Befreit vom Spezialkommando

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Alina im Klettergarten: Hier findet sie Halt. Das war nicht immer so. Das Mädchen, das vor Jahren von einem 30-köpfigen Einsatzkommando befreit wurde, lebt in einem Kinderdorfhaus des Albert-Schweitzer-Familienwerks.

Rosenheim/Mühldorf - Es waren Szenen wie aus dem Krimi: Eine Polizeieinsatztruppe umstellt das Haus und stürmt eine Wohnung im ersten Stock: Befreit werden zwei kleine Kinder.

Es waren Szenen wie aus dem Krimi: Eine 30 Mann starke Polizeieinsatztruppe umstellt das Haus und stürmt eine Wohnung im ersten Stock. Das Spezialkommando sucht aber weder Terroristen noch Drogenhändler. Es befreit zwei kleine Kinder. Seither leben Erik (5) und Alina (6) nicht mehr bei ihren drogenabhängigen Eltern, sondern in einem Kinderdorfhaus des Albert-Schweitzer-Familienwerks.

Zu der spektakulären Befreiungsaktion, die das Leben von Erik und Alina schlagartig veränderte, kam es schon vor Jahren - in einer bayerischen Stadt, deren Name zum Schutz der Kinder (auch ihre Vornamen sind geändert) hier nicht verraten wird. Die Artikelserie zur Weihnachtsaktion der OVB-Heimatzeitungen hat schon einige Kinderschicksale aufgegriffen, die betroffen machen und niemanden kalt lassen. Das ist bei Erik und Alina nicht anders. Auch ihre dramatische Geschichte zeigt, worum es beim Bau eines Kinderdorfhauses bei Neubeuern geht: Dort sollen Buben und Mädchen wie sie doch noch die Chance bekommen, wie in einer Familie aufwachsen zu können.

Die Wunden der Vergangenheit, entstanden durch Missbrauch, Gewalt oder Vernachlässigung, sind tief. Diese Wunden behutsam vernarben zu lassen, ohne dass sich die Buben und Mädchen therapiert oder "verwahrt" fühlen - um dieses Ziel dreht sich vieles in den Kinderdorfhäusern.

Wenn Spezialkommandos kleine Kinder aus Chaos-Haushalten holen müssen, denkt man an Problemviertel, soziale Brennpunkte, große Städte wie München, Nürnberg oder Augsburg. Aber auch in der Region gibt es viele vergleichbare Schicksale.

Rund 650 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus den Landkreisen Rosenheim, Mühldorf und Traunstein leben derzeit in Pflegefamilien oder in der stationären Jugendhilfe. Im Landkreis Rosenheim sind es 272, in Mühldorf 152 und in Traunstein 221. Knapp die Hälfte wächst in stationären Einrichtungen auf, wozu auch die Kinderdorfhäuser des Albert-Schweitzer-Familienwerks gehören: im Kreis Rosenheim 144, in Mühldorf 79 und in Traunstein 93 Buben und Mädchen.

Viele von ihnen haben drogenabhängige oder gewalttätige Eltern. So wie Erik und Alina. Das Mädchen hat in der Familie einen besonders schweren Stand, weil ihr "Papa" sie für ein Kuckuckskind hält. Jedenfalls verweigert der Amateurboxer, den die Behörden als "latent aggressiv" einstufen, die Anerkennung der Vaterschaft. Er sei wieder einmal im Gefängnis gesessen, als das Mädchen außerehelich gezeugt worden sei, behauptet er.

Als der Vater seine Strafe abgesessen hat und wieder heim kommt, züchtet er auch noch Kampfhunde in der Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt steht die Familie längst unter Beobachtung des Jugendamts. Bei Kontrollen versteckt der Vater die Hunde. Aber danach sind sie schnell wieder da. Nachbarn informieren die Polizei. Ein Amtsarzt untersucht die Kinder auf Verletzungen und Allgemeinzustand. Sie sind unterernährt und verwahrlost.

Das Jugendamt fordert die sofortige Herausgabe der Kinder. Der Vater lehnt ab. So holt der 30-Mann-Trupp die Geschwister aus der Wohnung und bringt sie in eine Albert-Schweitzer-Einrichtung. Dort sind Erik und Alina seit Jahren gut aufgehoben, öffnen sich immer mehr und fassen langsam Vertrauen in ihr Umfeld.

Vor allem die Ausflüge ins Freie genießt das Geschwisterpaar - heute zehn und elf Jahre alt - in vollen Zügen. Sonnenlicht und frische Luft haben Erik und Alina als Kleinkinder kaum kennengelernt im Wohnungsmief zwischen all den Kampfhunden. Aber daran denkt Alina nicht, wenn sie im Klettergarten die Balance hält und Halt findet - wie in ihrem neuen Leben im Kinderdorfhaus.

Zahlscheine in der heutigen Ausgabe

Unterstützen auch Sie die Weihnachtsaktion "Ein Zuhause für Kinder in Not" der OVB-Heimatzeitungen und gewinnen Sie einen Ford B-Max Trend (siehe Seite 40 mit den Namen der Spender). Überweisungsträger liegen der heutigen Ausgabe bei. Bis gestern sind auf den Spendenkonten über 256 000 Euro eingegangen.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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