"Du bist ein Schlappschwanz!"

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Rosenheim - Im Mordfall Samerstraße wurde am Mittwoch erneut eine Hauptverhandlung begonnen. Unter anderem wurden Freunde und ehemalige Arbeitgeber des Angeklagten und der Getöteten befragt.

Der Revisionsprozess zum "Fall Samerstraße" begann am Mittwoch in Traunstein. Nachdem das Ersturteil (Verurteilung wegen Mordes) vom Bundesgerichtshof aufgehoben wurde, muss nun die ganze Verhandlung neu geführt werden. Im damaligen Anklageschreiben war nicht die Rede von "Heimtücke", somit konnte von der Verteidigung ein Verfahrensfehler nachgewiesen werden.

Angeklagter sagte nichts

Pünktlich um 9 Uhr wurde die Verhandlung durch den Vorsitzenden Richter der Ersten Strafkammer, Dr. Klaus Weidmann, eröffnet. Als Erstes verlas der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Peter Dürr aus Rosenheim, eine schriftliche Erklärung. Der Angeklagte äußerte sich bislang nicht selbst und wird dies im weiteren Verlauf des Prozesses wohl auch nicht tun.

Verhandlung "Mordfall Samerstraße"

Depressiv veranlagt

Gegen 10 Uhr wurde das DNA-Gutachten durch die Rechtsmedizinerin vorgestellt. Es seien insgesamt 95 Spuren am Tatort gefunden worden, darunter ein Haar und auch DNA-Spuren an Zigaretten sowie Blutspuren. Ebenso seien eindeutige DNA-Spuren an den Tatwaffen, nämlich dem Messer, einem Schlagstock, einem Klebeband und einer Strumpfhose identifizierbar gewesen.

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Im Blut konnte durch ein toxikologisches Gutachten Cannabis (Thc) nachgewiesen werden. Der Angeklagte gab in der Vernehmung nach der Festnahme einen regelmäßigen Cannabis-Konsum zu.

Es folgte ein psychologisches Gutachten, erstellt durch Andreas Böhm. Demnach ist der Angeklagte depressiv veranlagt und er leide an einer Affektlabilität. Bereits vor der Tat habe er an einem Anti-Aggressionstraining teilgenommen und dieses auch erfolgreich abgeschlossen. Nun werde er mit Antidepressiva behandelt.

Letzte Worte des Opfers

Am heutigen Prozesstag wurden auch erneut die letzten Minuten der Tat besprochen. Demnach habe der Angeklagte seine Partnerin angeschrien: "Du bist eine Hure! Du wirst immer eine Hure bleiben", weil diese ihn betrogen habe. Sie soll ihm daraufhin entgegnet haben, dass er ein Schlappschwanz sei. Die letzten Worte des Opfers hingegen seien laut Angaben des Täters "Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr!" gewesen.

Einschlägiges Strafenregister

Derzeit befindet sich der Angeklagte schon seit acht Monaten und 24 Tagen in Haft. Er sitzt momentan nicht mehr in U-Haft, sondern wegen anderer Straftaten aus früheren Jahren ein. Unter anderem hat er sich einer vorsätzlichen und gefährlichen Körperverletzung, einer Sachbeschädigung und Beleidigungen schuldig gemacht. Vor einigen Jahren hat er zum Beispiel am Autoscooter-Stand auf dem Rosenheimer Herbstfest einem Schüler das Nasenbein gebrochen.

Geld für Sex angeboten

Nach einer Mittagspause wurde der Prozess am Nachmittag mit der Befragung von weiteren Zeugen fortgesetzt. Die Chefin des Opfers, die einen Mini-Job in einer Bäckerei hatte, schilderte vor Gericht ihre Eindrücke vom Privatleben ihrer ehemaligen Angestellten. Diese habe nur noch wegen den Kindern Kontakt zu ihrem Ex-Mann gehabt. Es hätte jedoch auch ein gerichtliches Kontaktverbot gegeben, weil ihr der Ex-Mann schon einmal die Nase gebrochen hatte.

Zwei Tage vor der Tat habe er seinem späteren Opfer dann Geld angeboten, wenn sie noch mal mit ihm Sex haben würde. Die Frau habe dieses "Angebot" jedoch entsetzt abgelehnt.

Auch soll sie gegenüber ihrer Chefin die Befürchtung geäußert haben, dass ihr Ex-Mann ihr irgendwann etwas antun würde. Zudem wusste die ehemalige Chefin zu berichten, dass ihre Angestellte einmal von ihm mit einem Messer in der Wohnung bedroht wurde.

