Obacht, hier kommt die Tracht!

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Festtag: So zieht sich die Drei-Generationen-Trachtler-Familie an, wenn sie mit ihrem Gebirgstrachten-Erhaltungsvereins Rosenheim 1-Stamm unterwegs sind.

Die Tracht soll zur Marke werden. Zur Sonderbriefmarke. Diesen Traum träumen sie in Rosenheim. Ein Besuch bei einer Trachtler-Familie, die dafür in ganz Bayern Unterschriften sammelt.

Und erklärt, warum Trachtenvereine die größten Partnerbörsen der Welt sind – und warum ein Leben ohne Gwand nur ein halbes ist.

Die Tracht soll zur Marke werden. Zur Sonderbriefmarke. Diesen Traum träumen sie in Rosenheim. Ein Besuch bei einer Trachtler-Familie, die dafür in ganz Bayern Unterschriften sammelt. Und erklärt, warum Trachtenvereine die größten Partnerbörsen der Welt sind – und warum ein Leben ohne Gwand nur ein halbes ist.

Alltag: die Großfamilie aus Kolbermoor in Jeans und Pulli. Von links Lukas Belger (10), Peter Feldschmidt junior (17), Oma Gerda Gottwald (72), ihr Lebensgefährte Manfred Mühlbauer (72), Christine Feldschmidt (44), Peter Feldschmidt (44), Annemarie Belger (47), Florian Belger (12) und Martin Feldschmidt (14).

Der Nachmittag bei der Trachtlergroßfamilie beginnt mit Kaffee, Schokokuchen und der wahrscheinlich steilsten These im gesamten Alpenraum. Peter Feldschmidt, 44, Bautechniker, Eigentümer von sieben Lederhosen und Gebirgstrachten-Erhaltungsvereins-Chef, sagt: „Die Trachtler sind die Vorläufer der Rockerbanden.“ Na servus, kann ja lustig werden. Wo samma denn hier gelandet? Darauf erstmal noch einen Kaffee. Ja, Kuchen auch, dankschön.

Muss man ein bisserl draufrumkauen auf so einer Ansage. Der stets heimatliebende, papsttreue, brauchtumspflegende, schuhplattelnde Trachtler soll mal der größte Revolutzki im schönen Bayernland gewesen sein?

Eine unerhörte Vorstellung. Vielleicht sollte man diese lustige Familie aus Kolbermoor, Kreis Rosenheim, mal ein bisserl ans Landeskriminalamt verpfeifen. Grüß Gott, ich hab da ein paar gefährliche Elemente entdeckt, könnte man ins Telefon flüstern. Erkennungszeichen: Lederhosen, prächtige Dirndl, Haferlschuhe, Wadlstrümpfe.

Ewige Trachtler. Oma Gerda als fünfjähriges Madl (links) mit den Eltern Leonhard und Maria sowie den Geschwistern Schorsch, Heini, Martin und Marianne. Das Bild stammt aus Bad Reichenhall.

Könnte man machen, aber man will ja kein schlechter Gast sein, und lässt das mit dem Denunzieren erstmal sein. Außerdem schmeckt der Kuchen grad so gut. Stattdessen trinkt man Kaffee, hört zu, hört sich an, was ein Leben mit der Tracht bedeutet. Dass es einfach schön ist, die Heimat am Körper zu tragen. Dass alle acht Tage Plattlerprobe ist. Dass man bis ins hohe Alter Schuhplatteln kann – so lange der Bauch nicht zu groß ist und man eine gscheite Rindslederne im Schrank hat, die gut klatscht. Dass die Vereinsabende beim Gebirgstrachten-Erhaltungsvereins Rosenheim 1-Stamm, so der volle Name, eine spitzenmäßige Gaudi sind. Und dann: dass die Rosenheimer Trachtler einen Traum haben. Eine eigene Briefmarke. Dass das Projekt schon anrollt. Sogar auf allerhöchster Ebene in Berlin wissen sie schon von den Plänen. Aber dazu kommen wir gleich.

Fototermin mit Tracht und Blumenstrauß: Dirndl sieht auch in Schwarzweiß gut aus – das beweist eine alte Aufnahme aus dem Album der Familie aus Kolbermoor.

Erstmal noch ein Schluck Kaffee – und die Liebe. So ein Trachtenverein, erzählt die Familie, sei natürlich auch eine gigantische Partnerbörse. Vielleicht auch so ein Geheimnis für den jahrhundertelangen Erfolg dieser heimatpflegenden Bewegung. Ledige Lederhose sucht maßgeschneidertes Dirndl für ein gemeinsames Leben unterm weiß-blauen Himmel. So ungefähr. Feldschmidt sagt: „Manche treffen sich über Jahre im Trachtenverein, nichts passiert, und dann sind sie plötzlich doch zusammen. Manchmal glaubt man’s gar nicht.“ Ach ja: Feldschmidt hat seine Ehefrau Christine, 44, auch beim Trachtenverein kennen gelernt. Ehrensache, irgendwie.

