Prozessauftakt: Rentner gesteht Entführung

Traunstein - Vor dem Landgericht Traunstein hat Roland K. am ersten Verhandlungstag die Entführung seines Finanzberaters gestanden. Er wollte durch die Tat rund 2,4 Millionen Euro von seinem Berater zurückbekommen.    

Es existieren eigentlich nur zwei Hauptdarsteller, dazu viele Nebenrollen, die vor Gericht am ersten Verhandlungstag noch keine große Rolle spielen. Pünktlich um neun Uhr beginnt das Schauspiel zwischen dem Vorsitzenden Richter Karl Niedermeier und dem Angeklagten Roland K. Dem 75-jährigen Rentner wird vorgeworfen, mit einem Freund, Wilhelm D., den US-Unternehmer James A. am 16. Juni 2009 aus dessen Wohnung in Speyer entführt und in das Haus von K. nach Chieming verschleppt zu haben. Angeklagt sind auch die Ehefrau von K., Sieglinde, sowie ein befreundetes Ehepaar vom Schliersee.

Wegen der erdückenden Beweislast legt Roland K. im Laufe der Verhandlung ein umfassendes Geständis ab und bestätigt zum großen Teil die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Er sei von seinem Anlageberater "veräppelt und verarscht" worden, daher habe er zu dieser Verzweiflungstat greifen müssen, so K. gegenüber Richter Niedermeier.

1999 lernt K. seinen Finanzberater kennen

Die Geschichte beginnt Ende 1999 in Napples, im US-Bundesstaat Florida. Dort lernen Roland und Sieglinde K. den Anlageberater James A. kennen. Familie K. wohnt bereits seit 1998 in einer Wohnanlage des kleinen Küstenortes und hat gute Kontakte zu einheimischen Bürgern. James A. wird ihnen von Freunden als seriöser Anlageberater empfohlen. "Wir haben uns getroffen mit Herrn A. und über Finanzprodukte gespochen. Er machte auf uns einen sehr ehrlichen und kompetenten Eindruck", sagt Roland K. dem Vorsitzenden. Das Ergebnis des Gesprächs: Familie K. unterzeichnet einen Dreijahresvertrag, legt 680.000 Dollar in einen Kreditvertrag an und bekommt die jährlich versprochene Rendite von zwöf Prozent. Roland K. gründet auf Empfehlung von A. eine Briefkastenfirma mit den Namen "Bogie Limiteds" auf Nassau. Auf das Firmenkonto fließen von 2000 bis Ende 2002 monatlich 6800 Dollar Zinsen.

Die Angeklagten vor dem Landgericht

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Der zweite Vertrag mit James A. wird unterzeichnet

"Meine Frau und ich haben den Vertrag dann 2003 verlängert, weil die Einzahlungen immer pünktlich auf unserem Konto waren", sagt Roland K. James A. hat sein Geld mit Immobiliengeschäften in Florida verdient und mit seiner Geschäftsidee immer mehr neue Anleger wie auch Familie K. gewinnen können. Der zweite Vertrag zwischen Familie K. und James A. wird daher ohne großes Misstrauen schnell unterzeichnet. Laufzeit: 1. Januar 2003 bis 31. Dezember 2007. Mit den gleichen Konditionen, also zwölf Prozent Rendite im Jahr. Wieder investiert Roland K. 680.000 Dollar in die Immobiliengeschäfte von A. Doch im Dezember 2007 werden auf einmal keine 6800 Dollar auf das Konto der Familie K. überwiesen. "Die Finanzkrise am US-Markt hätte James A. in den finanziellen Ruin getrieben, habe er uns gegenüber behauptet", so Roland K. Der 75-jährige Rentner behauptet, dass ihm durch die beiden Geschäfte mit James A. ein Gesamtschaden von 2,4 Millionen Dollar enstanden sei. "Ich wollte mich mit ihm aussergerichtlich einigen, doch er behauptete, er habe kein Geld mehr, um uns auszahlen zu können."

James A. hat dann 2008 eine Firma in Speyer gegründet und seinen Wohnsitz nach Deutschland verlegt, nachdem er in den USA seine Geschäfte aufgegeben hatte. "Mit seiner neuen Firma werde er ganz viel Geld verdienen und es uns zurückzahlen" zitiert Roland K. den Anlageberater. Erst im Februar 2009 willigt James A. ein und verspricht Roland K. angeblich die Summe zurückzahlen zu wollen. Doch wieder geschieht monatelang nichts. "Wir haben dann einen Termin für den 9. Juni in Speyer vereinbart" erzählt K. Doch das Treffen bringt nicht den gewünschten Erfolg. Wieder wird Roland K. vertröstet und muss nach Chieming abreisen. James A. und K. einigen sich aber auf ein zweites Gespräch am 16. Juni in Speyer in der Wohnung des Anlageberaters. Dieses mal will der Angeklagte auf Nummer sicher gehen. Falls James A. sich wieder weigert die 2,4 Millionen Dollar zu zahlen wird er zu anderen Mitteln greifen. Die der Selbstjustiz.

