"Und dann flippst du halt aus"

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Eine Hängepartie war die schwierige Kindheit von Marcel - aber er hat es gepackt.

Rosenheim/Mühldorf - "So ein Leben, wie ich es jetzt habe, würde ich allen Kindern wünschen, die nicht bei ihren richtigen Eltern leben können", sagt Marcel (18).

Er war ein ganz spezieller Fall für das Albert-Schweitzer-Familienwerk. Aufgrund der Schwere der Misshandlungen - so hieß es, als er mit sieben Jahren aufgenommen wurde - werde der Bub das Leben eines Schwerstbehinderten führen müssen. Er werde nie lesen, schreiben und rechnen können. Heute liest, schreibt und rechnet er - und er verdient sogar sein eigenes Geld.

"Dass es mir heute so gut geht, dass ich mich so wohl fühle - das habe ich allein dem Albert-Schweitzer-Familienwerk und seinen Mitarbeitern zu verdanken", betont Marcel. Sein großer Wunsch: Andere Kinder, die ähnlich Schlimmes erleben mussten, sollen ebenfalls die Chance bekommen, in einem familiären Umfeld groß zu werden.

Die Leserinnen und Leser der OVB-Heimatzeitungen können einen großen Teil dazu beitragen, dass der Wunsch in Erfüllung geht. Jeder Cent, den sie zur Aktion "Ein Zuhause für Kinder in Not" beisteuern, fließt in den Bau eines Kinderdorfhauses in Pinswang bei Neubeuern.

Für Kinder wie Marcel, die im Elternhaus misshandelt wurden, sind die Kinderdorfhäuser und Erziehungsstellen des Albert-Schweitzer-Familienwerks oft der letzte Rettungsanker. In Heimen kommen viele von ihnen mit der Größe der Einrichtung und dem ständigen Personalwechsel nicht klar - auch wenn die Mitarbeiter noch so bemüht sind.

Marcel, selbst einmal kurz im Heim gewesen und dort gescheitert, bringt das Dilemma so auf den Punkt: "Da fasst du Vertrauen in eine Person, aber nach Dienstschluss geht dieser Mensch dann heim, ist nicht mehr für dich da - das tut sehr weh und dann flippst du halt aus."

Marcel kam als jüngstes von mehreren Kindern irgendwo in Bayern zur Welt. Der Ort wird hier nicht verraten, um ihn zu schützen. Seine älteren Brüder und Schwestern sind in Heimen aufgewachsen. Der Kontakt zu ihnen ist nie abgerissen. "Im Vergleich zu ihnen habe ich es sehr gut erwischt", sagt er.

Marcels zweite Kindheit im Albert-Schweitzer-Familienwerk begann 2001 - erst in einem größeren, dann in einem kleineren Kinderdorfhaus. "Es war eine äußerst turbulente Zeit", erinnert sich der heute 18-Jährige an die Anfänge, die an den Kräften und Nerven des Personals zehrte. "Ich habe die Mitarbeiter ordentlich aufgemischt und für Stimmung gesorgt. Der Hausmeister war im Dauereinsatz."

2002 fand Marcel dann seinen Platz, bei Anette und Jürgen in dem kleineren Haus. Es sollte ein fünftägigen Probewohnen werden. Aber so viel Zeit brauchte Marcel gar nicht: "Schon beim ersten Abendessen war klar, dass ich dort bleiben möchte. Es war genau das, was ich mir immer gewünscht hatte - in einer ,normalen' Familie wohnen."

"Bei Anette und Jürgen geht es mir so gut wie noch nie", sagt der junge Mann ein paar tausend Abendessen später. Aber es war ein dornenreicher Weg für alle drei - vor allem dann, wenn die plötzlichen Wut- und die Panikattacken kamen. "Aber Anette und Jürgen haben sich gekümmert, auch wenn ich etwas angestellt habe - und das war sehr oft."

Zeitweise war Anette fast täglich in der Schule. Weil "ihr" Bub ständig aus der Reihe tanzte. Doch die Mühe, natürlich auch die großen Anstrengungen der Psychologen, hat sich gelohnt. "Marcel hat alle Prognosen widerlegt und geschafft, was ihm niemand zugetraut hätte", sagt Anette. Dazu gehört unter anderem, dass Marcel sein eigenes Geld verdient - nicht in einer Behinderteneinrichtung, sondern auf dem freien Arbeitsmarkt, im Landschafts- und Gartenbau, und das schon seit einem Jahr. In der Firma ist der Chef zufrieden mit ihm, Marcel kommt mit seinen Kollegen gut aus. In der Freizeit macht der 18-Jährige das, was junge Burschen in seinem Alter eben gern tun: Musik hören, ins Kino gehen, am PC spielen - und, wenn er nach einem kraftraubenden Arbeitstag dafür nicht zu kaputt ist, Handball spielen.

"Im Ort bin ich sehr beliebt", freut sich Marcel - es ist vielleicht das schönste Kompliment, das man ihm, seinen Hauseltern und dem Albert-Schweitzer-Familienwerk machen kann.

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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