Prozess nach Horror-Crash auf der Miesbacher Straße in Rosenheim

Polizist: "Sie sagte, sie spürte ihre Beine nicht mehr"

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Der Angeklagte mit seinem Rechtsanwalt Harald Baron von Koskull am Donnerstag am Rosenheimer Amtsgericht.
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Rosenheim - Nach einem verheerenden Unfall im November 2016 steht am Donnerstag nur ein Fahrer in Rosenheim vor dem Richter. Ihm wird unter anderem fahrlässige Tötung vorgeworfen. Der erste Prozesstag wurde beendet:

Update 15.40 Uhr: Sachbearbeiter der Polizei sagen aus

Nach der Mittagspause in der Verhandlung gegen einen der Unfallbeteiligten am Horrorcrash auf der Miesbacher Straße im November 2016, hörte das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Merkel am Rosenheimer Amtsgericht zwei weitere Polizei-Beamte.

Den Anfang machte eine Polizistin, die zunächst am Unfalltag bei der Aufnahme vor Ort unterstützte und dann die Vernehmung des Golf-Fahrers und dessen Beifahrerin durchgeführt hatte. Der Fahrer des GTI habe in der Befragung dediziert von einem „Rennen“ gesprochen. Jedoch bezog er sich da auf die beiden BMW, die ihm zum ersten Mal auf einer „Autobahn-artigen Straße“, wahrscheinlich der B15 von der Autobahn in Richtung Panorama-Kreuzung, aufgefallen waren.

Dort hätten ihn die beiden Fahrzeug bereits einmal überholt. Kurze Zeit später, dann auf der Miesbacher Straße, habe er die beiden Fahrzeuge wieder vor sich gehabt. Er setzte zum Überholen an. Warum der Golf-Fahrer, der nach wie vor verhandlungsunfähig krank geschrieben ist, sich dazu entschied, konnte die Beamtin nicht beantworten. „Ich habe schon das Gefühl, provoziert worden zu sein. Ich hab ja auch ein schnelles Auto, die wollten schon was“, habe der Golf-Fahrer in seiner Vernehmung im Krankenhaus zu Protokoll gegeben. Weiter gab die Beamtin an, dass sich die Vernehmung größtenteils sehr schwierig gestaltete. Immer wieder sei der Fahrer im Krankenbett psychisch zusammengebrochen und konnte Fragen, auch auf Nachfrage, nicht deutlich und schlüssig beantworten.

"Da war ein Rennen, ich bin weggedrängt worden, BUMM!"

Zusammen mit weiteren Kollegen war ein weiterer Beamter der PI Rosenheim zum Unfallort gerufen worden. Er machte am Donnerstag ergänzende Angaben zum Unfall in der Miesbacher Straße. „Bei einer Dame waren bereits beim Eintrafen keine Lebenszeichen mehr zu spüren. Dann bin ich zur zweiten Dame in einem der Autos und das werde ich nie vergessen, sie hat gesagt, 'ich spüre meine Beine nicht mehr'“, berichtete der Polizist in der Verhandlung. Erneut brach die Mutter einer der getöteten Mädchen vom Samerberg in Tränen aus.

Der Polizist berichtete weiter: „Dann habe ich mit dem Fahrer des Golf gesprochen. Er hat nur in Fetzen gesagt, 'da war ein Rennen, ich bin weggedrängt worden, bumm'“. Nachdem die Verletzten mit Hubschrauber und Rettungsdienst abtransportiert worden waren, befragten die Beamten die anderen Beteiligten. Diese hätten ein Rennen hingegen abgestritten.

Später vernahm der Polizist noch den heute Angeklagten und Fahrer des ersten BMW. Nachdem man den Golf überholt hatte, habe man schnell gemerkt, dass dieser selbst wieder Gas gab und zum Überholen ansetzte. Der Angeklagte soll dann während des Vorgangs gesagt haben: „Der wird schon kapieren, dass er nicht vorbei kommt“, so der Sachbearbeiter der Polizei.

Der Angeklagte habe weiter angegeben gedacht zu haben, dass der Golf hinter seinem Fahrzeug einscheren wollte, deshalb habe er weder gebremst, noch beschleunigt. Er gab weiter an, dass er den Vorgang schlicht nicht behindern wollte.

