizei als Täter benannt hat, obwohl sie selbst mit drin steckte, den Verdacht also auch auf sich ziehen konnte. "Wollten sie, dass er von der Bildfläche verschwindet?", so Fuchs.

Doch auch heute blieben die Angeklagten einige Antworten schuldig. Fuchs resümierte schließlich, es bleibe einiges im Dunkeln. Ein Motiv der 40-Jährigen war offenbar jedoch, den Kindsvater von der gemeinsamen Tochter fernzuhalten. Inwieweit die Angeklagte konkrete Ängste hatte, das spätere Opfer könne mit der Tochter flüchten, ist unklar. Zwar bescheinigte eine Sachverständige, ein "affektiver Ausnahmezustand im Sinne der Selbstverteidigung" sei nicht auszuschließen. Rational begründen lässt sich die Angst vor einer Flucht des Kindsvaters mit der Tochter aber wohl nicht. So hat der 35-jährige Mitangeklagte das spätere Opfer für einige Tausend Euro von einem Detektiv beschatten lassen, um Anhaltspunkte für eine Fluchtvorbereitung zu sammeln. Dabei bestätigten sich die Befürchtungen der 40-Jährigen jedoch nicht.

Anschließend hatten Anklage, Nebenklage und Verteidigung das Wort. Der Staatsanwalt sprach in seinem Plädoyer von einem "Sachverhalt, drehbuchreif für einen Krimi, nur als Zuschauer wurde man es nicht glauben". Sowohl bei der 40-Jährigen als auch bei dem 48-Jährigen sah der Staatsanwalt je ein Mordmerkmal. Der 48-Jährige habe bei seiner Tat ausgenutzt, dass das Opfer schlief, habe also heimtückisch gehandelt. Die 40-Jährige hatte dem Staatsanwalt zufolge niedere Beweggründe. Sie habe die Tat begangen, weil sie familienrechtlich keine Argumente mehr hatte, um die Tochter dem Vater zu entziehen. Das Argument einer möglichen Flucht des späteren Opfers ist nach Einschätzung des Staatsanwalts ein Vorwand gewesen.

Für die 40-Jährige und den 48-Jährigen beantragte der Staatsanwalt wegen versuchten Mordes eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren. Für den 35-jährigen Mitangeklagten beantragte der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren - allerdings wegen Beihilfe zum versuchten Totschlag - Mordmerkmale sah der Staatsanwalt bei dem 35-Jährigen keine.

Der Nebenklage-Vertreter schloss sich dem Staatsanwalt an und betonte zudem, dass die 40-Jährige die treibende Kraft gewesen sei. Sie habe versucht, "das unbedarfte Muttertier" zu spielen. "Das ist sie definitiv nicht."

Der Verteidiger des 48-Jährigen, Rechtsanwalt Harald Baumgärtl, stellte heraus, dass sich die 40-Jährige und der 35-Jährige im Chat über seinen Mandanten lustig gemacht haben. "Der Angeklagte ist als Täter benutzt worden. Man kann ihn wohl als Werkzeug bezeichnen", so Baumgärtl. Der Verteidiger sieht bei seinem Mandanten nur einen bedingten Tötungsvorsatz, wohl aber das Mordmerkmal der Heimtücke. Baumgärtl beantragte eine Freiheitsstrafe in Höhe von acht Jahren und sechs Monaten.

Der Verteidiger der 40-Jährigen, Rechtsanwalt Dr. Rudolf Haugg, verwies auf den Ausnahmezustand, in dem seine Mandantin sich befunden habe. "Die Angeklagte war besessen von der Idee, dass dem Kind etwas passiert", so Haugg. Daher sieht der Verteidiger auch nicht das Mordmerkmal der niederen Beweggründe. Für seine Mandantin beantragte er deshalb eine Freiheitsstrafe von maximal sieben Jahren - und zwar wegen der versuchten Mittäterschaft eines versuchten Totschlags.

Der Verteidiger des 35-Jährigen, Rechtsanwalt Karl-Heinz Firsching, bestritt in seinem Plädoyer, dass sein Mandant wollte, dass der in den Chats besprochene Tatplan umgesetzt wird. "Er war der Frau nicht hörig", so der Verteidiger. Er habe sich zwar eine Beziehung mit der 40-Jährigen gewünscht, "aber nicht um jeden Preis". Der Verteidiger beantragte einen Freispruch.

Das Gericht hat sich nun zurückgezogen. Das Urteil soll am Nachmittag verkündet werden.

Vorbericht von 6.15 Uhr:

Der Prozess wegen versuchten Mordes an einem 55-Jährigen in Garching an der Alz geht in die nächste Runde. Am Dienstag haben in erster Linie die Gutachter das Wort. Besondere Beachtung dürfte das Gericht dabei dem psychiatrischen Gutachten schenken, schließlich sind die Beweggründe der mutmaßlichen Täter noch immer schwer greifbar.

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Eine 40-Jährige soll gemeinsam mit ihrem 48-jährigen Ex-Freund den Mord an dem damals 55-jährigen Vater ihrer Tochter geplant haben. Ausgeführt haben soll die Tat der 48-Jährige. Mit einem Messer soll er den schlafenden 55-Jährigen attackiert haben, das Opfer überlebte den Angriff nur knapp. Der 48-Jährige Haupttäter räumte die Attacke vor Gericht bereits ein, bestritt allerdings, in Tötungsabsicht gehandelt zu haben. Als Motiv gab der 48-Jährige an, er habe seiner Ex-Freundin helfen wollen, damit ihre Beziehung wieder auflebt.

Die 40-jährige Angeklagte (zum Vergrößern Bild anklicken)

Die 40-jährige Mitangeklagte räumte ein, die Tat mit ihrem Ex-Freund geplant zu haben - und belastete diesen zugleich. So erklärte die Frau, sie habe die Pläne nur für eine Spinnerei des Angeklagten gehalten. Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs äußerte allerdings Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Aussage. "Sie waren verpflichtet, ihrem Ex-Freund den Umgang mit der gemeinsamen Tochter zu gewähren. Und das wollten sie mit allen Mitteln verhindern. Das war der Grund für den Plan", so der Richter.

Unklar ist die Rolle des dritten Angeklagten, ein 35-jähriger Ex-Freund der 40-Jährigen. Er soll seine beiden Mitangeklagten in ihrem Vorhaben, den 56-Jährigen zu töten, bestärkt haben. Vor Gericht beteuerte der Angeklagte seine Unschuld: "Ich habe nicht gedacht, dass sie das ernst meint, mit dem Mord", so der 35-Jährige am ersten Verhandlungstag. Die 40-Jährige versuchte, den 35-Jährigen zu entlasten: "Er hatte damit nichts zu tun." Der 35-Jährige ist anders als seine beiden Mitangeklagten nicht wegen versuchten Mordes, sondern wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Ob am Dienstag bereits das Urteil fällt, ist offen. Für den 10. November ist ein weiterer Verhandlungstag angesetzt.

Quelle: chiemgau24.de

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