Urteil deutlich schärfer als von Staatsanwalt gefordert

Frauengesichter zerschnitten: Waldkraiburger wird jahrelang weggesperrt

+
Am 31. Dezember 2018 verletzte ein heute 38-Jähriger zwei Frauen in Waldkraiburg mit einem Messer. Nun muss er sich vor dem Landgericht Traunstein verantworten.

Traunstein/Waldkraiburg - Am 31. Dezember 2018 hat ein 38-jähriger Waldkraiburger zwei Frauen mit einem Messer verletzt - eine davon sogar lebensgefährlich. Der Täter wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Update, 15.15 Uhr - Richter: "Durch die Schnitte wollte er sie entstellen"

Aus Eifersucht ging ein Waldkraiburger in der Silvesternacht 2018 mit einem Cutter-Messer auf seine ehemalige Partnerin los und zerschnitt sowohl ihr, als auch einer Freundin, die ihr zu Hilfe kommen wollte, die Gesichter. Das Urteil des Landgerichts Traunstein lautet: elf Jahre wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung. Ein vergleichsweise hartes Urteil, denn die Staatsanwaltschaft forderte “nur” neun Jahre Haft. Von einer Sicherungsverwahrung sieht das Gericht ab.


“Der Angeklagte mutmaßte, seine ehemalige Partnerin hätte einen neuen Freund”, so der Vorsitzende Richter Erich Fuchs. Sieben Schnitte ins Gesicht fügte der Waldkraiburger ihr zu. “Durch die Schnitte wollte er sie entstellen, damit sie für andere Männer nicht mehr attraktiv ist”, so das Gericht. Auch an den Armen erlitt sie Schnittverletzungen. Richter Fuchs spricht von einem Blutbad.

Auf eine Freundin, die ihr zu Hilfe kommen wollte, ging der Angeklagte ebenfalls mit dem Messer los. Zwei Schnitte ins Gesicht waren hier zu verzeichnen. Noch schwerer wiegen aber die Verletzungen an ihrem Arm, der ebenfalls tief mit dem Messer verletzt wurde: “Sie kann die Hand und die Finger nicht mehr bewegen und muss erst wieder lernen zu schreiben”, so das Gericht. Sie sei ein reines Zufallsopfer gewesen. Dazu kommen massive psychische Schäden: “Sie wird ein Leben lang an diesem Vorfall zu tragen haben.”


Der Angeklagte bedauerte vor Gericht die Taten und bezeichnete sie selbst als grausam. Zur Tatzeit war der Waldkraiburger stark alkoholisiert, er hatte rund drei Promille Alkohol im Blut. Der Mann ist einschlägig vorbestraft, “ein eingeschliffenes Verhaltensmuster mit negativem Frauenbild”, so Richter Erich Fuchs. Das Gericht stellt außerdem klar: “Die Frauen haben keine Mitschuld an der Tat.” Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Update, 11.34 Uhr: Angeklagter: "Was ich getan habe war grausam. Abscheulich."

"Wenn man die Schlussvorträge meiner Vorredner wirken lässt, zeigt sich die Krux dieses Verfahrens", setzt der Verteidiger an. "Nämlich, dass die Beweislage entscheidende Unschärfen hat."

Anders als Staatsanwalt und Nebenklage sähe er die Behauptung einer "Kurzschluss-Reaktion" als durchaus plausibel an. "Als er den vermeintlichen Nebenbuhler dort sah, passten für ihn auf einmal eins und eins zusammen." Es habe nicht bewiesen werden können, dass sein Mandant das Messer bewusst als Waffe mitgeführt habe. Selbst ohne viel Krafteinsatz könne dessen scharfe Klinge schwer verletzten. Die Heftigkeit der Verletzungen sei daher kein Hinweis für ein gezieltes Vorgehen.

Weiterhin sei nicht nachweisbar, dass die Arbeitskollegin der Ex-Freundin gezielt attackiert wurde. Vielmehr sei zu vermuten, dass sie an dem Angeklagten vorbei wollte, und dabei beim Ausholen mit dem Messer verletzt wurde. "Bei der Polizei befragt, schildert sie zu keinem Zeitpunkt, dass sie gezielt attackiert wurde. Sondern dass sie verletzt wurde, als sie versuchte, vorbei zu kommen." Hätte der Angeklagte die Frau gezielt attackiert, wären zudem deren Verletzungen sehr viel massiver gewesen, so der Verteidiger.

