Artikelserie: "regional, nachhaltig, saisonal"

Stressfreies Schlachten: "Simsseer Weidefleisch" aus Stephanskirchen

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Maria und Rudolf Finsterwalder halten ihre Tiere das ganze Jahr auf der Weide, wo sie das meiste ihres Futters selbst finden. 

Stephanskirchen - Im Schlacht-Fest-Haus der Simsseer Weidefleisch eG werden Tiere, die möglichst lange und glücklich leben konnten, so stressfrei wie möglich geschlachtet, direkt verarbeitet und an den Kunden gebracht. 

++ In unserer vierteiligen Artikelserie "regional, nachhaltig, saisonal" stellen wir Betriebe und Initiativen aus der Region vor, die für ökologische Landwirtschaft stehen. Teil 1: Simseer Weidefleisch. ++

Schon seit längerer Zeit wechseln viele Menschen zu einem vegetarischen oder veganen Lebensstil. Aber nicht alle, die das tuen verschmähen prinzipiell Fleisch. Das Leid der Tiere, die vorherrschende Massentierhaltung und die damit verbundenen Umweltprobleme verderben den meisten den Appetit. Das Architekten-Ehepaar Maria und Rudolf Finsterwalder stellen ihr Alternativkonzept dazu rosenheim24.de vor. 

"Wir bauen zurück in die Zukunft"

Vor zehn Jahren kam den Finsterwalders die Idee für die Simsseer Weidefleisch eG, eine Biometzgerei mit stressfreier Schlachtung und die dazugehörige Gaststätte "Salettl" mit Biergarten. Sie wollten das "Missing Link" bilden zwischen Bauern, die qualitativ hochwertige Produkte anbieten und den Verbrauchern, die bereit sind einen höheren Preis dafür zu zahlen. Das Projekt basierte auf dem Traum ein eigenes kleines Dorf zu gründen mit geschlossenen Kreisläufen, wie es sie in früheren Zeiten gab. Auf dem Gebiet der Landmühle in Stephanskirchen bauen die Architekten "Zurück in die Zukunft", wie sie sagen. 

"Mitanand, wenns umd Wurscht geht"

Getragen wird das Projekt von der Simmseer Weidefleisch eG. Sie kümmert sich um alle wirtschaftlichen Angelegenheiten des Unternehmens von der Finanzierung über den Einkauf der Tiere bis hin zum Verkauf des Fleischs an die Kunden. 

Wer sich beteiligen möchte tritt der Simsseer Verbraucher eG bei, die momentan rund 100 Mitglieder umfasst. Diese investieren anhand von Darlehen in die Weidefleisch eG und können die Projekte durch gewählte Vertreter in der Weidefleisch eG aktiv mitgestalten. Wird über das Jahr ein Überschuss erwirtschaftet, erhalten die Mitglieder der Verbraucher eG einen Teil davon als genossenschaftliche Rückvergütung in Form von Wertgutscheinen ausbezahlt.

Welches Fleisch kommt zum Schlachten? 

Bei ihren Tieren, wie auch bei dem Schlachthaus mit Metzgerei achten die Finsterwalders auf Natürlichkeit. 

Die Finsterwalders kümmern sich in ihrer eigenen Bio-zertifizierte Landwirtschaft momentan um elf Ferkel, sechs Schweine und einige Hühner. Eine Vergrößerung mit weiteren Tieren, Rindern und auch Wassergeflügel ist aber geplant. Hier wird extensive Weidehaltung betrieben, das bedeutet die Tiere sind das ganze Jahr über auf der Weide und finden ihr Futter hier größtenteils selbst. 

Die Schweine wachsen natürlich und ohne intensive Mast heran. Auf Antibiotikum wird nur in Notfällen zurückgegriffen. Im Schnitt wird ein Schwein hier mindestens ein Jahr alt. In konventionellen Betrieben liegt das Schlachtalter bei fünf Monaten. 

Aber nicht nur die Schweine der Finsterwalders werden in Stephanskirchen geschlachtet. Auch B auern aus der unmittelbaren Umgebung bringen ihre Tiere hierher. Die Finsterwalders sehen sich jeden Betrieb, der bei ihnen schlachten möchte, zuvor persönlich an. Einige Bauern gehören Demeter oder Bioland an, ausschlaggebend für eine Aufnahme ist aber das Wohl der Tiere. In der Fleischtheke kann der Kunde auf einem Schild selbst sehen von welchem Hof das Fleisch stammt. 

Das Schlacht-Fest-Haus

Im "Schlacht-Fest-Haus" der Simsseer Weidefleisch eG wird stressfrei geschlachtet, das Fleisch direkt verarbeitet und gleich an den Kunden gebracht. 

Die Tiere sollen sanft vom Leben in den Tod gebracht werden, deshalb ist das Schlachthaus, oder "Schlacht-Fest-Haus", wie es hier bezeichnet wird, so konzipiert, dass die Tiere sich in einem Aufstallungsbereich an die neue Umgebung gewöhnen. Sie gehen durch einen bogenförmigen Gang ohne Antrieb der Bauern zur Betäubung. So werden Stress und Angstzustände vermieden. Betäubt wird durch die Elektrozange oder den Bolzenschuss bei Rindern, der Tod erfolgt durch Ausbluten. 

Nähere Einblicke zum Schlachtvorgang und dem Unternehmen erhalten Sie in einem Beitrag vom Bayerischen Rundfunk, der die Finsterwalders Anfang des Jahres besuchte: 

Von Kopf bis Fuß

Das Fleisch wird direkt nach der Schlachtung verarbeitet. Bei der sogenannten Warmfleischverarbeitung müssen keine zusätzlichen Konservierungsstoffe wie Phosphate eingesetzt werden, da diese noch natürlicherweise im Tier vorkommen. Hier soll kein Tier umsonst gestorben sein, deshalb wird "from nose to tail" alles verwertet. Auch die weitere Verarbeitung zu Würsten oder Grillspießen passiert direkt vor Ort. 

Wie hoch ist der Preis? 

"In dem Moment in dem jemand bereit ist einen höheren Preis zu zahlen, erschließt sich ganz viel Neues", meint Rudolf Finsterwalder. Ihm und seinen Kunden ist der höhere Preis bewusst. Im Schnitt bezahlt man etwa doppelt so viel wie bei anderen Metzgern und das Vierfache des Discounterpreises. Der Fleischgenuss soll etwas Besonderes sein, getreu ihrem Motto "Liaba hoib so vui, aber dreimoi so guad".

In der Bio-Metzgerei in Stephanskirchen sieht man genau von welchem Hof das Fleisch kommt. 

Dafür erhalten die Bauern faire Preise für ihre Tiere und werden bei einem erwirtschafteten Überschuss am Ende des Jahres mit 10 Prozent daran beteiligt. "Jeder der etwas dazu beiträgt, soll auch etwas davon haben", begründen die Finsterwalders ihr Konzept. 

Tamara Zühlsdorff

Quelle: rosenheim24.de

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