Richter: "erhebliche sexuelle Handlungen"

Vergewaltigungs-Prozess gegen Landwirt: Das Urteil

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Am vierten Prozesstag soll es zu einem Urteil gegen den Landwirt aus dem Wasserburger Umland kommen.
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Wasserburg - Wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und versuchter sexueller Nötigung wurde ein 37-jähriger Landwirt nun schuldig gesprochen. Am Montagnachmittag fiel das Urteil:

UPDATE, 15.50 Uhr: Urteil gefallen

Im Zuhörerbereich trafen am Montag zum vierten Prozesstag Familienangehörige der Opfer auf Familienangehörige des Angeklagten. An vier Verhandlungstagen wurden Zeugen gehört und Erklärungen des Angeklagten verlesen. Nach den Plädoyers folgte am Montagnachmittag das Urteil, das der Vorsitzende Richter, Erich Fuchs, vortrug.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Gesamtstrafe von sechs Jahren gefordert, die Rechtsanwälte des Angeklagten einen Teilfreispruch. Es stünde Aussage gegen Aussage im Falle der vorgeworfenen Vergewaltigung, so die Rechtsanwälte des 37-Jährigen. Einige Tatbestände seien möglicherweise schon verjährt, so die Anwälte des Landwirts.

Lange Beratungen von Richter und Schöffen

Richter Erich Fuchs kam nach Beratungen mit seinem Richterkollegen und den beiden Schöffen zu folgendem rechtlichen Hinweis: Der zusätzliche Vorwurf der Nötigung kann im Fall der vorgeworfenen Vergewaltigung auch als versuchte Nötigung gewertet werden. In einem Fall von Nötigung bei einem der Zeugen, der angegeben hatte, dass der Angeklagte ihn angefasst haben soll, er aber nur starr stehen blieb und überrascht war, jedoch nicht direkt mitgeteilt habe, dass er dies nicht möchte und der Angeklagte auch zügig selbst vom mutmaßlichen Opfer abgelassen haben soll, könne auch als Beleidigung gewertet werden. Bei diesem Punkt könne das Verfahren eingestellt werden, so der Richter am Montagnachmittag. Nachdem diese rechtlichen Hinweise gegeben wurden, zogen sich Schöffen und Richter erneut zu einer Beratung zurück.

Richter: "Es liegen erhebliche sexuelle Handlungen vor"

Die Urteilsverkündung folgte - der Vorsitzende Richter, Erich Fuchs, verlas diese. "Der angeklagte 37-Jährige wird zu einer Gefängnisstrafe von 5 Jahren und 9 Monaten Gesamtstrafe verurteilt". Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der angeklagte Landwirt die Vergewaltigung begangen hatte. Ebenfalls schuldig gesprochen wurde der 37-Jährige wegen sexueller Nötigung und versuchter sexueller Nötigung.

Kein Zweifel an Aussage des Vergewaltigungsopfers

Man glaube der Aussagen der Zeugen, so die Kammer. Erich Fuchs erklärte, dass sich die Beweisanträge der Anwälte des Landwirts durchaus im Rahmen des Zulässigen bewegt haben. Bei den sexuellen Nötigungen habe jedoch wohl keine schutzlose Auslieferung der Opfer stattgefunden, so das Gericht. In einem weiteren Fall wurde die Tat als versuchte sexuelle Nötigung gewertet. Bei der Vergewaltigung sei das Opfer dem Angeklagten schutzlos ausgeliefert gewesen. "Hier war eine schutzlose Situation gegeben", so der Vorsitzende Richter.

Die Kammer sieht es als widerlegt an, dass die Erklärung des Angeklagten stimmig sei. Der Landwirt hatte angegeben, dass er mit dem mutmaßlichen Opfer im Fasching 2013 sexuellen Kontakt hatte. "Einige Zeugen konnten uns glaubhaft versichern, dass dies nicht sein kann", so Fuchs. Laut Richter sei es eindeutig, dass die Vergewaltigung im Mai 2013 stattfand. "Wir haben keinen Zweifel an der Aussage und den Schilderungen des Vergewaltigungsopfers", so der Richter abschließend. Es habe kein Belastungseifer bestanden, der Zeuge habe klare Aussagen gemacht. Die Gesamtstrafe für den Landwirt von 5 Jahren und 9 Monaten wurde bekanntgegeben.