Rekonstruktion des Unfalls

Die Analyse des Unfallorts und die Messungen vor Ort hätten dann noch ergeben, dass das entgegenkommende Auto, das mit den drei Samerbergerinnen besetzt war, rund vier Sekunden vor dem Zusammenprall von beiden Fahrern, Golf und BMW, hätte erkannt werden müssen. Spiegelungen in der Lärmschutzwand seien dabei sogar noch früher zu erkennen gewesen, so der Polizist zu den Erkenntnissen aus der Rekonstruktion. Für das Fahrzeug der drei jungen Mädchen zeichnete sich hingegen ein anderes Bild: Nur rund 1,5 Sekunden vor dem Zusammenstoß habe die Fahrerin des Nissan Micra wohl erkannt, dass ihr zwei Fahrzeuge entgegenkamen.

Richter Merkel unterbrach die Hauptverhandlung nach der Aussage der beiden Polizei-Beamten. Verteidiger Rechtsanwalt Koskull merkte zum Ende des Verhandlungstages noch an, dass Polizei und Staatsanwaltschaft seiner Meinung nach fälschlicherweise und vorschnell in eine ganz bestimmte Richtung ermittelt hätten und bereits früh selbst angenommen hätten, dass sich die am Unfall beteiligten Fahrer der beiden BMW und des Golf GTI ein Rennen geliefert hätten. "Diese Hypothese hat die Ermittlungssicht ganz klar beeinflusst", so Koskull abschließend.  

Die Verhandlung wird am 13.Oktober um 8.30 Uhr fortgesetzt. rosenheim24.de berichtet auch dann wieder aus dem Gerichtssaal des Rosenheimer Amtsgerichts.

Update 12.50 Uhr: Aussagen von Mitfahrer des Angeklagten und Polizisten

Nach der kurzen Unterbrechung wurde die Hauptverhandlung mit der Befragung eines weiteren Zeugen fortgesetzt. Er war Insasse des vorderen BMW, dem Fahrzeug des heutigen Angeklagten. Er schilderte den Abend aus seiner Sicht: Aus der Whatsapp-Gruppe, in der er sich regelmäßig zu Treffen mit seinen tuning-begeisterten Freunden verabrede, habe er erfahren, dass man sich am Abend in Kolbermoor versammeln wolle. Auf dem Weg dorthin, sei ihm auf der Miesbacher Straße zum ersten Mal der Golf mit auswärtigem Kennzeichen aufgefallen. „Der ist so dahin geschlichen. (…) Zuerst sind wir dem noch hinterher gefahren, dann haben wir überholt“, beschrieb der 23-Jährige aus Kolbermoor. 

"Und dann hat's auch schon geknallt"

Kurz danach habe er gemerkt, dass der Golf seinerseits erneut zum Überholen ansetzte. Der Abstand zwischen den beiden BMW habe zu diesem Zeitpunkt rund 30 Meter betragen. „Auf jeden Fall mehrere Fahrzeuglängen,“ so der Zeuge weiter. Als er wieder nach vorne geblickt habe, erkannte er die entgegenkommenden Lichter eines Fahrzeugs auf der Gegenspur. Das Auto, in dem er unterwegs war, habe während des gesamten Vorgangs weder gebremst noch beschleunigt. „Ich hab noch gesagt, was macht er jetzt. Und dann hat's auch schon geknallt,“ so der 23-jährige Zeuge. 

Auf die Frage von Richter Merkel, ob das Thema Tuning im Freundeskreis angesagt sagt, erklärte er: „Dass das Auto besser ausschaut, manchmal auch mehr PS hat, klar“, das mache die Faszination ja schließlich aus. Beim Vorhalt des Richters, dass aus seinem WhatsApp-Verlauf auf den beschlagnahmten Handy's erkennbar sei, dass „es sich DIESMAL nicht um ein Rennen“ gehandelt habe, wurde der Zeuge einsilbig. Rennen im Freundeskreis seien ihm nicht bekannt.

Golf mit 80 bis 90 km/h überholt

Als nächster Zeuge machte ein Polizeibeamter der PI Rosenheim Angaben zur Sache. Nach der Alarmierung und dem Eintreffen an der Unfallstelle, habe er den Frontal-Crash dokumentiert. Zudem hatte der Beamte den Fahrer des hinteren BMW noch vor Ort befragt. Der Fahrer habe dem Polizisten gegenüber ausgesagt, dass man den Golf zunächst mit 80 bis 90 km/h auf der Geraden in der Miesbacher Straße überholt habe. Kurze Zeit später habe der Golf dann überholt und es sei zum Unfall gekommen. 

„Kurz nach dem Unfall waren die Fahrer und deren Beifahrer etwas abseits zusammen gestanden und haben sich unterhalten“, erinnert sich der Beamte noch an die Situation an der Unfallstelle. Bei der Vernehmung auf der Wache sei der Fahrer des zweiten Fahrzeugs „nicht sichtlich bekümmert“ gewesen, erst nachdem man ihm die Folgen des Unfalls, zu diesem Zeitpunkt bereits zwei tote Mädchen aufgezeigt habe, sei er „aufgeweicht“, konnte weitere, kleinere Details zum Hergang berichten.

