Schechen-Prozess: Bericht der Verhandlung

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Vor der Aussage: Josef und Aloisa E. (Mitte) mit ihren Rechtsanwälten.

Rosenheim - Immer wieder muss Josef E. mit den Tränen kämpfen: "Ich dachte, es ist vorbei mit mir." Bei dem Prozess zeichnete er das Bild eines brutalen Vorgehens der Polizei.

Doch die Staatsanwaltschaft glaubt, dass sich die Sache ganz anders abgespielt hat: Das Ehepaar, die Tochter und der Schwiegersohn stehen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte vor Gericht.

Eigentlich waren die zwei Zivilbeamten auf der Suche nach einem Mann, um ihn einer psychiatrischen Untersuchung zuzuführen. Doch der Gesuchte war aus dem Haus längst ausgezogen. Die Polizisten fragten auch bei der Tochter von Josef E. nach. Die Beamten wollten den Ausweis von Sandra B. sehen, die dagegen die Polizeiausweise. Irgendwann eskalierte die Situation. Am Ende waren drei Familienangehörige und ein Polizist verletzt.

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Am Freitag sagten Josef E. und seine Frau aus. Als er in den Flur vor der Wohnung seiner Tochter gekommen sei, hätten Beamte seine Tochter an die Wand gepresst, sein Schwiegersohn habe in der Tür gestanden, so schildert Josef E. die Situation. "Hallo, was ist hier los, kann ich helfen?", habe er gefragt. Ein Beamter habe ihn aufgefordert zu verschwinden. "Ich bin der Hauseigentümer und das ist meine Tochter", habe er geantwortet. Daraufhin habe sich ihm ein Zivilbeamter zugewandt und ihn "aus heiterem Himmel" angesprungen und in den Schwitzkasten genommen. "Ich hatte fürchterliche Schmerzen", so Josef E. Dreimal sei sein Kopf kräftig nach unter gerissen worden, sein Nacken habe geknirscht, er habe Schläge gespürt: "Ich dachte, er bricht mir das Genick." Sein Kopf sei gegen eine Wand oder Tür gerammt worden, er habe zwischendurch immer wieder das Bewusstsein verloren. Als er aufwachte, habe er am Boden gelegen, ein Beamter habe sein linkes Handgelenk an einer Handschelle brutal nach oben gezerrt. Schließlich habe ihm der Beamte das Knie auf die linke Gesichtshälfte gepresst. Wieder sei er ohnmächtig geworden. Nach dem Vorfall lag er eine Woche im Krankenhaus. Er berichtete von Prellungen und Abschürfungen am ganzen Körper sowie Blut im Urin. "Dem Beamten muss bewusst gewesen sein, dass meine Gesundheit und auch mein Leben gefährdet war", sagte der ehemalige Polizist Josef E.

Erste Fotos vom vierten Prozesstag

Fragen der Staatsanwaltschaft beantwortete er nicht, da er kein Vertrauen in deren Objektivität habe, erklärte Anwalt Hartmut Wächtler. Die Staatsanwälte seien erkennbar nicht gewillt, entlastende Fakten zugunsten ihrer Mandanten zur Kennnis zu nehmen, so Wächtler.

Auch Ehefrau Aloisia E. wollte nach ihrer Aussage keine Fragen der Staatsanwälte beanworten. Sie schilderte, wie ihre Tochter gefesselt am Boden gelegen habe, ein Polizist sei auf ihrem Rücken gekniet. Als sie dies fotografieren wollte, hätten Beamte sie daran gehindert. Plötzlich habe ein Polizist sie angesprungen und zu Boden gebracht: "Er hat mir sein Knie auf meinen frischoperierten Kiefer gesetzt." Sie habe Schläge in die Nieren bekommen, sei gefesselt worden. Ein Hundeführer habe einen Polizeihund mehrmals in ihre Richtung gedrängt. Schließlich habe sie einen Schreianfall bekommen.

Zunächst wenig Erhellendes erbrachten die Zeugenaussagen mehrerer Nachbarn. Eine 83-jährige Frau und ihre zufällig anwesende Physiotherapeutin hatten zwar den Tumult bemerkt, aber keine entscheidenden Beobachtungen gemacht. Sie berichteten einhellig von einem korrekten und höflichen Auftreten der Beamten.

Ganz anders war der Eindruck einer weiteren Nachbarin. Es habe geklingelt, so die 29-Jährige. Im dunklen Flur hätten zwei Männer gestanden, die ihr sehr nah gekommen seien und - ohne zu grüßen oder sich als Polizisten vorzustellen - nach einem Mann gefragt hätten. Sie habe sich bedroht gefühlt. Noch während des Gesprächs habe sich die Wohnungstür gegenüber geöffnet. Sandra B. habe freundlich gefragt, ob sie helfen könne. Daraufhin hätten sich die Männer ihr zugewandt. Die Zeugin hörte durch die geschlossene Tür die sich entwickelnden Auseinandersetzung und den Tumult. Durch den Türspion habe sie gesehen, dass Sandra B. zu Boden gebracht, gefesselt und schließlich gegen die Wand gedrückt worden sei. Von massiven Schlägen, wie Sandra B. ausgesagt hatte, hat sie nichts bemerkt.

Bei der Vernehmung der 29-Jährigen im April 2011 durch die Polizei war ein Rechtsanwalt als Zeugenbeistand anwesend, ebenso wie bei einem weiteren, 79 Jahre alten Nachbarn. In beiden Fällen hat Josef E. den Anwalt bezahlt.

au/ku/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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