Er sehe keine Absicht zur Tötung der Ex-Freundin. "Wenn es ihm darum gegangen wäre, sie zu töten, wäre er doch anders vorgegangen." Thomas L. habe zudem von ihr abgelassen, auch wenn er die Möglichkeit gehabt hätte sie umzubringen. Er sehe ausschließlich einen Vorsatz nur die Ex-Freundin zu verletzen, nicht aber zu töten. Somit handele es sich um einen Fall schwerer Körperverletzung der Ex-Freundin in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung von deren Arbeitskollegin.

Er plädiere für eine Haftstrafe mit einer Dauer von sechs Jahren. Dabei solle seine Resozialisierung durch gezielte Therapie erreicht werden. Die Grundlagen für eine Sicherungsverwahrung würden nicht vorliegen.

Es folgt das letzte Wort des Angeklagten.

"Ich wollte mich von Anfang an schuldig bekennen", betont der Angeklagte. "Wenn auch nicht im Sinne der Anklage. Was ich getan habe war grausam. Abscheulich", erklärt er mit sichtlich bewegter Stimme. Nicht nur die beiden unmittelbar verletzten Frauen hätten unter seiner Tat zu leiden. "Auch viele weitere Menschen leiden darunter."

Update, 10.50 Uhr: Nebenklage fordert schärferes Strafmaß als Staatsanwaltschaft

"Wäre ich der Verteidiger, ich würde mich den Ausführungen der Staatsanwaltschaft anschließen und wieder hinsetzen", beginnt der erste Vertreter der Nebenklage seine Ausführungen. Er vertritt die Arbeitskollegin der Ex-Freundin. Seine Mandantin sei gezielt attackiert worden, betont er. "Sie war ein reines Zufallsopfer und nun ist sie gezeichnet für ihr Leben! Es ist ein Jahr her und noch immer kämpft sie mit den körperlichen und psychischen Folgen!"

Er stimme dem Staatsanwalt nicht zu, dass es sich um keinen versuchten Totschlag handle. Dem schließt sich auch die zweite Nebenklagevertreterin an. Sie ist die Anwältin der Ex-Freundin. "Auch sie wird nie völlig von den Folgen dieser Tat frei sein", plädiert sie an das Gericht.

Update, 10.20 Uhr: Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft

"Ich glaube nicht, dass der Angeklagte, wie er behauptet, mit dem Ziel einer friedlichen Aussprache nach Waldkraiburg ging", erklärt der Staatsanwalt, "Wozu nehme ich dazu ein Messer mit?". Auch seine Behauptung, ihm habe es in dem Moment "die Sicherung rausgehaut", als er den Arbeitskollegen gesehen habe, glaube er nicht. "Der Angeklagte wollte ein Blutbad anrichten", klagt der Staatsanwalt ihn an.

Die Angriffe auf das Gesicht seiner Ex-Freundin seien gezielt gewesen, um sie zu entstellen. Auch auf deren Arbeitskollegin sei er gezielt losgegangen, wie ihre Verletzungen bewiesen. "Sie war ein reines Zufallsopfer, hatte nichts damit zu tun und wurde trotzdem brutal attackiert", betont der Staatsanwalt. "Seine Ex-Freundin wollte er für ihr Leben zeichnen. Leider ist ihm das auch gelungen", führt er weiter aus. "Er wollte sie und ihre Arbeitskollegin nicht gezielt töten. Aber er hat in Kauf genommen, dass die Beiden an ihren Verletzungen sterben."

Der Angeklagte habe in einem Zustand vorübergehender Schuldunfähigkeit gehandelt. Grund sei eine Kombination aus seiner Alkoholisierung und seiner psychischen Verfassung zum Tatzeitpunkt gewesen. Neben früheren Drohungen gegen seine Ex-Freundin würden auch die spontanen Äußerungen des Angeklagten gegenüber Polizeibeamten beweisen, dass er absichtlich gehandelt habe.

