Alte Regel - neue Erkenntnisse

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Sonne oder Regen? Viele Menschen glauben daran, dass sich der Wettertrend für die kommenden Wochen am heutigen Siebenschläfertag entscheidet.

Rosenheim - "Regnet es am Siebenschläfertag, der Regen sieben Wochen nicht weichen mag", sagt eine uralte Bauernregel über den 27. Juni. Aber stimmt's?

Blicken Landwirte und Gärtner, deren Ernteerfolg vom Wetter der nächsten Wochen abhängt, heute deshalb sorgenvoll zum Himmel? Oder gilt die traditionelle Weisheit mittlerweile als überholt? Die OVB-Heimatzeitungen haben bei Bauern und Gärtnern in der Region nachgefragt.

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"Unsere alten Bauernregeln sind nicht aus der Luft gegriffen", ist Josef Bodmaier, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, überzeugt. Er hat schon oft festgestellt, dass sich Regen rund um den Siebenschläfertag gerne hartnäckig festsetzt und eine längere Nassperiode einläutet. "Deshalb ist es dann ratsam, beim Einholen der Wintergerste keine Zeit mehr zu verschenken." Grundsätzlich ist der Bauer jedoch dem Juli-Wetter relativ hilflos ausgeliefert: "Da lässt sich wenig ausgleichen", bedauert Bodmaier. Die junge Betriebsleitergeneration orientiert sich nach seinen Erfahrungen bei der Ernte außerdem heute in erster Linie an den Agrarwetterdiensten im Internet, nicht am Bauernkalender. "Doch bei den Älteren stellt er nach wie vor ein wichtiges Regelwerk dar."

So auch bei Werner Krämer, Redaktionsleiter des Wendelsteinkalenders. Das bayerische Heimatbuch veröffentlicht alljährlich alle gängigen Bauerregeln, Lostage und den Mondkalender - ein Kalendarium, das bei den Lesern einen beliebten Lesestoff darstellt. Krämer selber gilt als Experte für Bauernweisheiten. Er ist auf dem Land aufgewachsen, hat die alten Regeln schon aus Erzählungen seines Großvaters aufgeschnappt, der diese wiederum vom eigenen Großvater kannte. Krämer hat die hohe Treffsicherheit der Weisheiten später in der eigenen landwirtschaftlichen Ausbildung persönlich "miterlebt", wie er betont. Wobei er Wert darauf legt, dass die sogenannten Lostage wie der 27. Juni, denen eine entscheidende Wetterwirkung nachgesagt wird, nicht auf den Tag genau ausgelegt werden können. "Maßgeblich ist weitgehend das Wetter Ende Juni, Anfang Juli." Denn der Siebenschläfertag am 27. Juni müsste nach der gregorianischen Kalenderreform eigentlich um etwa zehn Tage nach vorne geschoben werden, betont der Experte.

Privat hat auch Gerti Seebacher, Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Bad Feilnbach, die Zeit rund um den 27. Juni alljährlich im Auge. Schon oft genug hat sie festgestellt, dass die alte Bauernregel zutrifft und das weitere Sommerwetter bestimmt. Auf die Ernte in der Apfelregion Bad Feilnbach, wo alljährlich der große Apfelmarkt stattfindet, würde sich ein Schlechtwetter-Siebenschläfertag jedoch nicht dramatisch auswirken. "Viel schlimmer als ein verregneter Sommer ist ein zu kaltes Frühjahr", betont die Garten- und Obstbauexpertin. Sie fürchtet den 27. Juni deshalb nicht, wohl aber die Schafskälte - übrigens auch eine Bauernregel, die nach Erfahrungen von Gerti Seebacher nach wie vor ihre Berechtigung findet.

Mondkalender zuverlässiger als Bauernregeln?

Seit über 20 Jahren beobachtet auch Simsseemarktbauer Anton Forstner das Wetter, hat es mit kurzen Unterbrechungen von Mai bis September aufgeschrieben. Er stellt rückblickend fest: "Die Bauernregeln - auch die vom Siebenschläfertag - stimmen oft." Einen bedeutenden Lostag stellt der 27. Juni nach seiner Einschätzung jedoch nicht dar, denn die Arbeit auf dem Hof muss gemacht werden und lässt sich - außer vielleicht beim Heueinfahren - nicht auf lang anhaltende Wetterkapriolen einstellen. Der von ihm und Ehefrau Annette als Biolandbetrieb bewirtschaftete Schneiderhof in Stephanskirchen setzt deshalb bei den Abläufen eher auf den Mond- statt auf den Bauernkalender - etwa beim Pflanzen von Bäumen oder Gemüse. Auch die Tiere treibt Forstner beim ersten Mal im Frühjahr grundsätzlich nicht an einem Krebs- oder Löwetag auf die Weide. "Das hat sich bewährt, weil sie dann nicht so wild und unruhig sind den Sommer über."

Einer, der bereits seit über 50 Jahren die Natur in Oberbayern intensiv beobachtet, ist der "Kräuter-Wastl" Sebastian Viellechner aus Weyarn. Er stellt bedauernd fest: "Die alten Sprüche und Weisheiten besitzen heute leider nicht mehr den Einfluss wie früher." Der in der Region durch seine Exkursionen bekannt gewordene Kräuterkundler bemerkt zusehends, dass der Klimawandel den alten Bauernregeln, aufgestellt in Jahrhunderten, als es noch keine Wettervorhersagen gab, heftig zusetzt. "Die Natur verändert sich. Das hat sie schon früher getan, doch diese Veränderungen vollziehen sich heute in einem schnelleren Tempo als früher. Es sorgt dafür, dass wir diese Konstanz in den Bewertungen, wie sie in Bauernweisheiten vollzogen wurden, bald nicht mehr erreichen können."

Der "Kräuter-Wastl" nennt als Beispiel für die zurückgehende Bedeutung die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren oft schon im späten August die ersten Blätter von den Bäumen fielen, dass es immer häufiger zu extremen Wetterereignissen wie Starkregen kommt und dass die Übergänge von Frühjahr auf Sommer nicht mehr langsam vonstatten gehen, sondern oft explosionsartig. Sieben Wochen lang ein ähnliches Wetter, wie es der Siebenschläfertag prophezeit, das gibt es heute kaum noch, bestätigt auch Christa Dengler, Vorsitzende des Gartenbauvereins Bad Aibling. "Ich gebe auf den Siebenschläfertag nichts mehr", sagt sie. Kräuterkundler Viellechner fordert sogar, eine neue Ära der Naturbeobachtung einzuläuten - mit Langzeiterfassungen, um daraus ein neues Bauernregelwerk zu erstellen.

Vorerst bleibt es jedoch beim Alten - gut so, denn für heute, den traditionellen Siebenschläfertag, prophezeit die Vorhersage einen trockenen Hochsommertag mit bis zu 25 Grad. Wer mag angesichts dieser Aussichten nicht an die Gültigkeit des alten Lostages glauben?

Heike Duczek (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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