Josef E.: "Ich habe Todesangst gehabt"

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Der Schechen-Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

Rosenheim - Der Prozess gegen eine Schechener Familie, die Widerstand gegen Polizeibeamten geleistet haben soll, wurde am Freitag fortgesetzt. Das Ehepaar E. und mehrere Zeugen haben ausgesagt. 

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Der Prozess gegen eine Schechener Familie, die Widerstand gegen Polizeibeamten geleistet haben soll, wurde am Freitag vor dem Rosenheimer Amtsgericht fortgesetzt. Die Verhandlung begann am Vormittag mit der Vernehmung zweier Zeugen, die sich zum Tatzeitpunkt im gleichen Wohnhaus befanden. Zuerst wurde eine ältere Nachbarin der Familie E. verhört. Zusammen mit ihrer Physiotherapeutin befand sie sich während des Vorfalls in ihrer Wohnung.

Erste Fotos vom vierten Prozesstag

Sie gab zu Protokoll, dass die Polizisten sich ihr gegenüber ausgewiesen hätten und zu ihr freundlich gewesen wären. Im weiteren Verlauf meinte die Nachbarin, dass sie Schreie aus dem Hausflur gehört habe. "Wir konnten uns nicht erklären, was da los war." Anhand einer Skizze illustrierte die Nachbarin die Vorfälle. Zu den konkreten Vorgängen konnte sie allerdings nichts sagen, da sie alles nur gehört hatte. Anschließend machte sie Angaben zu den schlechten Lichtverhältnissen im Hausflur.

Danach wurde die Physiotherapeutin der Nachbarin vor dem Amtsgericht gehört. Sie habe die Zivilbeamten schon am Hauseingang getroffen und sie in das Haus gelassen. In einem kurzen Gespräch mit den Beamten hätten sie ihr erklärt, dass sie auf der Suche nach einer bestimmten Person seien. Die Physiotherapeutin und die Nachbarin hätten den Polizisten daraufhin empfohlen, sich an den Herrn E. zu wenden.

"Massive Frauenschreie gehört"

Zurück in ihrer Wohnung hätten sie dann "ganz massive Frauenschreie" aus dem Flur gehört, so die Physiotherapeutin. Sie habe daraufhin kurz durch den Hausspion geschaut, konnte aber nichts erkennen. Als sie wenig später die Wohnung hastig verlies, habe sie zwei Frauen auf dem Boden sitzen sehen. Außerdem habe sie daneben den uniformierten Hundeführer gesehen. Anschließend sei der Krankenwagen vorgefahren.

Die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung stellten den beiden Zeuginnen noch weitere Detailfragen zum Vorfall. Allerdings konnten beide Frauen keine näheren Angaben machen, da sie zum einen die Vorfälle nur gehört hatten und zum anderen der Fall schon längere Zeit her sei.

Update: Der Stand um 12.15 Uhr

Im weiteren Verlauf des heutigen Prozesstages stellte die Verteidigung den Antrag die psychiatrische Untersuchung von Sandra B., die von der Staatsanwaltschaft beim zweiten Prozesstag gefordert wurde, abzuweisen. Sie unterstellte der Polizei und Staatsanwaltschaft die Angeklagten als "psychisch belastet" darzustellen und damit die Glaubwürdigkeit der Angeklagten in Frage zu stellen.

Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Staatsanwälte

Zudem richtete die Verteidigung eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die zwei Staatsanwälte und einen Beamten vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd, da diese gegen die ärztliche Schweigepflicht verstoßen hätten. Die Staatsanwaltschaft brachte nämlich am zweiten Prozesstag mit einem Dokument ein mögliches Trauma ins Spiel, das Sandra B. im Alter von 12 Jahren erlitten hätte und nun ihre Beschreibung des Vorfalls stark beeinflusse.

Die Staatsanwaltschaft nahm zur Dienstaufsichtsbeschwerde nur kurz Stellung und zeigte sich unbeeindruckt. Richter Ralf Burkhard will zu einem späteren Zeitpunkt über den Antrag entscheiden.

Antrag: Staatsanwalt Forster soll als Zeuge aussagen

Ebenfalls zu einem anderen Zeitpunkt soll über einen weiteren Antrag der Verteidigung gegen die Staatsanwaltschaft entschieden werden, mit dem Staatsanwalt Martin Forster in den Zeugenstand geladen werden soll. Anwalt Marco Noli will Forster als Zeuge zu den "anonymen Hinweisen" aus dem Umfeld von Herr E. befragen, auf welche sich die Staatsanwaltschaft im bisherigen Prozessverlauf des öfteren bezogen habe. Diese unterminieren aus Sicht der Verteidigung den Ruf von Herrn E., daher solle der Ursprung geklärt werden.

Im Anschluss reichte die Verteidigung die Bilddateien vom Vorfall an das Gericht weiter.

Aussage von E.

In seiner Zeugenaussage schilderte Herr E. emotional und eindringlich seine Sicht auf das Geschehen. Wörtlich sagte er: "Ich habe Todesangst gehabt" und er habe "brutale Schmerzen empfunden". Er beschrieb seine Verletzungen und die Löschung der Foto auf der Digitalkamera. Er habe einen Polizisten darum gebeten, dies zu unterlassen. Anhand der bereits im Prozess angewendeten Skizze des Hausflurs, ließ sich Richter Burkhard den Ablauf beschreiben.