Da er schließlich von den Frauen abließ, obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte sie zu töten, handele es sich nicht um ein versuchtes Tötungsdelikt. Der Angeklagte habe sich aber absichtlicher schwerer und gefährlicher Körperverletzungen schuldig gemacht. "Dabei hat nur die rechtzeitige Behandlung der Verletzungen der beiden Frauen dafür gesorgt, dass die Beiden nicht ums Leben kamen!" Die Folgen der Tat seien massiv. Beide Frauen hätten schwere dauerhafte körperliche und psychische Leiden davongetragen.

Beispielsweise der Wutausbruch des Angeklagten am ersten Verhandlungstag, als die Rede auf seinen vermeintlichen Rivalen kam, zeige, dass er nichts aus der Tat gelernt habe. Auch angesichts der Vorstrafen und Rückfallgeschwindigkeit des Angeklagten fordere die Anklage eine Freiheitsstrafe von insgesamt neun Jahren. Es stehe im Ermessen des Gerichts, eine Sicherungsverwahrung zu verhängen. Die Voraussetzungen dafür würden vorliegen. Unter anderem seien weitere derartige Taten zu erwarten, was eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen würde.

Thomas L. nimmt die Ausführungen des Staatsanwalts ruhig zur Kenntnis. Es folgen die Plädoyers der Vertreter der Nebenklagen.

Erstmeldung, 28. November, 5.45 Uhr:

Die Beziehung von Thomas L. zu seiner Lebensgefährtin war im November 2018 auf Grund seiner ständigen Eifersucht in die Brüche gegangen. Der Angeklagte hegte den Verdacht, dass sie ein Verhältnis mit einem Arbeitskollegen hatte. Deswegen war er sogar gewalttätig gegen sie geworden. Der Waldkraiburger konnte die Trennung nicht akzeptieren, also machte er sich am 31. Dezember 2018 massiv betrunken auf zur ehemals gemeinsamen Wohnung. Vor Gericht betonte er, nur eine friedliche Aussprache gesucht zu haben. Ein mitgeführtes Messer habe er nicht als Waffe dabei gehabt.

Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg

Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg
Mann verletzt Frau lebensbedrohlich in Waldkraiburg © fib/TE

Als ihm seine Ex-Freundin die Tür öffnete, attackierte er sie sofort und begann, auf ihr Gesicht einzuschneiden. In seiner Aussage gab er an, dies sei eine Art Kurzschluss-Reaktion gewesen, als er seinen vermeintlichen Nebenbuhler von außen in der Wohnung sah. Seine ehemalige Lebensgefährtin feierte dort gerade mit ihm und einer weiteren Arbeitskollegin. Als letztere zu Hilfe eilen wollte wurde auch sie attackiert. Erst auf das Flehen seiner Ex-Freundin ließ Thomas L. von den Frauen ab und versuchte an den vermeintlichen Rivalen zu gelangen. 

Dieser hatte sich jedoch im Schlafzimmer der Wohnung verschanzt. L. wütete dort dann, bis die Einsatzkräfte eintrafen. Der Waldkraiburger ließ sich dann ohne größeren Widerstand festnehmen.

Bereits zwei Prozesstage 

Am ersten Prozesstag, am Donnerstag, den 14. November waren zunächst eine Reihe von Zeugen gehört worden. Darunter mehrere Polizeibeamte. Zwei davon gaben an, L. habe in ihrer Gegenwart behauptet, die Tat geplant zu haben. Allerdings war zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung umstritten, ob es sich dabei um eine spontane Äußerung handelte, oder ob L. hier eine nicht verwertbare Aussage vor der üblichen Rechtsbelehrung für Tatverdächtige gesprochen hatte. Die beiden Frauen berichteten, sie seien bis heute psychisch und körperlich durch die Tat belastet.

Der zweite Prozesstag, am Montag, den 18. November begann dann mit Ausführungen eines Rechtsmediziners. Dieser schilderte noch einmal die massiven Verletzungen, welche die beiden Frauen davontrugen. Außerdem wurden das Vorstrafenregister des Angeklagten verlesen. Dieses umfasst 13 Einträge, vor allem immer wieder Körperverletzungen. Unter anderem hatte er im November 2015 seine damalige Freundin gewürgt und gegen einen Türstock geschlagen. Bei vielen seiner Taten stand er unter Alkoholeinfluss.

Am dritten Verhandlungstag, dem 28. November, sollen die Plädoyers gehalten werden. Mit einem Urteil wird am 29. November gerechnet.

hs

Quelle: chiemgau24.de

Kommentare