Verhandlung am Landgericht Traunstein

Urteil ist gefallen: Mehrjährige Freiheitsstrafe

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Traunstein - Seit dem Vormittag verhandelt das Landgericht den Fall eines Waldkraiburgers, dem versuchter Totschlag vorgeworfen wird. Nun hat das Gericht das Urteil verkündet.

UPDATE: Dienstag, 13.50 Uhr

Das Gericht hat den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt - allerdings "nur" wegen gefährlicher Körperverletzung und nicht auch noch wegen versuchten Totschlags. Die Frage sei gewesen, ob ein bedingter Tötungsvorsatz vorliege, erklärte der vorsitzende Richter Erich Fuchs. Bei in affektiver Erregung ausgeführten Handlungen sei dies besonders genau zu prüfen. Dies habe man getan und sei zu dem Schluss gekommen, dass "trotz der massiven Vorgehensweise der Tod nicht billigend in Kauf genommen" worden sei.

Für einen Tötungsvorsatz hatten die Heftigkeit der Tritte und die Bergstiefel gesprochen. Andererseits habe man "kein allgemein gültiges Motiv für den Angeklagten gesehen", erklärte Fuchs.

Für den Angeklagten sprach dem Gericht zufolge seine Entschuldigung, mit der er die Verantwortung für die Tat übernommen habe. Negativ wertete das Gericht die Brutalität des Angriffs, die schweren Verletzungen des Opfers und die psychischen Folgen der Tat.

Das Gericht ordnete an, dass der Angeklagte in einer Erziehungsanstalt untergebracht wird, um dort eine Therapie zu machen. Die Verteidigung erklärte unmittelbar nach dem Urteil Rechtsmittelverzicht, Anklage und Nebenklagevertreter äußerten sich hingegen nicht. Damit ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

UPDATE: Dienstag, 13.25 Uhr

In seinem Plädoyer sagte Staatsanwalt Björn Pfeifer, man müsse davon ausgehen, dass der Angeklagte den Tod der Frau in Kauf genommen hat. Man könne auch nicht von einem freiwilligen Rücktritt des Angeklagten ausgehen (dass er also von sich aus aufgehört hat, die Frau zu treten). Er habe erst aufgehört, als die Türe aufging, so Pfeifer.

Für den Angeklagten spreche, dass er sich entschuldigt und zudem eingesehen habe, dass der Alkohol nicht gut für ihn sei. Negativ wertete der Staatsanwalt, dass der Angeklagte kein Geständnis abgelegt habe. Außerdem verwies Pfeifer auf die großen psychischen Folgen der Tat für das Opfer, das sogar das Lokal aufgeben musste. Pfeifer forderte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren.

Rechtsanwalt Jörg Zürn, Vertreter der Nebenklage, fragte in seinem Plädoyer nach dem Motiv. Es sei beim besten Willen nicht nachvollziehbar, wieso sich diese Aggressivität gegen die Frau entlud. Sie habe zuvor nicht mit dem Angeklagten gestritten, sei "das schwächste Glied der Kette" gewesen. Der Angriff sei eine "hemmungslose Entladung purer Gewalt" gewesen, so Zürn. Der Rechtsanwalt schloss sein Plädoyer mit dem Hinweis darauf, dass die Attacke der Zeugin zufolge fünf Minuten gedauert habe. Er selbst habe soeben ähnlich lange gesprochen. "Das war nicht kurz", betonte Zürn, der genau wie der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren forderte.

Der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Erhard Frank, widersprach dem Staatsanwalt: "Das Handeln des Angeklagten ist meines Erachtens trotz der Massivität der Schläge nur als gefährliche Körperverletzung anzusehen." Trotzdem sei er sich aber bewusst, was der Angeklagte bei der Zeugin angerichtet habe. Frank beantragte eine Freiheitsstrafe in Höhe von dreieinhalb Jahren. Das Gericht hat sich nun zur Beratung zurückgezogen und wird in einigen Minuten das Urteil verkünden.