Angeklagter beantwortet keine Fragen der Staatsanwaltschaft

Bevor die Staatsanwaltschaft von ihrem Fragerecht gebrauch machte, unterstellte Anwalt Noli, dass mit den bislang angewendeten Fragemethoden der Staatsanwaltschaft unfairer Druck auf die Familie aufgebaut werden soll. Er kündigte daher an, dass sein Mandant auf Fragen der Staatsanwaltschaft keine Auskunft geben werde.

Die Staatsanwaltschaft befragte den Angeklagten dennoch, obwohl dieser auf keine Frage antwortete. Unter anderem stellte die Staatsanwaltschaft die Frage, ob E. den Polizisten tatsächlich eine Tötungsabsicht unterstellen wolle.

Daraufhin kam es zwischen der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft zu hitzigen Wortgefechten. Man einigte sich darauf eine Prozesspause einzulegen.

Update: Der Stand um 13.45 Uhr

Nach der Mittagspause ging es zunächst um zwei Vorfälle aus der Vergangenheit von E.

Die Staatsanwaltschaft schilderte einen Vorfall, der sich vor rund 20 Jahren abgespielt hat, als E. Schiedsrichter bei einem Fußballclub war. Damals legte man ihm eine körperliche Auseinandersetzung zur Last. Die Verteidigung erhob gegen die staatsanwaltliche Darstellung Einspruch, da der Vorfall nichts mit der aktuellen Verhandlung zu tun habe. Richter Burkhard ließ jedoch die Ausführung der Staatsanwaltschaft zu. Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass man anhand dieses Vorfalls durchaus die Glaubwürdigkeit des Angeklagten in Frage stellen könne.

Zudem wurde ein zweiter Vorfall in der Dienstzeit des Ex-Polizisten E. aus dem Jahr 1987 angesprochen. Richter Burkhard fragte an dieser Stelle beim Angeklagten nach. Es handelte sich um einen innerpolizeilichen Vorfall, bei der Polizei, Kripo und  Staatsanwaltschaft beteiligt gewesen sein soll. Es ging um einen anonymen Informanten von Herrn E.  Nach Aussage von E. seien aber die Wogen wieder geglättet worden.

E.: Habe gutes Verhältnis zur Polizei

E. wurde schließlich nach einem, wie er sagt, "unverschuldeten Motorradunfall" vom Dienst pensioniert. Dies habe jedoch keinen Einfluss auf seine Einstellung zu seinem vorherigen Arbeitgeber gehabt. Vielmehr habe er ein "gutes Verhältnis" zur Polizei. So legte er Wert auf die Feststellung, dass er sogar am heutigen Freitagabend zu einer Polizeifeier in Nürnberg eingeladen sei.

Insgesamt wird der Ton zwischen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung schärfer.

Update: Der Stand um 15.15 Uhr

Frau E. hat mittlerweile ihre Aussage zu Protokoll gegeben. Sie beschrieb anhand von Fotos und ärztlichen Attesten ihre Verletzungen. Die Frage, ob sie die Polizisten damals beleidigt habe, verneinte Frau E. vor Gericht. Sie schilderte zudem die Vorfälle aus ihrer Sicht.

Anschließend kam ein weiterer, älterer Nachbar der Familie zu Wort. Er meinte vor Gericht, dass er beobachtet habe, wie Frau E. von den Beamten niedergerungen wurde. Aufgrund seines unsicheren Auftretens entschied der Richter, dass der Zeuge später nochmal und mit einem Zeugenbeistand gehört werden soll.

Update 16.30 Uhr

Als letzte Zeugin wurde eine junge Nachbarin von Sandra B. Vernommen. Die Frau beschrieb wie sie sich von zwei Zivilbeamten bedroht gefühlt habe. Die beiden Beamten hätten sich weder als Polizisten vorgestellt, noch ausgewiesen. Als die angeklagte Sandra B. Ihre Türe geföffnet habe, hätten sich die Polizisten von ihr abgewandt und sich ganz auf ihre Nachbarin konzentriert. Die Zeugin beschrieb einige Szenen, die sie entweder gehört oder durch den Türspion beobachtet habe. Sie beschrieb, wie sie ihren Nachbarn Herrn B. im Schwitzkasten eines Polizisten gesehen habe.

Am Ende des Prozess-Tages stellte die Verteidigung einen weiteren Antrag: Sie möchte die Polizeibeamten, die bald als Zeugen aussagen sollen, durchleuchten. Mit Hilfe einer Akteneinsicht soll geklärt werden, ob es bereits Beschwerden über die Beamten gab und wie es mit ihrem Leumund bestellt sei. Die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft und die Entscheidung des Gerichts wird folgen. Der Prozess wird in zwei Wochen fortgesetzt.

cs/ps/mg

Video & Bilder vom zweiten Prozesstag:

Bilder vom Schechener Polizei-Prozess

Quelle: rosenheim24.de

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