Tod nach Geburtstagsparty in Ainring

Verteidiger: "Ich halte das Urteil für falsch"

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Rechts der Angeklagte, links Pflichtverteidiger Dr. Florian Eder.
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    Petra Sobinger
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Traunstein/Ainring - Ein 19-Jähriger verlor durch brutale Messerstiche auf einer Geburtstagsfeier sein Leben. Nun ist vor dem Landgericht Traunstein das Urteil gegen einen Altöttinger gefallen: 

Update, 17.10 Uhr - Statement des Verteidigers

Dr. Florian Eder: "Ich halte das Urteil für falsch. Aus Sicht der Verteidigung waren die Vernehmungen des Angeklagten durch die Polizei nicht verwertbar, da diese mit unzulässigen Maßnahmen erreicht wurden. Wir werden durch den Bundesgerichtshof überprüfen lassen, ob man so erlangte Aussagen verwerten kann

Wenn man die Vernehmungsprotokolle gelesen hat, zeichnet das ein deutliches Bild – ich wünsche niemanden, dass er einmal in eine derartige Vernehmungssituation kommt! Dem Gericht ist insoweit Recht zu geben, wenn wir viele seltsame Zeugenaussagen gehört haben, sowohl von den Be- wie auch Entlastungszeugen

Anders als das Gericht meint, kann man aber nur gestehen, was man wirklich begangen hat. Gesteht ein Angeklagter nur deshalb, weil er sich eine Strafmilderung erhofft, ist das auch keine wirkliche Option. Die ganze Tat passt nicht zu dem Angeklagten, der bisher ein straffreies und ordentliches Leben geführt hat

Er hat sich gegen einen Angriff zur Wehr gesetzt und handelte deshalb aus Notwehr, wenngleich er den Tod des Angreifers nicht wollte. Schlussendlich wird es Aufgabe des Bundesgerichtshofes sein, sich mit diesem Urteil auseinander zu setzen."

Update, 16.40 Uhr - Statement des Anwalts der Eltern/des Opfers

"Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. In der Hauptverhandlung wurde uns eine Version präsentiert, die zu einer völligen Retraumatisierung der Familie geführt hat. Der Geschädigte wurde als wildgewordener Verrückter dargestellt, der mit einem Messer bewaffnet und ohne Motiv auf einen los geht. Im Grunde versucht man hier, das Opfer zum Täter zu machen. Das ist jetzt eindeutig und mit klaren Worten widerlegt. Das hilft der Familie deutlich.

Die Mutter kann schon nicht mehr. Sie war heute schon nicht mehr mit dabei, musste nochmal stationär behandelt werde. Sie hat das Ganze aufgrund der Lügenmärchen, die uns in der Hauptverhandlung von den Zeugen erzählt wurden, nicht mehr ertragen. Vor allem, dass ihr Sohn, der selbst im familiären Umkreis permanent als schüchtern und zurückhaltend bezeichnet wurde, als eine Person bezeichnet wurde, die mit einem Messer auf eine Person losgeht, dass hat sie nicht ertragen.

Dass diese Anschuldigung nun mit deutlichen Worten widerlegt wurde, hilft der Familie schon deutlich. Der Staatsanwalt hat zehn Jahre gefordert, jetzt sind es neun Jahre geworden - das ist in Ordnung."

Update, 15.30 Uhr: Begründung des Urteils

"Der Angeklagte wird zu neun Jahren Freiheitsstrafe wegen Totschlages verurteilt", erklärte der zuständige Richter. Nach einer ausführlichen Zusammenfassung des Tatgeschehens und der Ermittlungsstände, in denen der Angeklagte sein zunächst abgegebenes Geständnis widerrief, erläuterte das Gericht die Urteilsverkündung wie folgt:

"Das Gericht hält neun Jahre für angemessen. Es liegt kein Geständnis vor und somit auch keine Einsicht, die zu einer Strafminderung hätte führen können. Wir haben bereits berücksichtigt, dass der Angeklagte bisher nicht straffällig geworden ist, keine Vorstrafen hat und familiär wie gesellschaftlich integriert ist. Aber wir müssen auch die physischen Folgen für die Familie des Opfers berücksichtigen", sagte der Richter.

Und ergänzte: "Die Stiche sind mit so heftiger Kraft ausgeführt worden, und wir haben bereits berücksichtigt, dass sicherlich eine Beeinträchtigung seiner Steuerungsfähigkeit vorgelegen hat."

Kritik an Aussagen des Angeklagten

Dann folgten eine Reihe von Kritikpunkten an der Aussage des Angeklagten und seiner Verteidigung, an denen das Gericht sein Urteil festmachte:

So kritisierte der Richter, dass der Angeklagte in der Hauptverhandlung "sein Geständnis widerrief". Und: Die zweite Version sei völlig unglaubwürdig und voller Fehler und Unklarheiten gewesen. Es ist unter anderem nicht ersichtlich, warum der angehörte Zeuge mit einem Messer in der Hand hinter Tür auf ihn lauern sollte.

Genauso unverständlich sei, warum sich der Angeklagte dann umgedreht haben will, und somit mit dem Rücken zum Messer gestanden haben will. Dass er auf einmal von zwei Personen angegriffen worden sein soll, sei völlig unglaubwürdig.