Öffentlichkeit zeigte keinerlei Zivilcourage

Der 37-Jährige befand sich rund acht Monate in Untersuchungshaft und bleibt nun auch weiter im Gefängnis. Wegen eines früheren Sexualdeliktes galt er bereits als vorbestraft. Eine Beeinträchtigung in der Schuldfähigkeit sei nicht gegeben. Leider habe er die Chance, durch ein Geständnis dem Vergewaltigungsopfer eine Aussage vor Gericht zu ersparen, nicht wahrgenommen. Dies hätte beim Strafmaß berücksichtigt werden können, so Richter Erich Fuchs. Er hoffe, dass es den psychisch durch die Vorfälle angegriffenen Opfer schnell wieder besser gehen wird. "Nicht die Opfer müssen sich schämen, sondern der Angeklagte" so Richter Fuchs. Er mahnte an, dass er bedauere, dass die Öffentlichkeit keinerlei Zivilcourage gezeigt habe und einem Zeugen jegliche Unterstützung durch Vereinsmitglieder verwehrt wurde. Gegen das Urteil kann der Angeklagte binnen einer Woche Revision einlegen.

UPDATE, 13.35 Uhr: Plädoyers gesprochen

Die Plädoyers wurden mit Spannung erwartet. Viele Interessierte horchten ganz genau, was der Staatsanwalt sprach. Er war zuerst mit seinen Ausführungen an der Reihe und hielt stetig Blickkontakt zum Angeklagten, sprach ihn direkt an und wurde im Ton schärfer. Er betonte, dass es führ ihn zweifelsfrei feststünde, dass der Angeklagte all die vorgeworfenen Taten begangen habe. Sowohl die sexuellen Nötigungen, aber auch im Speziellen die Vergewaltigung hätten sich so abgespielt, wie es in der Anklageschrift beschrieben und durch die Zeugen glaubhaft geschildert wurden. "Genau so sind diese Taten passiert", so der Staatsanwalt. Er erläuterte, dass es kein Alibi gebe und auch die Familienangehörigen nicht genau bestätigen konnten, ob der Angeklagte nicht doch auf dem Fest gewesen sei, nach dem es zu dem Vergewaltigungs-Vorgang gekommen sein soll. "Ein Zeuge hat sogar gesagt, dass Sie bei dem Fest da waren", so der Staatsanwalt weiter in seiner Ausführung.

Immer wieder junge Männer

Die vorgeworfenen Taten seien im selben Muster angestrebt worden. "Das zieht sich wie ein roter Faden", so der Staatsanwalt. Innerhalb weniger Wochen sei es zu mehreren Vorfällen im Jahr 2013 gekommen und den Opfern sei viel Leid zugetragen worden. Der Angeklagte habe die schutzlosen Ausgangslagen ausgenutzt, ist sich der Staatsanwalt sicher. Trotz einer bereits vonstatten gegangenen Verurteilung wegen eines ähnlichen Sexualdeliktes sei es zu weiteren Taten gekommen.

Die Vorgehensweise sei in jedem Fall identisch. Auch das Beuteschema sei gleich: Junge, schüchterne, schmächtige Männer seien betroffen gewesen. Die Zeugenaussagen seien allesamt sehr nachvollziehbar und glaubwürdig. Dem Angeklagten komme wenig zugute, er streite die Vergewaltigung ab und verweise auf eine sexuelle Handlung an Fasching 2013, obwohl klar geworden sei während der Verhandlungstage, dass das mutmaßliche Opfer nicht an dieser Faschingsfestivität gewesen sei.

Das Strafmaß, das der Staatsanwalt nennt, sorgt für Raunen im Zuhörerbereich. Er fordert für die Handlungen der sexuellen Nötigungen Freiheitsstrafen von sechs bis acht Monate sowie für die Vergewaltigung mehrere Jahre Gefängnis. Er fordert eine Gesamtstrafe für den Angeklagten von sechs Jahren!

Die Rechtsanwältin, die das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer in der Nebenklage vertritt, schloss sich nach Ausführungen und Betonungen der glaubwürdigen Zeugenaussage der Staatsanwaltschaft an und fordert eine über das Mindestmaß geltende Gefängnisstrafe.

Verteidiger des Angeklagten zweifeln

Die Herren Rechtsanwälte des angeklagten Landwirts bezweifeln, ob es wirklich zu der Tat gekommen sei. "Es steht Aussage gegen Aussage", zogen beide anwaltschaftlichen Vertreter des Landwirts gleich. Auch das Gericht könne nicht eindeutig erkennen, ob es sich bei den Tatbeschreibungen um tatsächlich Erlebtes oder nur "wie im Film" beschriebene Vorgänge handle.