UPDATE: Dienstag, 12.35 Uhr

 Das Gericht hat soeben einen Gast des Lokals gehört, der dabei war, als der Angeklagte nach draußen verwiesen wurde. Der Zeuge wurde von dem Angeklagten im Zuge einer Rangelei geschlagen. Das sei aber nicht so schlimm gewesen, so der Zeuge. "die Beleidigung war das Schlimmste. Die ist mir tagelang hinterhergelaufen." Der Angeklagte hatte den Zeugen als "Einäugigen" und "Missgeburt" beschimpft. Im Gerichtssaal reagierte der Angeklagte prompt. Er stand ein weiteres Mal kerzengerade auf und sagte: "Entschuldigung für die Beleidigung."

Die beiden Männer, die den Angeklagten aus dem Treppenhaus verscheucht hatten, konnten mit ihren Aussagen nur wenig neues beitragen. Sie hatten ins Treppenhaus gesehen, weil sie dachten, Jugendliche würden dort randalieren. Umso überraschter waren die beiden, als sie sahen, was wirklich passierte. Weil die Frau blutverschmiert war, haben sie die beiden Zeugen zunächst gar nicht erkannt. Vielmehr dachten die Männer zunächst, ein betrunkenes Ehepaar habe Streit. Sie verscheuchten den Angeklagten, kümmerten sich anschließend um das Opfer und - als sie die Frau erkannt hatten - verfolgte einer der beiden Männer vergeblich den 42-Jährigen.

Anschließend machte der Rechtsmediziner Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg, der die Frau begutachtet hatte, Angaben zu den zahlreichen Verletzungen des Opfers. Der Sachverständige stellte unter anderem Beulen und Hämatome am Kopf, an der Stirn, an Nase und Augen sowie am Ohr fest. Hinzu kommt eine Platzwunde über einem Auge, die offenbar von dem ersten Schlag herrührte. Die Frau litt außerdem zeitweise unter einer Lähmung eines Mundwinkels, weil ein Nerv beschädigt worden war. Darüber hinaus erlitt die Frau ein Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades. Akute Lebensgefahr bestand dem Rechtsmediziner zufolge zwar nicht. Allerdings handelte es sich um eine "das Leben gefährdende Behandlung", so Priemer.

Zur Anzahl der Tritte sagte der Experte: "Es ist davon auszugehen, dass er mindestens fünf Volltreffer gelandet hat." Die Angabe der Zeugin, sie sei 15 bis 20 Mal getreten worden, hält Priemer für wahrscheinlich, da nicht jeder Tritt ein Volltreffer sei. Der Rechtsmediziner präsentierte außerdem Untersuchungsergebnisse, wonach an den Bergstiefeln des Angeklagten Spuren gefunden wurden, die höchstwahrscheinlich zum opfer gehören. Somit trug der Angeklagte bei der Tat wohl tatsächlich seine schweren Stiefel.

Abschließend hatte der psychiatrische Gutachter Dr. Stefan Gerl das Wort. Auch in seinem Gespräch mit dem Angeklagten war dessen Alkoholkonsum ein Thema. Als er noch bei dem Autobauer arbeitete, habe er fünf bis zehn Halbe Bier pro Schicht getrunken. Dies sei damals aber normal gewesen, auch bei den Kollegen, so Gerl über die Ausführungen des Angeklagten. Der psychiatrische Befund Gerls ist jedoch ohne Befund. Nichtsdestotrotz sagte Gerl, eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit sei nicht auszuschließen. Die Tat könne eine "Hangtat" gewesen sein, weil der Angeklagte im nüchternen Zustand "eher friedfertig" sei. Dass der Angeklagte sich nicht mehr an den Vorfall erinnern kann, halt der Gutachter aufgrund der starken Alkoholisierung für plausibel.

Die Beweisaufnahme ist damit abgeschlossen. In Kürze wollen Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers halten.