Der ehemalige Chef des Angeklagten, ein Imbissbetreiber, konnte zum Privatleben seines ehemaligen Angestellten nur wenige Aussagen machen. Anders als eine unmittelbare Ohrenzeugin der Tat.

Schreie gehört - Fenster geschlossen

Die 27-Jährige war zum Tatzeitpunkt bei ihrem Freund, der ebenfalls eine Wohnung in der Samerstraße hatte. Während dieser schon schlief, habe sie im Bett liegend laute agressive Schreie und ein Streitgespräch auf Türkisch vom Hinterhof gehört. Unter Tränen erzählte sie, dass sie dies für einen normalen Streit hielt und daraufhin das Fenster zum Hof schloss, um Ruhe zu haben. Erst einen Tag nach der Tat, als sie die Polizeiermittlungen mitbekam, wurde ihr klar, was passiert war. Ihre Aussage war die bisher emotionalste im Gerichtssaal.

Zeugin: Sie hat sich in der Ehe verändert

Danach wurden Freunde des Paares befragt. Die erste Freundin war rund 9 Jahre dem Angeklagten und der getöteten Bäckereiverkäuferin befreundet. Sie berichtete, dass der Angeklagte unter Alkoholeinfluss schnell aggressiv wird. Eine weitere langjährige Freundin kannte das spätere Opfer über 20 Jahre lang und erzählte von der Wandlung der Frau durch die Beziehung.

Bevor sie mit dem Angeklagten zusammenkam, sei sie ein "fröhlicher, starker, intelligenter Mensch mit eigenem Kopf" gewesen. In der Partnerschaft habe sie sich aber zurückgezogen, eine Lehre abgebrochen und hätte auch nicht mehr alleine zum Kaffeetrinken rausgehen dürfen. Erst mit der Zeit habe sie sich wieder mehr Freiheit erkämpft und auch das Abitur nachgeholt.

Als letzter Zeuge hat am Nachmittag ein Sozialarbeiter ausgesagt.   

Der Prozess wird am 19. Oktober mit der Befragung einer Tochter fortgesetzt. Außerdem sollen der Vernehmungsbeamte und der Beamte, der den Angeklagten festgenommen hat, verhört werden. Zwei weitere Termine sind am 23. und 24. Oktober angesetzt.

Der erste Prozess:

Mit tödlichen Verletzungen an Kopf und Oberkörper wurde im Februar 2011 eine Frau in einem Hinterhof in der Samerstraße gefunden. Es handelte sich um eine 38-jährige Rosenheimerin, die sich von ihrem Ehemann getrennt und eine Woche vor ihrem Tod einen neuen Mann kennengelernt hatte. Offenbar aus Eifersucht suchte der 42-jährige Ex-Mann sie in der Tatnacht auf, um mit ihr darüber zu reden – es kam zum Streit, in Folge dessen er auf seine Ex-Frau mit einem Messer los ging. War die Tat geplant oder passierte sie im Affekt? Diese Frage muss jetzt erneut geklärt werden, nachdem das Ersturteil (Verurteilung wegen Mordes) vom Bundesgerichtshof aufgehoben wurde.

Rechtsanwalt Peter Dürr

Das sei die Chance auf ein anderes Urteil für den Angeklagten. „Ziel der Verteidigung ist kein Freispruch, es geht eher um eine rechtliche Frage in dem Fall. Mein Mandant wurde wegen Mordes verurteilt. Allerdings ist aus Sicht der Verteidigung kein Mordmerkmal verwirklicht“, erklärt Peter Dürr gegenüber rosenheim24.de. Es handle sich wenn dann um Totschlag, für einen Mord müsste dem Angeklagten eines der neun gesetzlichen Mordmerkmale nachgewiesen werden.

Das Landgericht Traunstein sah das anders. Der Angeklagte habe heimtückisch gehandelt und wurde deshalb wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. "In der Anklageschrift war von Heimtücke nie die Rede. Außerdem bekräftigte mein Mandant, dass er in der Nacht, als das Unglück passierte, vorher mit dem Opfer gesprochen und gestritten hatte. Seine Ex-Frau kann deshalb über den Angriff nicht überrascht gewesen sein“, erklärt Verteidiger Dürr. Selbst die Staatsanwaltschaft habe das Mordmerkmal der Heimtücke in der Anklageschrift ausgeschlossen.

Ob der Mann, der seine Ex-Frau erschlagen und erstochen haben soll, doch lebenslang hinter Gitter wandert, entscheidet sich jetzt innerhalb von vier angesetzten Verhandlungstagen.

kmr

Quelle: rosenheim24.de

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