Nach der Mittagspause soll die Verhandlung ab 13.30 Uhr dann mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt werden.

Update 11.35 Uhr: Prozessauftakt und erste Zeugenaussagen

Unter Tränen der Mutter und der Schwester eines der Unfallopfer, die Ende September 2016 bei einem tragischen Verkehrsunfall auf der Miesbacher Straße zwischen Panorama-Kreuzung und Schwaiger-Kreisel ums Leben gekommen waren, verlas die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Dr. Kerstin Spiess, am Donnerstag die Anklageschrift. Besonders die detaillierten Beschreibungen der Verletzungsmuster traf die beiden anwesenden Frauen, die beim Prozess die Rolle der Nebenklägerinnen einnehmen, hart. 

Mit verschränkten Armen verfolgte der Angeklagte die Verlesung der Anklageschrift. „Ich drücke Ihnen im Namen meines Mandaten zuerst seine tiefste Anteilnahme aus“, so der Verteidiger. Auch er selbst schließe sich diesem Wunsch an: „Glauben sie mir, ich weiß, wie es ist, ein eigenes Kind zu verlieren“, so Baron von Koskull weiter.

Anschließend verschafften sich alle Prozessbeteiligten einen Überblick über die Unfallstelle. In einem Video wurde die Strecke zwischen Schwaiger Kreisel und der Panorama-Kreuzung aus beiden Richtungen gezeigt.

Die ersten Zeugen schildern den Unfall

Als erster Zeuge erschien der Mann vor Gericht, der mit seinem Auto hinter dem Auto des Angeklagten fuhr. Über seinen Anwalt ließ er erklären, dass er keine Angaben machen wolle, da er sich durch das Antworten auf Fragen im Zweifel selbst belasten könnte.

Im Anschluss daran machte ein weiterer Zeuge schließlich Angaben: Er sei beim Unfall im hinteren Wagen mitgefahren. Zum ersten Mal sei ihm der Golf, der später in den Frontalzusammenstoß verwickelt war, an der Panorama-Kreuzung aufgefallen. „Stadtauswärts haben wir den dann überholt. Der ist nicht weiter gekommen, auswärtiges Kennzeichen, da haben wir uns nichts dabei gedacht“, so der 22-jährige Zeuge, der mit seinen Freunden auf dem Weg nach Kolbermoor zum McDonalds gewesen war. 

Kurze Zeit später habe der Golf dann plötzlich wieder aufgeholt und anschließend seinerseits zum Überholen angesetzt: „Wir haben uns gedacht, was macht der? Wir haben die Lichter von dem Auto, das da entgegengekommen ist, ja schon gesehen!“ Der Fahrer habe seine Geschwindigkeit dann sogar reduziert, doch der Golf auf der Überholspur habe nicht eingeschert, obwohl vor seinem Fahrzeug ausreichend Platz gewesen wäre. Der Golf auf der linken Spur soll weiter Gas gegeben haben. Solange, bis er frontal mit dem entgegengekommen Fahrzeug zusammenstieß, so der Zeuge. Das Fahrzeug seines Bekannten vor ihm habe während des gesamten Vorgangs nicht gebremst, es sei mit konstanter Geschwindigkeit weiter gefahren. „Wir sind dann sofort aus dem Auto raus, Notruf und haben dann versucht, die Unfallstelle zu sichern“, so der 22-Jährige weiter.

„Mal so von der Ampel weg, das ist doch kein Rennen nicht!“

Auf Nachfrage des Gerichts ergänzte der Zeuge: „Ich gebe ganz offen und ehrlich zu, dass wir gerne mal an Autos schrauben“. Zusammen mit Freunden, die dieselbe Leidenschaft teilten, treffe man sich täglich. „Wir fahren auch gerne mal auf Treffen“, gibt der 22-Jährige an. Von Straßenrennen halte der Zeuge nichts, er habe noch nie an einem Rennen teilgenommen, aber: „Mal so von der Ampel weg, das ist doch kein Rennen nicht!“ erklärte der Zeuge auf erneutes Fragen des Richters. 

Der Verteidiger des Angeklagten verlas daraufhin einen WhatsApp-Verlauf zwischen zwei Mitgliedern des gemeinsamen Freundeskreises - einem jungen Mädchen und dem Fahrer des hinteren Wagens. Dieser schildert den Unfallhergang darin ähnlich wie der Zeuge. Ein Rennen sei man an diesem Tag nicht gefahren.

