"Ich stecke meine Tochter nicht ins Heim!"

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Rosenheim - Verzweifelt ringt eine Rosenheimer Mutter mit den Behörden um die Schul-Beförderungskosten für ihre schwerstbehinderte Tochter (9).

Magdalena H. (37) ist Hausfrau und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Aufgrund von verschiedenen chronischen Beschwerden stand bei ihr in der Vergangenheit bereits eine Frühverrentung zur Debatte. Im Moment bezieht die Rosenheimerin Hartz IV. Das Geld reicht gerade so für sie selbst und den Unterhalt ihrer beiden Töchter.

Magdalena H. (37) und Tochter Alia (9)

Die jüngste Tochter von Magdalena H., Alia, ist 9 Jahre alt und mehrfach schwerstbehindert. Alia leidet am Rötelnembryopathie-Syndrom, hat einen Grauen Star, ein Loch in der Herzscheidewand, ist taub mit einer geringen Hörfähigkeit im linken Ohr, und leidet neben anderen Geburtsfehlern an einer Autismus-Spektrum-Störung. Trotz ihrer geistigen und körperlichen Behinderungen geht sie mit Begeisterung und Neugier durchs Leben. Besonders technische Geräte haben es der Kleinen sichtlich angetan. Berühren, von allen Seiten betrachten und ausprobieren. Intuitiv entdeckt Alia die Funktionen jeglicher Elektronik im Handumdrehen. Alia ging bis vor Kurzem auf eine spezielle Schule, das Blindeninstitut in München. Diese Schule ist auf die Behandlung von mehrfach schwerstbehinderten Kindern ausgelegt und bietet vielfältige Therapiemöglichkeiten.

Seit September ist Alia nun zu Hause, ihre Mutter schickt sie nicht mehr in die Schule: "Schuld ist der Busunternehmer."

Darum darf Alia nicht mehr zur Schule

Alia wurde in der Vergangenheit regelmäßig von einem Unternehmen aus Germering um 6.30 Uhr abgeholt. Das Transportunternehmen weist eine über 30-jährige Erfahrung in diesem Bereich auf. Im vergangenen Jahr wurde der Vertrag vom Blindeninstitut in München neu ausgeschrieben. Laut Aussage der Schulleiterin, Karin Stecher Stepp, "ist das ein ganz normaler Vorgang", bei dem "zu 50 Prozent nach Qualität und 50 Prozent nach Preis" entschieden wird. Für die nächsten fünf Jahre bekam ein Transportunternehmen mit Firmensitz in Frankfurt den Zuschlag.

"Genau damit hat alles angefangen", berichtet Magdalena H. "Klar kann es in der Übergangsphase zu Problemen kommen. Und dass der Bus manchmal im Stau steht, das verstehe ich auch. Aber was da alles passiert ist, das macht mich sprachlos." Aufgrund ihrer Behinderungen zeigt Alia in Stresssituation  autoaggressives Verhalten. Gerät sie unter Druck, verletzt sie sich selbst. In einem Bus festgeschnallt und fast bewegungsunfähig zu sein, bedeutet dabei einen enormen Stresspegel für die 9-Jährige.

Aus diesem Grund wurde Alia bislang stets auf dem schnellsten Weg mit einem oder zwei weiteren Kindern nach München gebracht. "Eine Fahrzeit von eineinhalb Stunden war damals die Regel. Zwei Stunden sind da wirklich das absolute Maximum," fügt die Mutter hinzu. In der Zeit bevor sich Magdalena H. entschloss, ihr Tochter nicht mehr in die Obhut der Transportfirma zu geben, waren die Zeiten auf drei Stunden, manchmal sogar dreieinhalb Stunden angewachsen. "Das kann und will ich meiner Tochter nicht mehr zumuten. Alia ist aufgrund ihrer Verfassung vom Kinderarzt sogar krank geschrieben worden," fügt Magdalena H. hinzu.

