"Sie sind eine tickende Zeitbombe"

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Rosenheim - Ein Angriff mit einer Flasche endete an einer Tankstelle beinahe tödlich. Der Täter war bereits in jungen Jahren immer wieder straffällig geworden.

Seit er 14 Jahre alt ist, gab es kein Jahr, in dem der Angeklagte nicht straffällig geworden war - ausgenommen die Zeit, in der er hinter Gittern saß. Drei Jahre Jugendgefängnis hat er schon hinter sich. Die Vorsitzende Richterin Jacqueline Aßbichler hatte ihn im Juli 2011 wegen gefährlicher Körperverletzung unter offener Bewährung zu 24 Monaten Gefängnis verurteilt. Bereits damals hatte sie zu ihm gesagt: "Sie sind eine tickende Zeitbombe." Gegen das Urteil hatte der Mann Berufung eingelegt, die vom Landgericht Traunstein im Januar verworfen wurde. Deshalb musste er im Juli seine Haftstrafe antreten.

Dass er nun aus der Haft zu diesem Termin vorgeführt wurde, bewies, wie recht die Vorsitzende damals hatte. Nur zwei Monate nach dem endgültigen Urteil des Landgerichtes verletzte der in Russland Geborene bei einer Gruppenschlägerei einen türkischen Mitbürger schwer. Er schlug dem 23-jährigen Azubi an einer Rosenheimer Tankstelle eine Rumflasche über den Kopf und schlitzte ihm dabei den Hals auf, haarscharf an der Halsschlagader vorbei. Der so Verletzte entging nur knapp dem Tod. Laut einer zweiten Anklage war der berufslose Mann im Juni wieder einmal betrunken ohne Führerschein mit einem fremden Roller fahrend erwischt worden.

Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Rolf Asmus, erklärte, dass sein Mandant in allen Punkten beider Anklagen umfassend geständig sei. Den Hergang vermochte der Täter nur unzulänglich zu schildern. Man habe sich bei der Tankstelle getroffen, um "abzuhängen". Schnaps habe man mitgebracht, Bier in der "Tanke" gekauft. Er habe sich, als eine Schubserei und schließlich Prügelei mit einer türkischen Gruppe begann, zunächst im Hintergrund gehalten. Als jedoch auf einen Freund eingeprügelt wurde, habe er dem zu Hilfe kommen wollen. Dass er mit der Flasche zugeschlagen hatte, habe er zunächst nicht registriert. Erst als die Flasche zerbrochen war, sei ihm das klar geworden. Die Folgen hätte er nie beabsichtigt.

5000 Euro Schmerzensgeld

Das Tatopfer zeigte eine wulstige Narbe am Hals. Als Nebenkläger forderte der Azubi den Ersatz für seine medizinischen Aufwendungen und ein Schmerzensgeld von 5000 Euro, das Rechtsanwalt Jörg Schirmer als Nebenklägervertreter verlangte. Darüber schloss er mit dem Vertreter des Angeklagten einen Vergleich, der dem Opfer einen Forderungstitel über 30 Jahre verschaffte, denn für die nächsten Jahre hat der Angeklagte hinter Gittern kein nennenswertes Einkommen.

Angeklagter aus gutbürgerlichem Haus

Der Gutachter, der Psychiater und Rechtsmediziner Dr. Thomas Schwarz, erklärte, dass der Angeklagte aus gutbürgerlichem Hause stamme. Alle anderen Familienmitglieder gingen ehrenwerten Berufen nach und seien nie straffällig geworden. Der Angeklagte verfüge zwar über einen niedrigen Intelligenzquotienten, aber das sei auch keine Erklärung für sein Verhalten. Nach Ende seiner Schulzeit sei der Jugendliche in "subkulturelle Kreise" geraten. Typisch sei für ihn, dass er nahezu alle Straftaten unter Alkoholeinfluss und meist innerhalb einer Clique begangen habe. Er habe keinen Beruf erlernt, eine "Erwerbsbiografie" sei nicht vorhanden. Es brauche zwei wesentliche Charakteränderungen, sonst würde der Angeklagte immer wieder straffällig werden. Jedoch sei dieser noch jung genug, um das Ruder herumzureißen.

Zum einen sei es nötig, dass der Angeklagte sich eine belastbare Arbeitsmotivation erwerbe, zum anderen müsse er vom Alkohol wegkommen. Es gebe bereits Anzeichen einer suchtbedingten Psychose. Der Rat des Gutachters: Der Angeklagte solle die Haftzeit nutzen, um einen Beruf zu erlernen und nach der Haft müsse er eine Therapie in einer geschlossenen Einrichtung absolvieren. Dann habe er eine Chance.

Die Staatsanwältin führte aus, dass Strafhaft den Angeklagten zu keiner Zeit beeindruckt habe. Sie forderte eine Gesamtstrafe von vier Jahren und befürwortete die Anregung des Gutachters.

Der Nebenklägervertreter rückte die Tat in die Nähe eines versuchten Totschlags. Er forderte viereinhalb Jahre Haft. Der Verteidiger befand, dass es das Anliegen des Gerichtes sein müsse, zukünftigen Straftaten entgegenzuwirken. Er beantragte, an die Strafhaft die geschlossene Unterbringung anzuhängen.

Das Gericht verurteilte den 23-Jährigen zu drei Jahren und zehn Monaten. Eine therapeutische Unterbringung am Ende der Strafhaft sprach es ebenfalls aus. "Wir haben bewusst keine Empfehlung für die Strafabfolge ausgesprochen", so die Richterin, "das hängt ganz davon ab, ob und wie Sie sich in der Strafhaft entwickeln". So warten auf ihn insgesamt fast sieben Jahre Gefängnis.

au/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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