UPDATE: Dienstag, 11.15 Uhr

Soeben wurden das mutmaßliche Opfer und dessen Vater als Zeugen gehört. Der Vater schilderte, wie sich der Angeklagte im Lokal verhalten hat. Er habe ihn aufgefordert, das Lokal zu verlassen, so der Zeuge. Bereits zwei Mal hatte er ihm zuvor Hausverbot erteilt. Der Angeklagte sei mit einer Flasche auf ihn losgegangen, konnte aber mit vereinten Kräften (dem Zeugen zufolge waren sie zu dritt oder zu viert) aus dem Lokal bugsiert werden. Der Zeuge schilderte auch, wie er später seine Tochter im Treppenhaus vorfand: "Ich habe meine eigene Tochter nicht mehr gesehen, die war blutüberströmt. So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen." Seine Tochter, damals zugleich Pächterin des Lokals, habe nach dem Vorfall wochenlang Angst gehabt, alleine die Treppe hochzugehen.

Die Aussage der Frau selbst verfolgte der Angeklagte mit häufig zu Boden gesenktem Blick. Die Zeugin schaute er die ganze Zeit über nicht an, als diese die dramatischen Ereignisse schilderte. Über die Begegnung im Treppenhaus sagte sie: "Auf einmal kam ein Schlag, meine Brille ist weggeflogen und ich hatte gleich Blut im Auge." Danach sei alles zu schnell gegangen, als dass sie sich genau erinnern könne. Als sie am Boden lag, habe er losgetreten. Er habe ihr gezielt gegen Kopf und Oberkörper getreten, so die Zeugin. "Mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Ich habe die ganze Zeit nur geschrien." Sie habe nicht reagieren können, alles sei zu schnell gegangen. "Ich dachte mir nur: Mein Mann, mein Kind, meine zwei Katzen. Du musst was tun!" Also habe sie sich am Aufzug hochgehievt. Weil der Angeklagte aber nicht von ihr abgelassen habe, sei sie wieder zu Boden gegangen. "Das Letzte, was ich dann noch gespürt habe, war ein Tritt ins Gesicht." Danach habe sie nichts mehr mitbekommen. "Ich konnte einfach nicht mehr."

Das Lokal hat die Zeugin inzwischen aufgegeben. Bis heute habe sie Angst, unter Leute zu gehen. Das Volksfest etwa habe sie nicht besucht. Am Ende der Zeugenaussage stand der Angeklagte plötzlich auf. "Ich möchte mich herzlich bei Ihnen entschuldigen", sagte der 42-Jährige. "Ich wusste nicht, was ich mache." Der leicht verunsicherten Zeugin sagte der vorsitzende Richter Erich Fuchs, sie müsse darauf nicht antworten.

UPDATE: Dienstag, 10.30 Uhr

Zu Beginn des Prozesses machte der Angeklagte Angaben zu seinem bisherigen Werdegang. Sein Leben war offenbar von schulischem und beruflichem Misserfolg geprägt. Seinen Abschluss habe er mit "ausreichenden" Leistungen gemacht. "Grad, dass es gereicht hat", so der Angeklagte. Eine Lehre zum Automechaniker brach er ab, fand aber dennoch rasch eine Anstellung bei einem Autobauer. 2008, nach vielen Jahren also, kündigte der Waldkraiburger - "weil ich keine Lust mehr zum arbeiten gehabt habe", so der 42-Jährige. Nach zwei Jahren der Arbeitslosigkeit bekam der Angeklagte dann kein Geld mehr vom Arbeitsamt, weil er sich nicht mehr beworben hatte. Zeitweilig landete er deshalb sogar in einem Obdachlosenasyl, ehe er im Herbst 2013 wieder Arbeit fand.

Mit 15 oder 16 Jahren, gab der Angeklagte an, habe er zu trinken angefangen. Die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin, mit der er einen Sohn hat, ging dem 42-Jährigen zufolge wegen des Alkohols in die Brüche.

Für die Zukunft habe er sich vorgenommen, Arbeit zu suchen und sich um seinen Sohn zu kümmern, sagte der Angeklagte auf Nachfrage des Gerichts. Er wolle "ein besseres Leben, ein Leben ohne Alkohol. Der Alkohol hat mir alles genommen." Auch zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat war der Waldkraiburger stark alkoholisiert. Je nach Abbaugeschwindigkeit liegt der errechnete Wert möglicherweise bei über zwei Promille.