Abschätzige Bemerkungen über Tochter

"Das ist ja noch lange nicht alles," erzählt Magdalena H. weiter. "Die Busse waren teilweise nicht mehr in verkehrssicherem Zustand. Mit einem kaputten Reifen und gesprungener Windschutzscheiben mussten die Fahrer teilweise mehrere Tage fahren. Und von einer guten Ausbildung der Fahrer kann man da auch nicht sprechen." Weiter sagt Magdalena H., dass das Fahrpersonal abschätzige Bemerkungen gegenüber ihrer Tochter gemacht hätte. Es sei der Satz "Mit so einem Kind würde ich mich nicht einmal vor die Türe trauen" gefallen.

In einer schriftlichen Stellungnahme gibt die Frankfurter Transportfirma an, dass die Mitarbeiter "zahlreiche Schulungen, vom Basis-Erste-Hilfe-Kurs über das Seminar 'Stress im Straßenverkehr', intensive Einweisung der Rollstuhlbusfahrer, Seminar 'Grenzwahrender Umgang' bis ADAC Fahrsicherheitstraining" erhalten. Dazu habe man sich "weit über das normale Maß der normalen Beförderungs-Zusammenarbeit hinaus" mit den Belangen von Frau H. beschäftigt. Die Fahrzeuge entsprechen laut Angabe der Firma dabei stets den Standards des TÜV Hessen und besitzen eine Zertifizierung zur "Sicheren Beförderung von kranken und behinderten Menschen".

Mutter verlangt Einzelfahrt

Magdalena H. überzeugt das nicht. Sie sieht nur eine Lösung für Alia: "Alles, was ich will, ist eine Einzelfahrt." Eine andere Lösung komme für die 37-Jährige nicht in Frage. Sie habe nun verschiedene Schulen und Einrichtung in der Rosenheimer Region besucht und überprüft, ob diese die richtigen Voraussetzungen für die Betreuung ihrer Tochter bieten können. "Nur das HPZ in Rosenheim wäre auch nur annähernd denkbar. Dabei muss ich mich aber selbst um eine Begleitperson für Alia kümmern." Wie die mehrfach chronisch kranke Mutter das bewerkstelligen soll, weiß sie nicht.

Die Regierung schreibt zwar in einer Stellungnahme, dass "eine Zusage der Kostenübernahme einer Einzelbeförderung unter anderem nur dann erfolgen kann, wenn medizinische Gründe, die in der zu transportierenden Person der Schülerin liegen, nachgewiesen werden." Ein Nachweis in diesem Fall könne jedoch nicht erbracht werden, weil Alia laut Aussage der Schule und Transportfirma mit maximal zwei weiteren Schülern transportiert werde.

Regierung: "Heimunterbringung wesentlich kostengünstiger"

Des weiteren geht aus dem Schreiben hervor, dass es notwendig sei "die Kosten für den Einzeltransport den Kosten einer Heimunterbringung gegenüber zu stellen. Eine Heimunterbringung wäre wesentlich kostengünstiger. Auch aus diesen Gründen ist die Kostenübernahme einer Einzelbeförderung nicht möglich."

Kinderarzt befürwortet Einzelfahrt

Auf die Frage, was es noch für Alternativen gäbe, bricht Magdalena H. in Tränen aus. "Ich stecke meine Tochter nicht ins Heim", das steht für die zweifache Mutter fest. In einem Attest stellt der behandelnde Kinderarzt der Familie fest, dass Alia aufgrund der gestiegenen Fahrzeiten und der damit verbundenen Verhaltensstörung dringend für eine Einzelfahrt in Frage käme. Doch auch diese Tatsache scheint der Regierung von Oberbayern nicht Grund genug zu sein, eine Einzelfahrt für die kleine Alia in Betracht zu ziehen.

Bis das alte Auto zusammenbricht

Im Moment sucht die alleinerziehende Mutter nach einer Möglichkeit, ihre Tochter in Eigenregie zur Schule in München zu befördern. "Mein Auto ist alt, ich weiß nicht wann es endgültig seinen Geist aufgibt. Aber das scheint im Moment die einzige Möglichkeit, wie ich meiner Tochter die Versorgung bieten kann, die sie auch braucht."

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © Sascha Ludwig

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