"Plötzlich ist er ausgeschert"

Als nächste Zeugin sagte die Beifahrerin des Golf-Fahrers vor Gericht aus. Die 41-Jährige habe den Fahrer in einer Facebook- und WhatsApp-Gruppe mit dem Thema "Tuning" kennengelernt. Am Tag des Unfalls habe man sich zu einem ersten Treffen in Rosenheim verabredet. Nach einem gemeinsamen Essen habe man sich wieder verabschieden wollen. „Er ist den ganzen Tag ganz normal gefahren.“ 

Auf dem Weg zum Parkplatz, auf dem die Zeugin ihren eigenen Golf GTI abgestellt hatte, sei man von zwei dunklen BMW überholt worden. „Ganz normal, ist jetzt nicht so, dass das Rowdys waren oder so“, erklärte die Beifahrerin, und weiter: „Zuerst sind wir dann auch wieder ganz normal gefahren. Doch plötzlich ist er ausgeschert. Ich wusste nicht, warum er überholt. (…) Ich habe ihn geschockt angeguckt. Er hat starr nach vorne geschaut“. Als sich ihr Fahrzeug auf Höhe des hinteren BMW befand, sei es dunkel geworden. Wie groß der Abstand zu diesem Zeitpunkt zum vorderen Fahrzeug gewesen war, könne die Zeugin nicht mehr erinnern. „Aufgewacht bin ich dann erst wieder danach. Ich wusste sofort was passiert war.“

Der Prozess ist für für eine kurze Pause unterbrochen und wird anschließend weitergeführt. Wir berichten weiterhin aus dem Gerichtssaal.

Vorbericht

Rund zehn Monate ist es her, dass zwei junge Samerbergerinnen unvermittelt aus dem Leben gerissen wurden. Bei einem schrecklichen Verkehrsunfall auf der Miesbacher Straße zwischen Panorama-Kreuzung und Schwaiger Kreisel in Rosenheim stieß das Fahrzeug, das mit drei jungen Frauen besetzt war, mit einem entgegenkommenden Pkw zusammen. Zwei der drei Insassen starben an den Folgen des Unfalls.

Am Donnerstag beginnt nun der Prozess gegen einen der beiden Männer vor dem Amtsgericht in Rosenheim, die laut Staatsanwaltschaft für die Tragödie verantwortlich seien. Der Fahrer des Wagens, der mit dem Auto der drei Mädchen zusammengestoßen war, sei weiterhin krankheitsbedingt verhandlungsunfähig, wie der Sprecher des Amtsgerichts, Stefan Tillmann, mitteilte. Deshalb habe man sich entschlossen, das Verfahren aufzuteilen.

Vor Gericht also der Mann, dessen Fahrzeug überholt wurde. Folgt man der Argumentation der Staatsanwaltschaft, trage aber auch er eine Mitschuld an den Vorkommnissen: Er habe die Gefahr zwar erkannt, sein Fahrzeug aber nicht abgebremst. Dadurch habe er dem Überholenden nicht die Möglichkeit geboten, sich gefahrlos auf dem rechten Streifen einzuordnen.

Anwalt des Angeklagten warnt vor medialer Vorverurteilung seines Mandanten

"Mein Mandant weist die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entschieden zurück und erwartet sich von der bevorstehenden Hauptverhandlung, dass das Gericht seine Entscheidung ungeachtet aller medial beeinflussten Vorverurteilungen treffen wird" erklärte der Anwalt des Angeklagten in einem Pressestatement gegenüber rosenheim24.de.

Weiter gab der Verteidiger, Rechtsanwalt Harald Baron von Koskull, an, dass sein Mandant den Überholvorgang weder durch Beschleunigen noch Abbremsen behindert habe oder durch selbige Handlungen gar hätte vermeiden können. Die Spekulationen, dass es sich bei dem Vorfall um ein illegales Autorennen gehandelt habe, wies er ebenso deutlich zurück.

Schwerer Unfall in der Miesbacher Straße

Prozessbeginn ab 9 Uhr - Fortsetzung am 13. Oktober

Der abgetrennte Prozess am Rosenheimer Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs beginnt am Donnerstag um 9 Uhr. rosenheim24.de berichtet dann von vor Ort aus dem Gerichtssaal.

Der Fortsetzungstermin wurde auf den 13. Oktober festgesetzt. Wann der Fall des Fahrers, dessen Wagen mit dem Auto der Samerbergerinnen zusammengestoßen war, verhandelt wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

Quelle: rosenheim24.de

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