Das mit der Liebe war früher allerdings ein großes Problem. „Beim Trachtenverein sind Männlein und Weiblein immer schon gemeinsam weggegangen“, erzählt Feldschmidt. „Das mochte die Kirche nicht.“ Die Rosenheimer Trachtler gibt es seit 1890. Damals waren Trachtler längst noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sie waren eine Subkultur. Querschädelige Rebellen in Lederhosen, die gerne tanzten, Bier tranken und der Obrigkeit und erst recht dem Pfarrer ein Dorn im Auge waren. Schon verwunderlich: Was heute als Inbegriff Bayerns in aller Welt gilt, der krachlederne und am besten rausche- oder zumindest gamsbärtige Urbayer, den hätten viele Einheimische in vergangenen Jahrhunderten am liebsten auf den Mond geschossen.

Das ist auch der Grund, warum Feldschmidt vorher von den Rockerbanden angefangen hat, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den Großstädten und Vororten rumlungerten. Die Trachtler als Vorgänger der Rocker. Nur halt ohne Jeans, Motorrad und Rock’n’Roll, sondern mit handgemachter Volksmusi. Da will man eigentlich mal ein Buch drüber lesen. Spätestens jetzt weiß man, dass ein Anruf beim LKA Blödsinn ist, war ja auch nur Spaß. So schlimm sind diese Trachtler nicht – im Gegenteil. Sie kennen ihre Herkunft genau. Auch wenn sie, da müssen wir ehrlich sein, heute längst keine Rebellen mehr sind. Aber in einer Zeit, in der jeder rebelliert, sogar gegen das Fleischessen und gegen den Winter, da ist es vielleicht auch ganz beruhigend, ein paar Menschen zu kennen, die Gott einen lieben Mann sein lassen, ihre Miesbacher Tracht anziehen und acht Stunden am Stück beim Gaudirndldrahn zuschauen.

Aber ein bisserl von ihrem Furor, von ihrer Querschädeligkeit haben sich die Trachtler bewahrt. Und das ist gut so. Und genau hier kommt die Briefmarke ins Spiel. 2015 ist das große Gaufest in Rosenheim, gleichzeitig feiert der Gauverband 1 der oberbayerischen Gebirgstrachten-Erhaltungsvereine sein 125-jähriges Bestehen. „Da müssen wir schon was Gscheits machen“, sagt Feldschmidt. Was Besonderes. Was, das die Welt noch nicht gesehen hat. Eine Trachtler-Sonderbriefmarke.

Peter Feldschmidt hat recherchiert und was Unerhörtes rausgekriegt. „Es gab noch nie eine Lederhose oder ein Dirndlgwand auf einer Briefmarke“, sagt er. Noch nie. Sogar die Ostfriesische, die Fränkische und die Schwarzwälder Tracht hat es schon zur Marke gebracht. Die hiesige nicht. Unerhört. Schon seit Wochen sammeln sie jetzt Unterschriften, sie haben schon über 1000. Die wollen sie bald dem Bundesfinanzministerium übergeben. Denn dort sitzt ein winziges Gremium, das über neue Briefmarken-Motive entscheidet. Die Trachtler rechnen damit, dass sie gegen gut 1000 Konkurrenz-Motive antreten müssen. „Es wird Zeit für uns“, sagt Feldschmidt.

Man trinkt den letzten Schluck Kaffee. Will sich verabschieden. Aber man kriegt noch die Unterschriftenliste vorgelegt. Unterschreiben, hier, jetzt, sofort. Vorher lassen sie einen hier nicht gehen. Natürlich schreibt man seinen Namen hin. Und wünscht ihnen viel Glück, diesen wunderbaren Trachten-Rockern aus Rosenheim, die ihr Gwand grad zum Kleben erwecken.

Hier können Sie mitmachen

Sie wollen die Aktion mit Ihrer Unterschrift unterstützen? Dann einfach im Internet auf www.rosenheim24.de/trachtenmarke gehen, Formular ausfüllen und abschicken. Gerne können Sie auch Geschichten und Bilder rund um die Tracht beisteuern oder Motivvorschläge für die Marke machen. Die Beiträge schicken Sie an redaktion@ovb.net oder OVB-Heimatzeitungen, Redaktion, Stichwort „Tracht“, Hafnerstraße 5-13, 83022 Rosenheim.

Stefan Sessler/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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