Zwei der als sexuelle Nötigung beschriebene Tatvorwürfe könnten auch anders gedeutet werden und seien möglicherweise mit Vorwürfen des "Busengrabschens" vergleichbar. "Dann jedoch sind die Taten keiner gerichtlichen Verfolgung mehr würdig und gelten als verjährt", so ein Anwalt des Angeklagten. Man könne in einigen der beschriebenen Fällen außerdem nicht davon ausgehen, dass die mutmaßlichen Opfer dem Täter schutzlos ausgeliefert gewesen seien. Zwei der Zeugen hätten berichtet, dass sie sich gewährt hätten. "Das nennen wir nicht schutzlos ausgeliefert". Man müsse bei den Fällen genau hinschauen und im Zweifel für den Angeklagten entscheiden, so einer der Rechtsanwälte. Man erwarte einen Teilfreispruch, so die Anwälte abschließend, bevor sie den Nebenkläger als nicht besonders glaubwürdig bezeichneten. "Können wir ausschließen, dass die Vergewaltigung nicht erfunden ist?", stellte der Rechtsanwalt seine Frage in den Raum. Er betonte, dass ein Opfer, das sagt, es sei vergewaltigt worden, besser von seinem Umfeld akzeptiert werde als jemand, der seiner Familie mitteile, er sei verführt worden.

Der vorsitzende Richter Erich Fuchs sowie sein Richterkollege und die beiden Schöffen zogen sich zu Beratungen zurück. Ein Urteil wird es am Nachmittag geben. Im Zuhörerbereich sitzen Familienmitglieder der mutmaßlichen Opfer, darunter auch die Mutter des jungen Mannes, der im Mai 2013 von dem angeklagten Landwirt vergewaltigt worden sein soll und der sich nach langen Monaten quälender Gedanken im Juni 2015 das Leben nehmen wollte. Eine Anzeige wollte der Mann zunächst nicht stellen, erst nachdem er befragt worden war, warum er denn seinem Leben ein Ende setzen wollte, hat er sich schlussendlich dazu entschlossen gehabt. Deshalb kam es erst 2015 zu genauen Ermittlungen, obwohl die Tat schon 2013 begangen worden sein soll. Im Zuge der Ermittlungen meldeten sich weitere Zeugen und Opfer, die von dem Angeklagten sexuell genötigt worden sein sollen.

UPDATE, 12.30 Uhr:

Auf Antrag der Verteidigung des Angeklagten soll ein Gutachter erklären, ob man nach einem durch enormen Druck ausgeübten Analverkehr Blutungen oder anderweitige Verletzungen haben müsse. Nach Meinung der beiden Rechtsanwälte sei dies nicht möglich, dass es zu keinen Verletzungen komme. Der geladene Gutachter ist in der Rechtsmedizin tätig und zudem Experte in der Forensik. Er signalisierte, dass es hierzu keinerlei Studien gebe und es nicht eindeutig festzustellen sei, ob es oft zu Verletzungen nach solchen Fällen komme oder weniger oft. "Man muss hier einfach auf den rechtsmedizinischen Erfahrungsschatz zurückgreifen", so der Experte.

Sehr wohl sei es möglich, dass man keine Verletzungen verspüre oder dass eine Verletzung blute, so der Gutachter. Es gebe auch oberflächliche Verletzungen, die keine Blutungen aufweisen würden, so der Experte in seiner Zeugenaussage.

Selbst bei Schleimhautrissen müsse es nicht zu Blutungen kommen. "Aber es gibt auch Fälle, bei denen blutende Verletzungen auftreten, das ist von Fall zu Fall verschieden", so der Gutachter. Wenn ein Penis in den After eingeführt werde, sei es möglich, lediglich kleine Verletzungen davonzutragen. "Schwierig wird es, wenn die Faust oder ein Gegenstand eingeführt wird", so der Experte bei seiner Aussage vor Gericht.

Der vorsitzende Richter fasste zusammen und gab zu bedenken, dass die Aussage des mutmaßlichen Opfers also stimmen könne. Der junge Mann habe angegeben, zwar Schmerzen verspürt, jedoch keine Verletzungen oder Blutungen festgestellt zu haben.

Der vierte Prozesstag war von Beratungspausen geprägt.

UPDATE, 10.05 Uhr:

Der vermutlich letzte Prozesstag gegen den 37-jährigen Landwirt aus dem Wasserburger Umland am Montag begann mit einer kurzen Debatte zwischen dem vorsitzenden Richter Erich Fuchs und einem der Anwälte des Angeklagten. Der Rechtsanwalt warf dem zuständigen Ermittler der Kriminalpolizei vor, er habe datenschutzrechtlich versagt und dem mutmaßlichen Opfer lediglich ein einziges Foto, das des Angeklagten, via Email zugeschickt. "Es steht im Email-Text, bitte umgehend wieder löschen. Alleine hier merkt man schon, dass es auf dem Rechner des Zeugen einfach nichts zu suchen hat", so der Rechtsanwalt gegenüber der Kammer.