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Roland K. beschließt seinen Finanzberater zu entführen

Am 14. Juni geht er auf seinen Dachboden und bastelt aus mehreren Pappkartons eine große, stabile, rund 1,90 Meter hohe Kiste. Die Kartons klebt er mit Leim zusammen. Für den gelernten Industriekartonagenmeister keine schwere Aufgabe. Ein Kellerzimmer wandelt Roland K. in eine perfekte Zelle um. Er bringt zwischen dem Fenster und dem Innengitter eine Styroporplatte an. Zusätzlich schraubt er noch vor die Platte ein Holzbrett zur Sicherheit. In den Raum befindet sich noch ein Bett und eine Dusche. Ein perfektes Verlies für einen Gefangenen. Seine Ehefrau Sieglinde bekommt angeblich von den Aktivitäten gar nichts mit. Er spricht auch nicht mit ihr darüber. Am Abend des 15. Juni kommt der Mitangeklagte Wilhelm D. zu Besuch nach Chieming. Am nächsten fahren dann Roland K. und Wilhelm D. nach Speyer zu dem US-Anlageberater um die 2,4 Millionen Dollar zu fordern. Um 20 Uhr treffen sich die drei Herren in der Wohnung von James A. Wieder kommt es zu keiner Einigung.

Der 75-jährige Rentner aus Chieming und sein Freund rasten daraufhin völlig aus. Sie fesseln den Anlageberater an Händen und Füßen mit einem Klebeband, schnüren die Kniegelenke zusammen. Zusätzlich wickelt Roland K. mehrmals das Klebeband um den Mund von James A. Sie wuchten ihr gefesseltes Opfer in den Karton, zerren diesen auf die mitgebrachte Sackkarre und schnüren ihr "Paket" mit Sicherheitsgurten fest. Völlig unbemerkt können die beiden vermeintlichen Entführer mit ihrem Opfer aus dem Treppenhaus entkommen. Sie werfen den Karton in den Kofferraum des Audis, der etwa 400 Meter von der Wohnung entfernt steht. Fahrtziel: Chieming am Chiemsee. Bei einem ersten Halt bei Speyer kann James A. beinahe fliehen, denn während der Fahrt befreit er sich im Kofferraum von den Klebebändern am Körper. "Als wir den Kofferraum öffneten, da wollte mich Herr A. mit einem Brecheisen schlagen, das dort lag", erzählt Roland K. Gemeinsam schaffen sie es, den Anlageberater wieder in den Kofferaum zu sperren. Bei dem Gerangel wird James A. schwer verletzt und bricht sich zwei Rippen.

James A. wird im Keller gefangen gehalten

"Wir haben ihn dabei nicht geschlagen" betont K. gegenüber dem Vorsitzenden auf dessen Nachfrage. Gegen vier Uhr morgens kommt das Trio in Chieming an. Die beiden Männer bringen ihr Opfer in das Kellerzimmer und sperren ihn dort ein. "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn zu uns nach Chieming eingeladen habe, damit er dort in Ruhe nachdenken kann, wie er uns das Geld zurückzahlen will", so der 75-jährige Rentner. Und überhaupt wollte man Herrn A. kein Leid zufügen, sondern nur das Geld zurück. Roland K. spielt eine perfekte Show vor Gericht. Er antwortet nicht sofort auf die Fragen des Vorsitzenden, weicht immer aus und kommt nur sehr selten zum Punkt seiner Aussage. K. spielt das Unschuldslamm, er sei das "eigentliche Opfer des Finanzbetrügers".

Die Entführung bezeichnet er als "Ausflug in den Chiemgau". "Herr Vorsitzender, wir fühlen uns veräppelt und verarscht von Herrn A." Er habe nie oder nur wenig Gewalt angewendet gegen den Anlageberater, "er hätte doch nur in Speyer das Problem lösen müssen, dann hätten wir ihn gar nicht nach Chieming mitgenommen", betont Roland K. Nach weiteren Drohungen willigt James A. im Verließ doch ein und schickt ein Fax an die Schweizer Bank Credit Swiss, bei der Familie K. ein Konto besitzt. Roland K. soll nun 2,4 Millionen Euro bekommen. Doch der Anlageberater täuscht ein weiteres mal die Chiemgauer-Familie.

Auf dem Fax ist die verschlüsselte Botschaft "Sell 100 Call Pol.Ice-bitte heute!" enthalten. Der Banker verständigt daraufhin die Polizei. Die ortet den Faxanschluss und stürmt mit einem Sondereinsatzkommando das Haus von Familie K. in Chieming und befreit den US-Amerikaner gegen vier Uhr morgen am 20. Juni. Seit 21. Juni 2009 sitzen die Angeklagten in Untersuchungshaft.

Gegen den Anlageberater James A. ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern wegen Untreue. Der Prozess ist auf sechs Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil wird gegen Ende März erwartet. Den Angeklagten drohen Haftstrafen von mindestens fünf Jahren.  

Stefan Forster

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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