In Zukunft stärkere Rechte - Der Rosenheimer Simon H. musste sich das gemeinsame Sorgerecht noch erkämpfen

Ledige Väter warten auf neues Gesetz

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Der ledige Vater Simon Hauser (Name geändert) wollte sich von Anfang an um seine Tochter kümmern. Doch der Weg zum gemeinsamen Sorgerecht war weit.

Rosenheim - Noch immer entscheiden allein die Mütter über die Aufteilung des Sorgerechts. Simon H. hat es sich erkämpft - ein langer, beschwerlicher Weg.

Babybrei selber zubereiten: Ist das besser für den Säugling? Simon H., den wir hier so nennen, ist überzeugt davon. Er hat auf Anraten des Jugendamtes extra einen Kurs besucht, als einziger Vater zusammen mit sieben Müttern. Jetzt weiß er alles über Babynahrung und Windelnwechseln, über das richtige Spielzeug für Bea (auch dieser Name wurde verändert), darüber, wie sich ein Kind in welchem Alter bewegen sollte und überhaupt: Der ledige Vater wollte alles kennenlernen, was Bea gut tut. Er ist ein liebender Vater, "keiner von denen, die ein Kind in die Welt setzen und sich dann nicht kümmern", wie er hervorhebt. Das gemeinsame Sorgerecht mit der Mutter musste er sich trotzdem erst erstreiten.

Es war ein langer Weg, auf dem sich der 32-Jährige vom Jugendamt der Stadt Rosenheim eher alleingelassen als unterstützt fühlte. "Eine Mitarbeiterin hat mir wörtlich erklärt, das Jugendamt ist für die Frau da und nicht für den Vater", sagt H. Für die Frauen, so meint er, werde alles getan. Männer in seiner Lage würden nach wie vor nur als "Erzeuger" und diejenigen wahrgenommen, die zu zahlen haben.

Bisher können ledige Väter nur mit Zustimmung der Mutter das gemeinsame Sorgerecht erhalten. Dies hat der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte 2010 beanstandet und Hoffnungen bei Vätern geweckt, denen es so geht wie H.: Am liebsten würde seine Ex-Freundin den Kontakt zum Vater ganz abbrechen, Unterhalt bekommen und allein über das Kind bestimmen.

Unter dem Druck aus Brüssel hat das Bundeskabinett im Juli 2012 eine Reform des Sorgerechts für Kinder unverheirateter Eltern beschlossen. Väter sollen in Zukunft ein gemeinsames Sorgerecht einfacher und notfalls auch gegen den Willen der Mutter durchsetzen können. H. sieht derzeit noch keinen Unterschied zur vorherigen Situation. Die Gerichte seien gehalten, nach "Kindeswohl" zu entscheiden, und was dies beim Rosenheimer Jugendamt heiße, habe er erlebt. Die Mutter, wurde ihm gesagt, sei zunächst einmal die beste Bezugsperson. Ein kleines Kind brauche den Vater noch nicht. "Ich habe Arbeit, ich trinke keinen Alkohol, bin nicht aggressiv und hatte noch nie mit der Polizei zu tun", versichert H. Trotzdem habe die für ihn zuständige Sachbearbeiterin im Jugendamt vor allem immer Verständnis für die Mutter gezeigt. Sein Bedürfnis, als Vater eine Rolle zu spielen, sei in den Hintergrund gerückt worden.

Manfred Jahn kennt solche und ähnliche Beschwerden der Väter. Tatsächlich nehme aber bei einem Säugling die Mutter erst einmal die wichtigere Rolle ein. Der stellvertretende Jugendamtsleiter bittet um Verständnis für das Amt: "Immer noch gilt das alte Recht, und das müssen wir vetreten. Wir können uns nicht gegen Bundesgesetze stellen."

Das Jugendamt riet H.zur Geduld. Die Mutter brauche nach der Geburt Zeit, sich in die neue Situation hineinzufinden. Der frischgebackene Vater ließ sich darauf auch ein. Nur die von der Mutter eingeräumte Besuchszeit von 1,5 Stunden pro Woche war ihm zu wenig. So besuchte er auf Vorschlag des Jugendamtes den Kurs mit Anleitungen "rings um das Kind" und akzeptierte den Vorschlag, Gespräche bei der Erziehungsberatung der Caritas zu führen. Diese bewirkten bei der Mutter aber auch nach sechs Monaten keinen Sinneswandel. Damit blieb H. nur der Gang vor das Famililengericht. Dies entschied im März 2012, gut ein Jahr nach der Geburt des Kindes, die Mutter müsse das Sorgerecht mit dem Vater teilen.

Wie oft er seine Tochter sehen darf, ist weiter ein Streitpunkt. Dass die noch nicht Zweijährige schon bei ihm übernachtet, bezeichnet das Jugendamt als ungewöhnlich. Kinder sollten dafür mindestens drei Jahre alt sein. Da fehle einfach der Blick für den Einzelfall, meint der 32-Jährige. Er verstehe sich bestens mit seiner Tochter, sie fühle sich wohl bei ihm, auch wenn dies nicht in das Amtsraster passe.

Manfred Jahn kann ihn beruhigen. Die Situation entspreche zwar wirklich nicht der Normalität, aber der Vater scheine alles gut im Griff zu haben. Deshalb sieht das Amt keinen Grund, einzugreifen. Vorwürfe, das Amt interessiere sich nicht für die Bedürfnisse der Väter und reagiere nicht auf Beschwerden, weist er hingegen zurück. Aus Jahns Sicht ist es bei der derzeit immer noch geltenden Rechtslage logisch, dass ledige Väter sich in der schwächeren Position fühlen - denn sie sind es. "Wenn sie dann versuchen, ihre Berater im Amt zu Verbündeten zu machen und ihnen dies nicht gelingt, entstehen immer wieder mal Konflikte, das ist ganz natürlich", sagt Jahn, "wir können aber nicht jedesmal die Berater auswechseln". Abgesehen von allen Klagen, die H. vorbringt, lobt Jahn das Engagement des Vaters ausdrücklich, denn viel zu oft hat das Amt mit Vätern zu tun, die von ihrem Kind nichts wissen wollen und auch keinen Unterhalt zahlen.

H. bleibt dabei: "Mütter erfahren jede Hilfe, ihnen wird alles bezahlt. Väter stehen im Regen." Die Anwaltskosten von knapp 1000 Euro musste er selber tragen. 390 Euro Gerichtskosten, die der Staat übernommen hat, muss H. zurückbezahlen, wenn sein Verdienst steigt. Vätern, denen es ähnlich ergeht, will H. aber Mut machen: "Es lohnt sich, zu kämpfen!"

Das neue Gesetz, mit dem die Regierung die Rechte lediger Eltern stärken will, soll spätestens im Frühjahr 2013 in Kraft treten. Dann wird es spannend für Väter, die bisher vergeblich das gemeinsame Sorgerecht beantragt haben, denn das neue Gesetz gilt dann auch für Altfälle.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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