Die Anwälte des Angeklagten übergaben dem vorsitzenden Richter eine Beweisanregung, in der angeraten wurde, dass die Staatsanwaltschaft zusätzliche Ermittlungen in Auftrag gebe.

"Es ist nicht auszuschließen, dass das Foto, also das mutmaßliche Täterfoto, in soziale Netzwerke gelangt ist", so der Anwalt des Angeklagten. So hätte es auch den anderen Zeugen und zusätzlichen Opfern gezeigt oder in der Öffentlichkeit verbreitet worden sein, zeigen sich die Anwälte des Angeklagten überzeugt. "Dies glaube ich nicht", so der Polizist. Der Zuhörerbereich ist gut gefüllt an diesem vierten Prozesstag. Eine Frau stand auf und wollte sich zu Wort melden. Dies unterband der vorsitzende Richter umgehend. "Wir sind hier nicht in einer Gerichtsshow", so Erich Fuchs. Die Frau könne, wenn sie etwas sagen wolle, sich in einer Pause an den Staatsanwalt wenden. Bei der Frau handelt es sich um die Mutter eines weiteren Geschädigten.

Keine Suche nach einem Unbekannten

Der Polizist, der das Foto via Email an das mutmaßliche Opfer geschickt hatte, sagte aus, dass es keine willkürliche Fotoauswahl gewesen sei. "Es war bei dem Opfer bereits bei den ersten Gesprächen klar, um wen es sich handelt. Dies geschah nicht erst wegen des Fotos".

Bei der Befragung habe es Zuordnungsprobleme gegeben, weil der Zeuge nicht genau wusste, um welchen der Brüder dieser Familie es sich gehandelt haben soll. "Wir konnten dies dann schnell eingrenzen, weil wir im System den Angeklagten wegen eines ähnlichen Falls noch registriert hatten", hieß es vom Polizisten.

Die Übermittlung des scheinbaren Täterfotos sei deshalb vonstatten gegangen, weil man ausschließen wollte, dass es sich doch um den Bruder des Angeklagten handeln könne.

"Ich habe nicht nach einem Unbekannten gesucht, sondern wer dieser Familie passt zur Täterbeschreibung", so der sachverständige Ermittler der Kriminalpolizei. Die weiteren Zeugen und Opfer seien im Rahmen der scheinbaren Tuscheleien und Dorfgespräche zustande gekommen und sicherlich nicht über das Foto, das dem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer zugespielt wurde, zeigte sich der Polizist überzeugt.

Durch das immer weiter Erzählen haben scheinbar einige weitere Zeugen während der Ermittlungen den Mut gefasst, sich zu melden.

Vorbericht:

Am vierten Prozesstag soll es zu den Plädoyers kommen und dann auch schlussendlich zu einem Urteil. Der vorsitzende Richter, Erich Fuchs, hatte am dritten Prozesstag noch einen Beweisantrag der Anwälte des Angeklagten zugelassen. Ein Gutachter soll aussagen, welche körperlichen Verletzungen es nach Analverkehr mit besonderer Druckausübung geben müsse.

Das Opfer hatte ausgesagt, tagelang Schmerzen gehabt zu haben, jedoch keine Blutungen oder dergleichen.

In einer Erklärung ließ der Angeklagte durch seine Anwälte verlesen, dass er den Vorwurf der Vergewaltigung des jungen Mannes abstreite. Es habe 2013 nach einer Festivität kein Zusammentreffen mit dem mutmaßlichen Opfer gegeben.

Jedoch an Fasching 2013 soll es zu gemeinsamen sexuellen Aktivitäten gekommen sein, so der Angeklagte. Hier habe man im Auto Onanierhandlungen vollzogen.

Diese Aussage stehen mehrere Zeugenaussagen gegenüber. So hat das mutmaßliche Opfer sowie seine Mutter ausgesagt, dass der junge Mann an Fasching 2013 aus gesundheitlichen Gründen gar nicht bei besagtem Faschingsball gewesen sei. Dies bestätigte auch eine Bekannte, die damals auf den jungen Mann vergeblich gewartet habe, um mit ihm zu tanzen.

Der Angeklagte wurde vor Jahren bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, damals ging es ebenfalls um ein Sexualdelikt.

Quelle: wasserburg24.de

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