Organspende-Skandal: Staatsanwaltschaft ermittelt

Regensburg - Der Organspende-Skandal weitet sich aus: In Regensburg sollen in 23 Fällen die Krankendaten bei Transplantationen manipuliert worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Chef der chirurgischen Klinik wurde beurlaubt.

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) hat nach dem Organspende-Skandal höhere Strafen gefordert. “Wenn gegen Gesetze verstoßen wird, dann muss massiv und konsequent bestraft werden“, sagte Merk am Donnerstag in München. Ein Strafmaß von bis zu fünf Jahren Haft für den Handel mit Organen sei “irritierend und relativ gering“. Hier müsse der Gesetzgeber das Strafmaß erhöhen und damit auch die Verjährungsfristen für derlei kriminelles Vergehen. Der aktuelle Skandal um manipulierte Krankendaten bei Transplantationen in Göttingen und Regensburg dürfe nicht das Vertrauen der Bürger in die Transplantationsmedizin generell erschüttern. “Mit einem Organspendeausweis kann man Lebensretter werden für andere.“

Der Organspende-Skandal hat weit größere Ausmaße als zunächst angenommen. Nach dem Universitätsklinikum Göttingen gerät auch die Uni-Klinik Regensburg immer mehr ins Visier der Fahnder. Dort sollen von 2004 bis 2006 in 23 Fällen die Krankendaten bei Lebertransplantationen manipuliert worden sein. Nach einer Strafanzeige des Klinikums ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Hausinterne Überprüfungen hätten Hinweise auf Manipulationen bei Lebertransplantationen ergeben, sagte Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl am Donnerstag. „Wir haben das Klinikum aufgefordert, uns eine deutlich detailliertere Auflistung der aufgeführten Vorwürfe zu geben“, betonte Meindl. Er schloss nicht aus, auch die Krankenakten in den betroffenen Fällen auszuwerten.

Als erste Konsequenz sei der Direktor der chirurgischen Klinik, Professor Hans J. Schlitt, mit sofortiger Wirkung beurlaubt, erklärte Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) am Donnerstag in München. Er habe möglicherweise bei der Kontrolle des hauptverdächtigen Oberarzts versagt. Weitere Fälle seien nicht auszuschließen, sagte Heubisch.

Der Skandal um die Zuteilung von Organspenden war ins Rollen gekommen, weil der als „Doktor O.“ bekannte Oberarzt zuerst in Regensburg und später im Göttinger Uniklinikum Krankenakten gefälscht haben soll. Dabei soll er die Krankheit auf dem Papier verschlimmert haben, damit den betreffenden Patienten schneller eine neue Leber implantiert wurde - obwohl andere sie vielleicht nötiger gehabt hätten. Der Arzt, der seit November vom Dienst suspendiert ist, bestreitet nach Angaben der Göttinger Klinik die Vorwürfe. „Er hat sich vermutlich ins Ausland abgesetzt“, sagte Heubisch.

Die Braunschweiger Staatsanwältin Serena Stamer widersprach dieser Einschätzung. „Nach unseren Erkenntnissen steht er für die Ermittlungsbehörden zur Verfügung.“ Der Mediziner sei ein freier Mann und könne sich auch ins Ausland begeben. Es gebe keine Erkenntnisse, dass er im Ausland untergetaucht sei.

Wissenschaftsminister Heubisch wies alle mit Transplantationen befassten Krankenhäuser in Bayern an, ihre Akten auf Verdachtsmomente zu überprüfen. Ihm liege an größter Offenheit. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Mediziner so handelt“, sagte Heubisch, der vor seinem Wechsel ins Ministerium Zahnarzt war. „Ich will nicht, dass die Ärzteschaft insgesamt oder die Transplantationsmedizin in Generalverdacht kommen.“

Dabei war gegen den nun unter Verdacht stehenden Oberarzt bereits 2005 ermittelt worden. Damals waren nach Angaben des Regensburger Uniklinikums verbotenerweise jordanische Patienten auf eine Warteliste für europäische Transplantationspatienten gesetzt worden. Außerdem war illegalerweise eine Leber in Jordanien transplantiert worden.

Die damaligen Ermittlungen hätten ergeben, dass das Verhalten des Arztes nicht strafbar, sondern möglicherweise eine Ordnungswidrigkeit gewesen sei, sagte Oberstaaatsanwalt Meindl. Demnach hatte der Arzt 2005 legal zunächst eine Lebendspende mit einem Teil des Organs in Jordanien vorgenommen. Als die Patientin das Organ abgestoßen hatte, habe er über die Warteliste für europäische Transplantationspatienten eine weitere Leber erhalten. Ausländer, die sich nicht im Eurotransplant-Gebiet aufhalten, haben jedoch keinen Anspruch auf die Organe. „Es konnten damals Defizite in der Kommunikation zwischen Arzt, Klinik und Eurotransplant nicht ausgeschlossen werden“, betonte Meindl. Es habe aber keinen Anlass für weitere Ermittlungen gegeben.

dpa

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