Tag 2 im Prozess um den WM-Mord in Bad Reichenhall

Rechtsmediziner: So etwas habe ich noch nicht erlebt

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Der Angeklagte Christoph R. und sein Verteidiger Harald Baumgärtl am Mittwoch im Traunsteiner Landgericht.
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Traunstein/Bad Reichenhall - Auch am zweiten Tag schwieg Christoph R. Nun schilderte ein Rechtsmediziner die Stichverletzungen von Opfer Alfons: Allein 13 Mal landete das Messer in dessen Gehirn.

++ Am Donnerstag wird im Prozess eine Pause eingelegt. Am Freitag geht's ab 9 Uhr weiter: Unter anderem wird Sarah vor Gericht aussagen, die die Attacke schwer verletzt überlebte. BGLand24.de wird wieder live aus Traunstein berichten. ++

Update 15.50 Uhr: Aussage Sachverständiger LKA und Rechtsmediziner

Nach der Mittagspause tritt ein Sachverständiger vom Landeskriminalamt vor den Richter. Er untersuchte das vermutete Tatwerkzeug: das Bundeswehr-Kampfmesser KN2000 (KN2K). "Von der Klingenfestigkeit ist das das Beste, was am Markt ist", weiß der LKA-Experte. Die sogenannte Tanto-Klinge sei sehr stabil, "die verbiegt sich nicht so schnell". An der Scheide des Messers ist zusätzlich ein Diamant angebracht, um die Klinge nachzuschärfen.

Zehn Einstiche über dem linken Ohr von Opfer Alfons

Dann betritt ein Rechtsmediziner den Gerichtssaal. Er schildert, was der Täter und sein Messer in der Nacht auf den 14. Juli 2014 mit dem Opfer Alfons anrichteten. Zu hören sind nun die grausigen Details seiner Verletzungen: Ein Durchstich am Hals, Einstiche an der Achsel bis in die Lunge, zwei Stiche am Rumpf und vor allem "Einstiche am Kopf von allen Seiten", so der Gerichtsmediziner. Dem Opfer wurde das Messer senkrecht sieben Zentimeter tief in den Nacken gerammt - einer von mehreren tödlichen Stichen. Von den insgesamt 28 bis 30 Einstichen landeten allein zehn über dem linken Ohr.

13 Mal landete das Messer direkt im Gehirn

Auch vom Gesicht ließ der Täter nicht ab: "Vier Einstiche gab es auf Höhe der Nasenwurzel, bis zu fünf Zentimeter tief. Ein anderer Stich drang durch das Unterlid in die Augenhöhle." 13 der Einstiche landeten direkt im Gehirn von Opfer Alfons, schon nach dem Ersten war er wohl bewusstlos. Der Tatverdächtige Christoph R. sitzt bei der unappetitlichen Aufzählung seelenruhig auf der Anklagebank. Er scheint dem Gerichtsmediziner hochkonzentriert zu folgen.

Gerichtsmediziner: "Schädeldurchstiche sind ein Novum"

Der Sachverständige fährt mit der Auflistung der Verletzungen fort - und ist selbst erstaunt: "Schädeldurchstiche sind bei uns am Rechtsmedizinischen Institut ein Novum, das hat noch keiner erlebt. In diesem Fall hatten wir gleich vier Schädeldurchstiche." 14 Zentimeter der Klinge drangen dabei durch den Kopf von Opfer Alfons durch. "Eine absolute Rarität", nennt das der Gerichtsmediziner. Im Gerichtssaal herrscht absolute Stille.

Andere Verletzungen kann sich der Sachverständige dagegen nicht erklären: Einschnitte am Kopf in Form eines gleichseitigen Dreiecks und in Form einer Raute: "Mit dem Messer können die nicht gemacht worden sein."

Update 12.35 Uhr: Die Entdeckungen der Spurensicherung in der Kammer des Angeklagten

Das Interesse der Bevölkerung am Prozess ist auch am zweiten Tag groß. Zwei Zuhörerinnen fotografieren während der Verhandlung - ob sie wussten, dass das verboten ist? Sofort schickt der Richter einen Polizisten zu den Damen, der ihnen die Handys abnimmt und die Fotos löscht. Die Smartphones behält er bis zur Mittagspause ein.

Neugierig blickt Christoph R. auf die Fotos der Spurensicherung

Ein Beamter der Spurensicherung tritt vor den Richter. Gemeinsam mit Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung werden Fotos vom Tatort und der Leiche begutachtet. Nun erhebt sich zum ersten Mal auch der Angeklagte Christoph R. und tritt zum Richterpult vor: Er wirft neugierige Blicke auf die Bilder.

Die Klamotten des Opfers: völlig blutdurchtränkt

Zuerst werden Fotos der Bekleidung von Opfer Alfons unter Augenschein genommen: Der Gutachter berichtet, dass seine Klamotten dermaßen blutdurchtränkt gewesen waren, dass andere DNA-Spuren auf der Kleidung nur noch schwer nachweisbar waren. Gebiss und Brille lagen rund zwei Meter vom Opfer entfernt. Sowohl Ober- als auch Unterhemd wurden bei der Attacke zerfetzt. Schon bei den Zeugen zuvor erkundigte sich der Staatsanwalt immer wieder nach möglichen Stofffetzen von der Kleidung des Opfers am Tatort. Am Dienstag wurde gemutmaßt, dass Christoph R., angestachelt durch das PC-Rollenspiel "Skyrim", einen solchen Stofffetzen als "Trophäe" mit sich nehmen wollte.

Blutige Klamotten - und eine weitere "Trophäe"?