Nach diesen ausführlichen Erläuterungen machte der Angeklagte zu der ihm vorgeworfen Tat nur fragmentarische Angaben. Gegen 13.30 Uhr habe er zu trinken angefangen, sei später in die Spielothek gegangen. "Es gab eine Rangelei, mehr weiß ich nicht", sagte der 42-Jährige. Von einem angeblich gegen ihn ausgesprochenen Hausverbot wisse er nichts. "Wahrscheinlich habe ich wieder rumgepöbelt - wie immer." Auf Nachfrage des Gerichts erklärte er weiter, er sei dabei "nicht direkt" aggressiv. "ich tu die Leute halt blöd anreden, spaßeshalber, aber die Leute verstehen das falsch." Warum er auch eine Frau angegangen habe, frage er sich selbst auch.

Der Staatsanwalt warf dem Waldkraiburger vor, sich genau an das zu erinnern, was ihm ohnehin nachgewiesen werden könne. Dennoch blieb der Angeklagte bei seiner Aussage: zu dem genauen Hergang könne er nichts sagen.

Als erster Zeuge wurde ein in die Ermittlungen eingebundener Polizist gehört. Er schilderte, wie sich die Tat den Zeugen zufolge abspielte. Ohne ein Wort zu sagen, sei der Angeklagte auf die Frau zugegangen und habe auf sie eingeschlagen. Als die Frau am Boden lag, habe der 42-Jährige auf sie eingetreten, "wie wenn man auf einen Fußball einkickt", so der Polizist. Als zwei Männer im Treppenhaus auftauchten, habe der Angeklagte sofort aufgehört. Einer der Männer habe gesagt: "Geh weg, sonst hau ich dir in die Fresse." Daraufhin sei der Angeklagte gegangen.

Zur Frage, welche Schuhe der Angeklagte bei der Tat trug, brachte dem Beamten zufolge dessen Mutter Licht ins Dunkel. Demnach trug der Angeklagte 480 Gramm schwere Bergstiefel. Für das mutmaßliche Opfer dürfte dieser Umstand sehr schwerwiegend gewesen sein.

Vorbericht:

Am Dienstag muss sich ein 42-jähriger Waldkraiburger vor der fünften Strafkammer des Landgerichts Traunstein verantworten. Dem Mann wird Körperverletzung und versuchter Totschlag zur Last gelegt. Sollten sich die Vorwürfe vor Gericht bestätigen, handelt es sich bei der mutmaßlichen Tat um einen besonders schweren Gewaltausbruch.

Anfang des Jahres soll der 42-Jährige einem mündlichen Hausverbot zum Trotz eine Spielothek betreten haben. Zwei Männer forderten ihn auf, die Lokalität zu verlassen, bugsierten ihn schließlich nach draußen. Einem der beiden Zeugen soll der 42-Jährige daraufhin ins Gesicht geschlagen haben. Auf diese - vergleichsweise - harmlose Auseinandersetzung soll wenige Minuten später ein heftiger Gewaltausbruch des Waldkraiburgers gefolgt sein.

Betrunken und mit Bergstiefeln an den Füßen

Noch im Treppenhaus begegnete dem 42-Jährigen eine Frau, die ihn, wie schon zuvor die beiden Männer, des Gebäudes verweisen wollte. Plötzlich soll der Waldkraiburger auf die Frau eingeschlagen haben, die Frau stürzte zu Boden. Der 42-Jährige, zu diesem Zeitpunkt mit über 1,5 Promille stark alkoholisiert, soll die Frau daraufhin mit mindestens 20 Tritten gegen Oberkörper und Schädel traktiert haben. Besonders fatal: Der Waldkraiburger soll schwere Bergstiefel getragen haben. Erst das Eingreifen zweier Zeugen konnte den Mann stoppen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 42-Jährige den Tod des mutmaßlichen Opfers zumindest billigend in Kauf nahm. Daher wird dem Waldkraiburger neben Körperverletzung auch versuchter Totschlag zur Last gelegt.

Innsalzach24 ist vor Ort und berichtet aktuell vom Prozess.

Quelle: chiemgau24.de

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