Des Weiteren kritisierte der Richter in seiner Urteilsbegründung: "Es ist auch schwer zu glauben, dass das Opfer mit einem Alkoholwert von immerhin 3,9 Promille ein Messer in der Hand gehalten haben soll, wenn er denn überhaupt noch gerade stehen konnte."

Außerdem führte der Richter an, "dass der Geschehensablauf, wie ihn der Angeklagte schildere nicht mit den Ergebnissen des Gutachters zusammenpasse." Die Kammer gehe davon aus, dass die Bisse und Schläge und auch das Zuhalten des Mundes erfolgt sind, als der Geschädigte bereits am Boden lag.

Ansonsten hätten die Folgen nicht so erheblich sein können und das Opfer hätte ausweichen können. Laut Gutachter war das Opfer nach den Stichen in den Hals auch nicht mehr handlungsfähig und nicht in der Lage sich zu wehren, wie der Angeklagte schilderte.

Ebenso kritisierte der Richter die Behauptung des Angeklagten, was sich nach der Tat zugetragen habe. "Es wäre zu erwarten gewesen, dass der Angeklagte, wenn er schon nicht selber den Notruf wählt, zumindest seinen Familienangehörigen erzählt, dass er von zwei Personen angegriffen worden ist.

Einer angehörten Zeugin erzählte er, dass er von zwei Welpen angegriffen worden sei. Welpen sind laut Allgemeinverständnis junge verspielte Hunden von denen keine Gefahr ausgeht.

Angst vor Vernehmung?

Des Weiteren kritisierte der Richter den Einwand der Verteidigung, dass der Angeklagte darunter geklagt hätte, seine Rechte nicht zu kennen und "die russische Belehrung nicht ausreichend gewesen sei". "Es ist absoluter Quatsch, dass er Angst gehabt hätte, wie in Russland bei einer Vernehmung geschlagen zu werden, genauso wie es Quatsch ist, dass er so eine Aussage nicht ohne seine Frau treffen könne. Schließlich könne er ja auch ohne seine Frau feiern gehen", sagte der Richter.

Und ergänzte: "Im Großen und Ganzen ist das Ziel der Verteidigung, mit einem Freispruch wegen Notwehr aus dieser Verhandlung herauszugehen, ein mühsam gestrickter Sachverhalt. Dieser Schuss ist nach hinten losgegangen. Mit einem vernünftigen Geständnis und einer Entschuldigung hätte man eine mildernde Wirkung erreichen können, aber nicht nach so einem Einwand in der Hauptgerichtsverhandlung."

Außerdem sei es fatal, wie hier die Rechte der Polizei mit Füßen getreten werden, genauso wie die zahlreichen Aussagen der Zeugen mit den Einwänden, wie stolz sie seien, Weissrussen zu sein.

"Fakt ist, diese Leute haben alle gelogen, sie haben zumindest äußerlich zu erkennen gegeben, wie gleichgültig ihnen der Tod des Jungen war. Das, was hier alles in der Verhandlung gelogen wurde, sowas habe ich noch nie erlebt. In einem Rechtsstand hat man auch Pflichten, auch als Zeuge", sagte der Richter.

Abschließend ergänzte er, dass es "aufgrund der Gewalthandlungen und lebensgefährlichen Stiche nahe lag, dass der Angeklagte billigend in Kauf genommen hat, dass der Junge stirbt. Die Stiche gegen Kopf, Hals und Brust und das Zuhalten des Mundes für mindestens 20 Sekunden belegen einen gewissen Vernichtungswillen."

UPDATE, 11.10 Uhr:

Das Urteil gegen den 46-jährigen Altöttinger ist gefallen. Er wurde schuldig gesprochen und zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte hat die Kosten des Prozesses zu tragen. 

Vorbericht:

Zuerst Bisse, dann ein Stich in Höhe der linken Schläfe, dann drei Stiche an den Hals und schließlich ein Stich "mit großer Wucht" ins Herz - so sieht es die Staatsanwaltschaft und fordert zehn Jahre Haft wegen Totschlags für den 46-Jährigen. Seine Verteidiger plädieren auf Freispruch wegen Notwehr. Das spätere Opfer habe den Mann zuerst mit dem Messer angegriffen, ein Geständnis im Polizeiverhör sei nur wegen psychischen Drucks entstanden.

Zum Nachlesen

- 1. Prozesstag: Russische Identität Auslöser des Streits?

- 2. Prozesstag: Unfaires Verhör? Anwalt nimmt sich Polizisten vor

- 3. Prozesstag: Angeklagter wird zur Tat befragt

- 4. Prozesstag: Medizinische Gutachten

- 5. Prozesstag: Plädoyers

Was genau in den fürchterlichen Minuten auf einer Geburtstagsfeier in Ainring-Mitterfelden im November 2016 passiert ist, ließ sich für die Prozessbeteiligten nur schwer nachvollziehen. Alle anderen Partygäste schliefen zur Tatzeit bereits nebenan oder waren nach Hause gegangen. Sowohl das Opfer als auch der Angeklagte waren stark betrunken. Der Anwalt der Nebenklage beispielsweise sieht es nicht als erwiesen an, dass der 19-Jährige den Angeklagten überhaupt mit einem Messer attackierte. 

Das Gericht mit vorsitzendem Richter Erich Fuchs wird das Urteil um 11 Uhr verkünden. 

BGLand24.de berichtet aktuell von der Entscheidung. 

xe/ps

Quelle: chiemgau24.de

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