Auch den Schrank von Christoph R. in der Kaserne nahm die Spurensicherung unter die Lupe: Alkohol, Medikamente, Playstation-Spiele. Außerdem wurde ein Sack voller Klamotten von den Beamten gefunden. Zwischen Unterwäsche und Bundeswehrbekleidung ein schwarzer Kapuzenpullover und eine Jeans - auf beiden eingetrocknetes Blut. In der Hosentasche fanden die Ermittler einen gelb-orangenen Taschenspiegel. Es wird davon ausgegangen, dass Christoph R. diesen Spiegel in der Tatnacht Opfer Sarah abnahm - eine weitere "Trophäe"?

Am Nachmittag werden Sachverständige vom Landeskriminalamt und der Gerichtsmedizin erwartet. Christoph R. schweigt bislang auch am zweiten Tag der Verhandlung.

WM-Mord: Der Angeklagte vor Gericht

Update 10.22 Uhr: Die Aussagen der Rettungsassistenten und des Arztes

Pünktlich um 9 Uhr trat ein Rettungsassistent aus Bad Reichenhall als Zeuge vor Gericht. Er war am Tatabend Schichtführer im Rettungsdienst. "Es war eh schon eine stressige Nacht", so der Rettungsassistent. Als er beim ersten Opfer ankam, war ihm schnell klar, dass er tot war - er erkannte gleich die Schädelfraktur. Im ersten Moment ging er aber noch von einem Suizid aus, wegen der hohen Wohnhäuser rund um den Tatort - dann stellte er fest: "So klar war die Todesursache nicht". Das Opfer lag auf dem Bauch, drei Passanten waren am Tatort, die ihn gefunden hatten: "Bei denen war der Schock groß, als ihnen klar wurde, dass er tot ist." Die Polizei und weitere Retter wurden verständigt, dann ging es gleich weiter zum zweiten Tatort. Dort saß Sarah am Boden, hatte Atemnot, ihr T-Shirt war blutüberströmt - aber sie war ansprechbar. Der Notarzt war zu der Zeit noch gebunden, daher wurde sie mit dem Rettungswagen gleich ins Krankenhaus nach Bad Reichenhall gebracht, so der Rettungsassistent. Abschließend sprach ihm der Richter seine "Hochachtung" aus.

"Wir konnten da nichts mehr machen"

Ein zweiter Rettungsassistent aus Bad Reichenhall tritt in den Zeugenstand: Er war mit dem Notarzt unterwegs, auch er traf beim Todesopfer ein: "Uns war schnell klar, dass es kein gewöhnlicher Einsatz war." Er beschreibt das Opfer Alfons: In einer dunklen Ecke lag er auf dem Boden, "eine große Lache an frischem Blut war um seinen Kopf - wir konnten da nichts mehr machen." Nur zehn Minuten später der nächste Notruf für ihn: Eine zweite blutende Person - "da wussten wir: es muss irgendetwas komisches in Reichenhall passiert sein."

"Er hatte eine große, tiefe Wunde am Kopf mit Hirnmassenaustritt."

Dann trat auch schon der amtierende Notarzt der Nacht auf den 14. Juli vor den Richter. Auch er war einer der Ersten beim Opfer Alfons: "Er hatte eine große, tiefe Wunde am Kopf mit Hirnmassenaustritt." Durch den extremen Blutaustritt am ganzen Körper sei seine Leiche bereits "extrem blass" gewesen. Eine Fremdeinwirkung war für ihn schnell sicher, daher wurde Polizei und Feuerwehr nachgefordert. Mit dem zweiten Rettungsassistenten brachte er dann Sarah vom Reichenhaller in ein Salzburger Krankenhaus: "Sie war definitiv in einem akut lebensbedrohlichem Zustand. Sie war in Narkose und hatte einen Beatmungsschlauch im Hals."

Ein weiterer Zeuge tritt vor Gericht, ein Kumpel von Opfer Alfons. Wie so oft haben sie auch an diesem Abend zusammen Fußball geschaut, zur Feier des Tages floss Whiskey: "Alfons war sehr gut drauf an dem Abend, aber nicht arg betrunken." Alfons sei immer freundlich gewesen, nie aggressiv.

Nun werden Sachverständige und Gerichtsmediziner von Richter Weidmann gehört.

VORBERICHT: Schweigt Christoph R. weiter?

Der Angeklagte schwieg zu den schweren Vorwürfen, die ihm zum Prozessauftakt am Dienstag gemacht wurden. Christoph R. soll einen Menschen in der WM-Nacht 2014 mit mehreren Messerstichen getötet und eine 17-jährige Schülerin hinterrücks angegriffen haben. Die Anklage lautet auf Mord und versuchten Mord in Tateinheit mit besonders schwerer Körperverletzung.

Während sich der 21-Jährige ausschwieg, schafften es indes mehrere Zeugen etwas mehr Licht ins Dunkel der Tatnacht zu bringen. Neben der Sachverständigen von der Jugendgerichtshilfe und Anwohnern und Passanten, gaben auch ein Kriminalhauptkommissar seine Aussage ab. Danach hält es dieser für möglich, dass sich Christoph R. ein Vorbild bei dem PC-Rollenspiels "The Elder Scrolls V - Skyrim" genommen hat. Laut der Aussage eines zweiten Kriminalhauptkommissars sahen drei Soldaten den Angeklagten, wie er mit dem Kampfmesser in der Hose die Kaserne verlies.

WM-Mord: Prozessauftakt in Traunstein

An Tag zwei im Prozess um den Reichenhaller WM-Mord sollen weitere Zeugen gehört werden. Darunter werden auch die Aussagen des Gerichtsmediziners und eines Sachverständigen des Landeskriminalamts erwartet. Der Prozess beginnt um 9 Uhr.

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen aus dem Gerichtssaal! +++

Quelle: BGland24.de

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